Zwischen zwei Stillmahlzeiten sollen mindestens zwei Stunden liegen, sonst bekommt das Baby Bauchweh. Diesen Satz hören Mütter von ihren Müttern, in Foren, manchmal auch von Fachleuten. Er klingt nach einer Regel aus der Stillberatung. Er ist aber etwas anderes: ein Überbleibsel einer geschätzten Verdauungszeit für Kuhmilch, aufgeschrieben vor über hundert Jahren in einem amerikanischen Ratgeber für Mütter und Kinderfrauen.
Das Wichtigste in Kürze
- Es gibt keinen Mindestabstand zwischen zwei Stillmahlzeiten. Du darfst dein Baby anlegen, wenn es Hunger zeigt.
- Die Zwei-Stunden-Regel stammt aus einem Ratgeber von 1907. Sie steht dort zwischen den Kapiteln über Kuhmilch, nicht bei denen über das Stillen. Begründet wurde sie mit einer Schätzung darüber, wie lange Kuhmilch im Magen braucht.
- Muttermilch verlässt den Magen schneller als Flaschennahrung. Nach knapp 50 Minuten ist die Hälfte weiter, bei Flaschennahrung dauert es 78 Minuten.
- Gestillte Babys trinken normalerweise 6- bis 18-mal am Tag. Der kürzeste Abstand, der je gemessen wurde, betrug 4 Minuten.
- Häufiges Stillen macht die Milch nicht dünner.
- Die Unruhe nach dem Stillen ist oft die Folge des Wartens, nicht des Stillens.
Muss ich wirklich zwei Stunden warten?
Nein. Du darfst dein Baby anlegen, wenn es Hunger zeigt. Auch wenn die letzte Mahlzeit erst zwanzig Minuten her ist.
In Deutschland gibt es dazu eine offizielle Empfehlung. Sie stammt von der Nationalen Stillkommission, dem Fachgremium, das beim Bund die Empfehlungen zum Stillen erarbeitet. Gemeinsam mit den Frauenärzten und den Kinderärzten hat sie festgehalten:1
Das Kind wird angelegt, wenn es Anzeichen von Hunger zeigt. Nach einem individuellen Start sind es nach 2 Lebenstagen in der Regel mindestens 8 Stillmahlzeiten in 24 Stunden.
Beachte das Wort „mindestens“. Es gibt eine Untergrenze. Nach oben steht dort nichts. Kein längster Abstand, kein kürzester.
Auch die neueste deutsche Leitlinie zum Stillen sagt dazu nichts.2 Sie regelt, wie lange gestillt werden sollte, nicht wie oft. Es gibt in Deutschland also keine einzige Empfehlung zu Stillabständen. Nicht, weil sie vergessen wurde, sondern weil es nichts zu regeln gibt.
Woher kommt diese Regel?
Aus einem Ratgeber für Mütter, der 1907 in New York erschien. Dort steht sie bei den Kapiteln über die Ernährung des Säuglings mit Kuhmilch.
Aufgeschrieben hat sie Luther Emmett Holt, Professor für Kinderheilkunde an der Columbia University und um 1900 einer der bekanntesten Kinderärzte der USA. Sein Buch hieß übersetzt „Die Pflege und Ernährung von Kindern“ und war ausdrücklich für Mütter und Kinderfrauen gedacht. Es war als Frage-und-Antwort-Buch aufgebaut: Man schlug seine Frage nach und fand darunter die Antwort. Keine Erwägungen, nur Anweisungen. Es erschien in 75 Auflagen.
Der Abschnitt über die Fütterungsabstände steht in dem Teil des Buches, der sich mit der Ernährung von Säuglingen befasst. Aber nicht bei den Seiten über das Stillen. Er kommt erst am Ende einer langen Reihe von Kapiteln über Kuhmilch: wie man sie auswählt und aufbewahrt, wie man sie verdünnt, wie man sie zu Hause zubereitet, wie man damit füttert. Und danach die Frage nach den Abständen.
Dort fragt Holt, warum ein Kind nicht öfter gefüttert werden sollte.3 Seine Antwort: Der Magen brauche mit zwei Monaten fast zwei Stunden, um eine Mahlzeit zu verdauen. Kämen die Mahlzeiten zu dicht hintereinander, treffe neue Milch auf halb verdaute, und das Kind müsse sich übergeben.
