Ende Juni 2026 ging eine Meldung um die Welt: Stillen könnte das Risiko für ADHS senken. Am 24. August kam sie in den deutschen Gesundheitsportalen ein zweites Mal. Dahinter steht eine Studie aus Norwegen mit 37.643 Kindern.
Angefangen hat es mit einer Pressemitteilung der Universität Bergen vom 26. Juni. Von dort lief die Meldung weiter und erreichte innerhalb weniger Tage die New York Post, euronews, die Frankfurter Rundschau und die Bild.
Ich habe die Studie im Volltext gelesen. Fast alle Meldungen stützen sich auf die Pressemitteilung. Das ist ein Unterschied, und man merkt ihn sofort. In der Studie steht etwas anderes als in den Überschriften.
Das Wichtigste in Kürze
- Gemessen wurden Punkte in einem Fragebogen, den die Mütter selbst ausgefüllt haben. ADHS-Diagnosen kommen in der Studie nicht vor.
- Der Unterschied beträgt etwa einen halben Punkt auf einer Skala von 1 bis 12, gemittelt über 37.643 Kinder. Zwei beliebige Kinder trennen ohnehin mehr Punkte.
- Für ein einzelnes Kind bedeutet dieser Effekt nichts, das schreiben die Forschenden selbst. In keiner deutschen Meldung steht dieser Satz.
- Stillen bringt die Milch und die Nähe zugleich mit sich, und die Studie kann beides nicht auseinanderhalten. In den Meldungen steht die Milch.
- 14,3 Prozent. So viele Mütter haben in Norwegen sechs Monate voll gestillt.
Inhaltsübersicht
Was ist ADHS?
ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Gemeint ist eine Besonderheit der Hirnentwicklung, die in der Kindheit beginnt. Sie zeigt sich in drei Bereichen: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Manche Kinder haben vor allem das eine, manche vor allem das andere, manche beides zusammen.
Für eine Diagnose reicht ein lebhaftes Kind nicht aus. Die Merkmale müssen über Monate bestehen, in mehr als einem Lebensbereich auftreten, also zum Beispiel zu Hause und in der Kita, sie müssen in der Kindheit begonnen haben und den Alltag deutlich erschweren.
Ein Punkt daran ist für alles Weitere in diesem Artikel wichtig. Diese Merkmale liegen auf einer Skala, auf der jeder Mensch irgendwo einen Platz hat. Jedes Kind ist mal unaufmerksam, jedes Kind ist mal zappelig. Die Diagnose zieht eine Linie am äußeren Ende dieser Skala. Genau deshalb konnte die norwegische Studie mit Punktwerten arbeiten: Sie hat gemessen, wo auf dieser Skala ein Kind liegt, ohne über eine Diagnose zu urteilen.
Wie häufig ist ADHS? In Deutschland haben 4,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen eine ärztlich oder psychologisch gestellte ADHS-Diagnose. Erhoben hat das Robert Koch-Institut zwischen 2014 und 2017. Bei etwa zwei Dritteln bleiben die Merkmale bis ins Erwachsenenalter.
Und ADHS ist stark erblich. Zwillings- und Familienstudien schätzen den Anteil der Vererbung auf 70 bis 80 Prozent. Diese Zahl steht auch in der norwegischen Studie, gleich im ersten Absatz.
Was hat die Studie gemessen?
Zwei Angaben derselben Mutter: wie lange sie voll gestillt hat, und wie sie Jahre später das Verhalten ihres Kindes einschätzt.
Die Daten kommen aus einer großen norwegischen Studie, die Mütter, Väter und Kinder über Jahre begleitet hat. Die Kinder sind zwischen 1999 und 2009 geboren. Als sie ein halbes Jahr alt waren, gaben die Mütter Monat für Monat an, wie sie gefüttert hatten. Mit 3, 5 und 8 Jahren füllten sie einen zweiten Bogen aus. Sechs Fragen zu Unruhe und Unaufmerksamkeit, Gesamtwert zwischen 1 und 12.
Ein Wort zu „voll stillen", weil die Meldungen daraus „ausschließlich stillen" machen. Für ihre Berechnung haben die Forschenden volles Stillen so festgelegt: gestillt, ohne Formulanahrung und ohne Beikost. Die zugrunde liegende Definition der Weltgesundheitsorganisation lässt zusätzlich gelegentliche wasserbasierte Getränke zu, also Wasser oder Tee, seltener als einmal pro Woche (im Text der WHO steht auch Fruchtsaft). Der Abstand zu „ausschließlich" ist damit klein. Wer zugefüttert hat, gehört in dieser Studie in keinem Fall zu den voll stillenden Müttern.
Wie groß ist der Unterschied?
Der Unterschied beträgt etwa einen halben Punkt auf einer Skala von 1 bis 12, zwischen Kindern, die nicht voll gestillt wurden, und Kindern, die sechs Monate voll gestillt wurden.