Das ist genau der Satz, den Mütter heute noch hören. Nur stand er nie über das Stillen.
Und Holt schreibt selbst, wie die Regel von der Flasche an die Brust kam. Auf die Frage, was beim Stillen wichtig sei, antwortet er:
An erster Stelle, Regelmäßigkeit; sie ist genauso wichtig wie bei der Flaschenernährung.
Sein Maßstab fürs Stillen war die Flasche. Er sagt es selbst.
Zwei Dinge zur Genauigkeit, weil sie im Netz oft durcheinandergehen. Für das Stillen nennt Holt an anderer Stelle eigene Abstände, gestaffelt nach Alter, und ohne die Verdauungsbegründung. Und einen Vierstundentakt fürs Stillen gibt es bei ihm überhaupt nicht. Von ihm stammen die zwei Stunden und die Sache mit der Verdauung.
Und woher kommt der Vierstundentakt?
Gemeint ist damit ein fester Fütterungsplan: Das Kind kommt alle vier Stunden an die Brust, jeden Tag zu denselben Uhrzeiten, dazwischen nicht.
Bei fünf Mahlzeiten am Tag sah das etwa so aus: sechs Uhr, zehn Uhr, vierzehn Uhr, achtzehn Uhr, zweiundzwanzig Uhr. Danach acht Stunden Nachtpause, in denen gar nicht gestillt wurde. Ob das Kind Hunger zeigte, spielte keine Rolle. Der Zeitpunkt stand fest, bevor das Baby wach wurde. Und wenn es zwischendurch schrie, wurde es nicht angelegt, sondern das Schreien wurde ausgehalten.
Entstanden ist dieser Plan bei mehreren Ärzten gleichzeitig, ungefähr zwischen 1890 und 1910. Einen Erfinder gibt es nicht.
Adalbert Czerny und Arthur Keller, zwei Kinderärzte, die damals die Säuglingsheilkunde im deutschsprachigen Raum prägten, schreiben 1906 die deutsche Fassung: feste Stillzeiten, fünf Mahlzeiten am Tag, dazu die lange Nachtpause.4 Ihr Werk wurde zur Grundlage der Lehrbücher und der Schwesternausbildung.
Frederic Truby King, ein Arzt aus Neuseeland, verbreitet ab 1907 die strengste Variante: vier Stunden ab dem Tag der Geburt, nachts möglichst gar nicht.
Warum das damals einleuchtete, hatte drei Gründe.
Um 1900 starb in deutschen Städten etwa jedes fünfte Kind im ersten Lebensjahr, die meisten an Durchfall. Ordnung und Sauberkeit galten als Rettung. Der Zeitplan gehörte in dasselbe Denken wie das Auskochen der Flaschen.
Dazu kam der Krankenhausbetrieb. Neugeborene lagen auf eigenen Stationen, getrennt von ihren Müttern. Feste Zeiten organisierten den Ablauf, nicht das Kind. Und wer Trinkmengen wiegen und in Tabellen eintragen will, braucht Mahlzeiten mit klarem Anfang und Ende. Kurzes häufiges Anlegen ließ sich nicht protokollieren.
Der dritte kam 1928 dazu, und es hatte mit Medizin nichts mehr zu tun. John B. Watson, ein amerikanischer Psychologe und Begründer einer damals einflussreichen Denkschule, schrieb: Feste Pläne erzögen Selbstständigkeit. Auf Schreien einzugehen mache Kinder abhängig und später seelisch krank.
Ab da ging es nicht mehr um Verdauung, sondern um Charakter. Das erklärt, warum das Warten mit solcher Härte durchgesetzt wurde.
Warum sagt meine Mutter etwas anderes als meine Hebamme?
Weil sie weitergibt, was zu ihrer Zeit im Lehrbuch stand. Der Vierstundentakt war in Deutschland bis 1987 gedruckte Standardliteratur.
1934 erschien der Ratgeber von Johanna Haarer, einer deutschen Ärztin, die eng mit dem NS-Regime verbunden war. Sie bündelte, was ihre Vorgänger geschrieben hatten, und verschärfte es: vier Stunden am Tag, acht Stunden Nachtpause, jeden Tag zur gleichen Uhrzeit, und außerhalb dieser Zeiten kein Grund, das Kind anzulegen.
Das Buch verkaufte sich rund 1,2 Millionen Mal. Nach 1945 lief es unter geändertem Titel weiter, inhaltlich fast unverändert. Es war Lehrmaterial in den Mütterschulen und noch in den 1960er Jahren Schulbuch an Fach- und Berufsschulen. Die letzte Auflage kam 1987 heraus. Drei Jahre später erklärten die Weltgesundheitsorganisation und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen das Stillen nach Bedarf zum internationalen Standard.
Eine Sache ist mir hier wichtig. Im Netz liest man oft die Kurzfassung: vier Stunden gleich Haarer gleich Nazizeit. Das stimmt so nicht. Der Takt ist rund dreißig Jahre älter als ihr Buch und kam aus der internationalen Kinderheilkunde. Haarers Beitrag war die ideologische Aufladung und vor allem die enorme Verbreitung.
Dieser Unterschied macht die Sache nicht harmloser, im Gegenteil. Der Vierstundentakt war kein politischer Ausrutscher, sondern jahrzehntelang medizinischer Konsens. Auch ein Fach kann sich über Generationen irren, ohne dass jemand Böses will.
Und deine Mutter gibt kein Gerücht weiter. Sie gibt weiter, was ihr beigebracht wurde.
Was passiert im Bauch deines Babys?
Der Magen füllt sich nicht wie ein Eimer und läuft dann leer. Er gibt von der ersten Minute an ständig weiter in den Darm.
Es gibt keinen Moment, in dem der Magen fertig ist und auf Nachschub wartet. Muttermilch flockt außerdem fein und weich aus, sie liegt nicht als Klumpen im Bauch. Und der Magen ist ein sehr dehnbarer Muskel. Kleine Portionen in kurzen Abständen passen ihm besser als große in langen.
Wie schnell das geht, wurde 1981 gemessen, bei gesunden Babys zwischen vier Wochen und sechs Monaten.5 Nach 48 Minuten war die Hälfte der Muttermilch aus dem Magen weitertransportiert. Bei Flaschennahrung dauerte es 78 Minuten.
Damit fällt die Regel an ihrer eigenen Begründung in sich zusammen. Holt hatte „fast zwei Stunden“ geschätzt, ohne zu messen, und das für Kuhmilch. Als 74 Jahre später jemand tatsächlich nachmaß, kam für Muttermilch weniger als die Hälfte heraus.
Und beide Regeln, die Mütter bis heute hören, stammen aus derselben Ecke: die zwei Stunden und der Vierstundentakt kommen aus der Fütterung mit der Flasche.
Wie oft trinken gestillte Babys?
Zwischen 6- und 18-mal am Tag. Das ist die ganze Spanne des Normalen, nicht die Ausnahme.
Diese Zahlen stammen aus einer Untersuchung, bei der 71 Mütter und ihre Babys zwischen einem und sechs Monaten begleitet wurden.6 Alle wurden voll gestillt, nach Bedarf. Über einen ganzen Tag und eine ganze Nacht wurde jede einzelne Mahlzeit an jeder Brust gewogen. Genauer geht es kaum.
Das kam dabei heraus:
- Mahlzeiten pro Tag: im Schnitt 11, die Spanne reichte von 6 bis 18
- Abstand zwischen zwei Mahlzeiten: im Schnitt gut 2 Stunden, die Spanne reichte von 4 Minuten bis knapp 11 Stunden
- Trinkmenge: im Schnitt 76 Gramm pro Mahlzeit, mal deutlich mehr, mal fast nichts
Drei Dinge daran sind wichtig für dich.
Der kürzeste Abstand lag bei 4 Minuten. Bei einem gesunden Baby, in einer ganz normalen Gruppe. Er wird in der Untersuchung nicht als Ausrutscher behandelt, sondern gehört einfach dazu.
18 Mahlzeiten am Tag bedeuten im Schnitt 80 Minuten Abstand. Über den ganzen Tag gerechnet. Einzelne Abstände liegen also deutlich darunter.