Pro Monat vollem Stillen sank der Wert um 0,06 bis 0,08 Punkte. Über sechs Monate sind das rund 0,4 bis 0,5 Punkte. Die Werte der Kinder streuten in dieser Studie um 2,1 bis 2,6 Punkte. Der gefundene Unterschied ist also kleiner als das, was zwei beliebige Kinder ohnehin trennt.
Die Forschenden schreiben dazu in ihrer Arbeit:
„These effects should not be interpreted as clinically meaningful changes at the individual level. However, even small shifts in a continuously distributed trait may be relevant at the population level."
Auf Deutsch: Für das einzelne Kind bedeutet das nichts. Erst über eine ganze Bevölkerung gerechnet verschiebt sich etwas.
In den Rohzahlen sieht das so aus: Bei den Achtjährigen lagen die Kinder, die sechs Monate voll gestillt wurden, im Schnitt bei 3,0 Punkten, alle anderen bei 3,4. Diese beiden Zahlen sind unbereinigt, es steckt also noch alles darin, was die Mütter voneinander unterscheidet.
In der deutschen Meldung wird die Erstautorin Berit Skretting Solberg anders zitiert. Der schützende Effekt zeige sich „deutlich, wenn auch moderat". Beide Aussagen kommen von derselben Person. Weitergereicht wird die zweite. Ich halte die aus der Studie für die genauere, weil dort die Zahlen daneben stehen.
Noch ein Beispiel dafür, was auf dem Weg von der Pressemitteilung zur Schlagzeile passiert. In der Mitteilung der Universität Bergen steht, der Zusammenhang habe sich bei Jungen und Mädchen gezeigt und sei mit drei und fünf Jahren am stärksten gewesen, mit acht Jahren schwächer.
Bei euronews wurde daraus: „Bei Mädchen war der Zusammenhang in allen Altersgruppen am stärksten."
Aus einer Aussage über das Alter ist eine Aussage über das Geschlecht geworden. In der Studie findet sich dazu die Angabe, dass die Effekte schwächer wurden, sobald nach Geschlecht getrennt gerechnet wurde.
Der Punkt mit dem Alter ist für sich genommen interessant. Der Zusammenhang wird kleiner, je älter die Kinder werden. Eine Erklärung dafür bietet die Studie nicht an.
Sagt die Studie etwas über ADHS-Diagnosen?
Nein. Sie hat Fragebogenwerte ausgewertet. Diagnosen kommen darin ausdrücklich nicht vor, und die Forschenden schreiben das auch hin.
Hier geht die Meldung über die Studie hinaus. Aus „etwas niedrigere Werte im Elternfragebogen" wird in der Überschrift „geringeres Risiko für ADHS".
Die Forschenden begründen sogar, warum sie keine Diagnosen genommen haben: Ob ein Kind in Norwegen eine ADHS-Diagnose bekommt, hängt stark davon ab, in welcher Region es lebt. Die Diagnose sagt damit teilweise mehr über den Wohnort aus als über das Kind.
Eine Zahl aus der Studie wird trotzdem Karriere machen. 44 Kinder müssten sechs Monate voll gestillt werden, damit ein Kind mit 8 Jahren keinen auffällig hohen Wert hat. Diese Rechnung ist die schwächste der ganzen Arbeit. Sie ist nicht um andere Einflüsse bereinigt, und das steht im Kleingedruckten.
Liegt es an der Muttermilch?
Das weiß niemand. Die Studie kann diese Frage nicht beantworten, und sie behauptet es auch nicht.
In der deutschen Meldung liest es sich anders. Dort steht, Muttermilch enthalte langkettige Fettsäuren, Aminosäuren, Antikörper und nützliche Bakterien, die der Gehirnentwicklung zugutekommen. Das klingt nach der Erklärung für das Ergebnis.
In der Studie steht das im Kapitel mit den Vermutungen. Dort werden mehrere mögliche Wege nebeneinandergestellt. Einer geht über die Inhaltsstoffe der Milch. Der einzige direkte Beleg, den die Studie für diesen Weg anführt, stammt aus einem Versuch mit Mäusen, die einen Zucker aus der Muttermilch bekamen. Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit der Jungtiere verbesserten sich. Ein zweiter Weg geht über etwas ganz anderes: über den Hautkontakt zwischen Mutter und Kind und über die Bindung, die dabei entsteht.
Stillen bringt beides mit sich, die Milch und die Nähe. Diese Studie kann die beiden nicht auseinanderhalten. Wer schreibt, es liege an den Inhaltsstoffen, hat sich für eine der Vermutungen entschieden und die andere weggelassen. Was tatsächlich in Muttermilch steckt und wie sie sich von Formulanahrung unterscheidet, habe ich hier ausführlich aufgeschrieben.
Warum ist die Studie trotzdem gut gemacht?
Weil sie zwei Dinge getan hat, die bei diesem Thema fast nie jemand tut. Sie hat die Vererbung mit eingerechnet, und sie hat Geschwister verglichen.