Der Fettgehalt der Milch hing nicht davon ab, wie oft ein Kind trank. Damit ist auch die Sorge erledigt, häufiges Stillen mache die Milch dünn.
Dass die Spanne so groß ist, hat einen Grund. Brüste können unterschiedlich viel Milch zwischenspeichern, und das ist von Frau zu Frau sehr verschieden. Kann deine Brust viel speichern, kommt dein Baby mit weniger Mahlzeiten aus. Speichert sie weniger, trinkt dein Baby häufiger und dafür kleinere Portionen. Am Ende des Tages bekommen beide Babys ähnlich viel Milch. Dein Kind passt sich an das an, was bei dir vorhanden ist.
Wenn kurze Abstände Bauchweh machen würden, müsste ein großer Teil aller normal gestillten Kinder dauerhaft Bauchweh haben.
Und das ist keine Besonderheit unserer Zeit. Zwei Forscher haben 1980 das Stillverhalten bei den !Kung San in der Kalahari gemessen, einem Volk, das damals noch als Jäger und Sammler lebte.7 Dort lag der Abstand zwischen zwei Stillmahlzeiten im Schnitt bei gut 13 Minuten. Den ganzen Tag über, nachts weiter, mit sehr kurzen Mahlzeiten. Das sind mehr als vier pro Stunde. Bei den kleinsten Babys war der Abstand noch kürzer.
Auch bei großer Hitze reicht Muttermilch allein aus. In vier indischen Dörfern wurde das in der heißesten und trockensten Jahreszeit überprüft, bei 35 bis 40 Grad und sehr trockener Luft.8 Die ausschließlich gestillten Babys waren gut versorgt und brauchten kein zusätzliches Wasser.
Kurze Abstände sind bei uns Menschen also der Normalfall, nicht die Abweichung.
„Es hat doch gerade erst getrunken, jetzt nuckelt es nur“
Mit diesem Satz werden Mütter am häufigsten zum Warten gebracht. Er beruht auf einem Missverständnis darüber, wie ein Baby an der Brust trinkt.
Dein Baby bestimmt nicht, wann die Milch fließt. Es passt sich an. Fließt gerade keine Milch, saugt es schneller und flacher. Sobald ein Milchspendereflex einsetzt und die Milch fließt, wechselt es in tiefe, langsame Züge, und du hörst es schlucken.
Was von außen wie Nuckeln aussieht, ist also meistens die Phase, in der dein Baby den nächsten Milchspendereflex in Gang bringt.
Deshalb kannst du am Nuckeln nicht ablesen, ob dein Kind Hunger hat oder nur aus Gewohnheit an der Brust liegt. Du siehst nur, in welchem Teil der Mahlzeit ihr gerade seid.
Dazu kommt: An der Brust geht es nicht nur um Nahrung. Dein Baby beruhigt sich dort, über das Saugen, über deine Wärme, über deinen Körper und dein ruhiges Nervensystem. Und der Mund ist in den ersten Monaten sein wichtigstes Sinnesorgan, mit dem es die Welt erkundet. Diese Bedürfnisse verschwinden nicht, nur weil die letzte Mahlzeit noch nicht lange her ist.
Was passiert, wenn du wartest?
Die Regel erzeugt genau das, was sie verhindern soll.
Ein Baby, das hingehalten wird, kommt nicht entspannt an die Brust, sondern übermüdet und aufgebracht. Es ist hektisch, dockt schlechter an und ermüdet schneller. Es trinkt dann möglicherweise weniger und schluckt dabei mehr Luft. Und das an einer Brust, die inzwischen praller ist und aus der die Milch heftiger schießt.
Die Unruhe danach ist dann die Folge des Wartens. Von außen sieht es aus, als käme sie vom Stillen. Also wird beim nächsten Mal noch länger gewartet.
Dazu kommt etwas, das ich in der Beratung oft sehe. Seltener anlegen heißt, dass die Brust seltener entleert wird. Dann bildet sie weniger Milch. Damit steigt die Gefahr für Milchstau und Brustentzündung, die Gewichtskurve flacht ab, und am Ende steht ein frühzeitiges Abstillen mit der Erklärung, die Milch habe nicht gereicht.
Ist an der Regel gar nichts dran?
Es gibt eine Situation, in der Babys tatsächlich Bauchweh bekommen können. Nur hilft Warten dagegen nicht.
Wenn eine Mutter sehr viel Milch hat und ihr Baby bei jeder Mahlzeit frühzeitig an die zweite Brust wechselt, bekommt es viel von der fettärmeren, milchzuckerreichen Milch und wenig von der fetteren, die erst kommt, wenn die Brust leerer wird. Schaumiger, grünlicher Stuhl und ein unruhiges Baby können die Folge sein.
Was dann hilft, ist nicht Warten, sondern das Gegenteil: Dein Baby soll eine Brust in Ruhe leer trinken, notfalls über mehrere Mahlzeiten hinweg auf derselben Seite bleiben. Häufiges Anlegen an derselben Brust ist hier Teil der Lösung. Mehr dazu findest du in meinem Beitrag über zu viel Muttermilch.
Und noch eine Einschränkung: Wenn dein Baby alle 40 Minuten trinken will und dabei nicht zunimmt, ist das ein Hinweis, dem man nachgehen sollte. Aber nicht auf Bauchweh, sondern darauf, dass es beim Trinken zu wenig Milch bekommt. Auch dann lautet die Antwort nicht „länger warten“, sondern: Anlegen und Trinkverhalten anschauen. Ohne euch gesehen zu haben, kann ich dazu nichts Genaueres sagen.
Und was ist mit Still-Apps?
Die Uhr hängt heute nicht mehr an der Wand, sie liegt auf dem Nachttisch. Viele Still-Apps lassen dich ein Intervall einstellen und melden sich, wenn die nächste Mahlzeit fällig wäre.
Damit ist die alte Regel wieder da, nur freundlicher verpackt. Die Zahl kommt jetzt von dir statt aus einem Ratgeber. Sie steht aber genauso fest, bevor dein Baby wach wird.
Es macht einen Unterschied, wofür du die App benutzt. Festhalten, was war, kann in den ersten Wochen helfen, besonders wenn es um die Gewichtszunahme geht und deine Hebamme mitliest. Vorgeben, was sein soll, bringt dich zurück zu der Frage, die dieser Artikel gerade abräumt.
Untersucht wurde das bisher wenig. Eine römische Arbeit hat Mütter beim Stillen gefilmt und danach eingeteilt, wie intensiv sie ihre App nutzen.9 Bei den intensiven Nutzerinnen liefen die Mahlzeiten weniger gut abgestimmt, und die Mütter selbst waren angespannter. Ob das an der App liegt oder ob unsichere Mütter häufiger zum Handy greifen, lässt sich daraus nicht sagen. In einer australischen Befragung beschrieb eine Mutter, sie sei zu analytisch geworden, und das Stillen lief erst wieder, als sie die App nicht mehr benutzte.10
Wenn du merkst, dass du öfter aufs Display als auf dein Kind schaust, ist das ein brauchbares Zeichen.
Häufige Fragen
Mein Baby will alle 40 Minuten an die Brust. Ist das normal?
Ja. Der kürzeste gemessene Abstand in der oben genannten Untersuchung lag bei 4 Minuten. Solange dein Baby zunimmt und genug nasse Windeln hat, brauchst du nichts zu ändern.
Bekommt mein Baby Blähungen, wenn ich zu früh stille?
Dafür gibt es keinen Beleg. Warum manche Babys viel schreien, ist bis heute nicht geklärt. Es hängt weder davon ab, ob ein Kind gestillt wird oder die Flasche bekommt, noch davon, wie oft es trinkt. Keine einzige Untersuchung zeigt, dass kurze Stillabstände Bauchschmerzen machen.
Wird die Milch dünner, wenn ich häufig stille?
Nein. Der Fettgehalt der Milch war in der Messung unabhängig davon, wie oft ein Kind angelegt wurde.
Muss ich mein Baby nachts wecken, wenn es lange schläft?
Die Nationale Stillkommission nennt eine Untergrenze: in der Regel mindestens acht Stillmahlzeiten in 24 Stunden. Sehr schläfrige Babys sollen dafür geweckt werden. Nach oben gibt es keine Grenze.
Meine Mutter besteht auf dem Vierstundentakt. Was sage ich ihr?
Dass sie recht hat mit dem, was sie gelernt hat. Der Takt stand bis 1987 in den Lehrbüchern. Er kam aus der Flaschenfütterung um 1900 und wurde nie an gestillten Kindern überprüft. So steht nicht ihr Wissen gegen deines, sondern eine alte Regel gegen das, was inzwischen gemessen wurde.
Mein Baby schreit trotz häufigem Stillen viel. Mache ich etwas falsch?
Nein. Häufiges Stillen verhindert das Schreien nicht, und das soll es auch nicht. Bei den !Kung-San-Kindern, die alle 13 Minuten angelegt wurden, gab es dieselbe Phase mit viel Schreien in den ersten Lebensmonaten wie bei uns.11 Insgesamt schrien sie kürzer, aber die Phase selbst blieb. Sie gehört offenbar zur normalen Entwicklung und ist kein Zeichen dafür, dass mit der Ernährung etwas nicht stimmt. Was häufiges Stillen leistet, ist etwas anderes: Es hält deine Milchbildung stabil, und es gibt deinem Baby einen Weg, sich zu beruhigen.
Fazit
Es gibt keinen richtigen Stillabstand, weil es keine zwei gleichen Paare gibt. Wie oft dein Baby trinkt, hängt davon ab, wie viel Milch deine Brust zwischenspeichern kann und wie viel dein Kind pro Mahlzeit nimmt. Beides ist bei euch anders als bei der Frau, die neben dir im Kurs sitzt. Eine feste Stundenzahl kann darauf gar nicht passen.
Wenn du bisher gewartet hast, hast du nichts falsch gemacht. Du hast getan, was dir gesagt wurde, und die Begründung dahinter klingt bis heute einleuchtend. Sie stammt nur aus der falschen Quelle.
Woran du dich stattdessen halten kannst, ist nicht die Uhr an der Wand, sondern dein Kind.
Du darfst also aufhören, auf die Zeit zu sehen. Und du darfst dein Baby anlegen, auch wenn seit der letzten Mahlzeit erst zwanzig Minuten vergangen sind.
Quellen
- Nationale Stillkommission: Stillförderung in Krankenhäusern. Information vom 2. November 1998, Kommentar revidiert 2007. PDF ↩
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft: S3-Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung. AWMF-Registernummer 027-072, Version 1.0, 2025. AWMF-Register ↩
- Holt LE: The Care and Feeding of Children. 4. Auflage, New York 1907, Abschnitt „Intervals of Feeding“. Volltext bei Project Gutenberg ↩
- Czerny A, Keller A: Des Kindes Ernährung, Ernährungsstörungen und Ernährungstherapie. Leipzig und Wien 1906. Die Angaben zu Mahlzeitenzahl und Nachtpause sind hier nach der Fachliteratur wiedergegeben. Digitalisat ↩
- Cavell B: Gastric emptying in infants fed human milk or infant formula. Acta Paediatrica Scandinavica 1981;70:639–641. PubMed ↩
- Kent JC, Mitoulas LR, Cregan MD et al.: Volume and Frequency of Breastfeedings and Fat Content of Breast Milk Throughout the Day. Pediatrics 2006;117(3):e387–e395. Volltext ↩
- Konner M, Worthman C: Nursing frequency, gonadal function, and birth spacing among !Kung hunter-gatherers. Science 1980;207:788–791. Science ↩
- Almroth S, Bidinger PD: No need for water supplementation for exclusively breast-fed infants under hot and arid conditions. Transactions of the Royal Society of Tropical Medicine and Hygiene 1990;84(4):602–604. PubMed ↩
- Cimino S, Cerniglia L: Breastfeeding Apps: A Descriptive Report. Behavioral Sciences 2023;13(10):801. ↩
- Dienelt K, Moores CJ, Miller J, Mehta K: An investigation into the use of infant feeding tracker apps by breastfeeding mothers. Health Informatics Journal 2020;26(3):1672–1683. ↩
- Barr RG: The normal crying curve: what do we really know? Developmental Medicine and Child Neurology 1991;33:601–610. ↩
Autorin: Regine Gresens, IBCLC, August 2026
Foto: capturenow via Canva Pro
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