Bei Stillstudien zu ADHS gibt es immer dasselbe Problem. Mütter mit ADHS stillen im Schnitt kürzer, und ihre Kinder haben häufiger ADHS. Wer das nicht herausrechnet, misst Vererbung und nennt das Ergebnis Stillwirkung. Diese Studie hat deshalb genetische Werte von Kind, Mutter und Vater einbezogen. Dass auch die Väter dabei waren, ist selten.
Dann der Geschwistervergleich: 5.285 Paare von Geschwistern, die unterschiedlich lange gestillt wurden. Gleiche Eltern, gleiche Wohnung, gleiches Einkommen. Der Zusammenhang blieb auch dort bestehen. Und je länger gestillt wurde, desto niedriger die Werte.
Das ist saubere Arbeit. Wer diese Studie abtut, macht es sich zu leicht.
Warum heißt Korrelation nicht Ursache?
Wenn zwei Dinge gemeinsam auftreten, nennt die Forschung das eine Korrelation. Ein Zusammenhang also. Ob das eine das andere verursacht, sagt eine Korrelation nicht.
Ein Beispiel, an dem man es sofort sieht: Je mehr Feuerwehrleute bei einem Brand im Einsatz sind, desto höher ist der Schaden. Diesen Zusammenhang gibt es wirklich. Trotzdem käme niemand auf die Idee, der Feuerwehr den Schaden anzulasten. Ein dritter Faktor steuert beides, nämlich die Größe des Feuers. Große Brände richten großen Schaden an und brauchen viele Einsatzkräfte.
Bei Stillstudien ist dieser dritte Faktor die Mutter.
Das lässt sich an der norwegischen Studie direkt zeigen. Unter den Müttern, die sechs Monate voll gestillt haben, hatten 74,7 Prozent einen Hochschulabschluss. Unter denen, die kürzer voll gestillt haben, waren es 64,6 Prozent. Die Stilldauer hängt also mit der Bildung zusammen. Und die Bildung der Mutter hängt ihrerseits mit den ADHS-Werten der Kinder zusammen.
Man kann solche Faktoren herausrechnen, und die Forschenden haben das getan. Vorher lag der gefundene Effekt bei 0,10 bis 0,12 Punkten pro Monat. Nachdem Bildung, Alter der Eltern und die Zahl der vorherigen Kinder eingerechnet waren, lag er bei 0,06 bis 0,08. Rund ein Drittel des Zusammenhangs hat sich damit aufgelöst. Die Forschenden schreiben selbst, dass an dieser Stelle die stärkste Abschwächung eintrat.
Ein Drittel dessen, was zuerst nach Stillwirkung aussah, war also die Mutter.
Bleibt die Frage, ob der Rest vom Stillen kommt. Dabei hilft eine Untersuchung aus Belarus weiter.
Der Aufbau war so: 31 Geburtskliniken wurden per Los in zwei Gruppen geteilt. Die eine Hälfte bekam ein Programm zur Stillförderung, die andere nicht. In den Kliniken mit Programm stillten die Mütter danach länger. Als die Kinder 6,5 Jahre alt waren, beurteilten ihre Eltern und ihre Lehrkräfte das Verhalten. 13.889 Kinder waren dabei.
Diese Kinder kann man aus zwei Blickwinkeln anschauen.
Blickwinkel A: Man vergleicht die beiden Klinikgruppen. Wer in welche Gruppe kam, hat das Los entschieden. Deshalb sind sich die Mütter auf beiden Seiten im Schnitt ähnlich, auch in allem, was niemand gemessen hat. Ergebnis: kein Unterschied im Verhalten der Kinder.
Blickwinkel B: Man vergleicht dieselben Kinder danach, wie lange sie tatsächlich gestillt wurden. Das hat jede Mutter selbst entschieden. Ergebnis: ein deutlicher Unterschied im Verhalten.
Dieselben Kinder, zwei Vergleiche, zwei Antworten.
Der Unterschied liegt darin, wer die Gruppen zusammengestellt hat. Das Los verteilt alles Übrige gleichmäßig auf beide Seiten: Bildung, Einkommen, Gesundheit, Belastung, Temperament. Bei der zweiten Art haben die Mütter selbst entschieden. Und Frauen, die lange stillen, unterscheiden sich in vielen weiteren Dingen von Frauen, die früh aufhören. Diese Unterschiede tauchen im Ergebnis auf und sehen dort aus wie eine Wirkung des Stillens.
Michael Kramer und sein Team haben daraus 2011 den Schluss gezogen: Was in solchen Vergleichen sichtbar wird, sind die Unterschiede zwischen den Müttern. Die Milch erklärt es nicht.
Und es gibt eine dritte Möglichkeit. Der Zusammenhang kann in die andere Richtung laufen.
Ein Baby, das schwer zur Ruhe kommt, viel schreit und an der Brust unruhig ist, lässt sich schwerer stillen. Solche Kinder werden häufiger früh abgestillt. Und es sind dieselben Kinder, bei denen später öfter ADHS-Merkmale auffallen. In diesem Fall wäre die Unruhe des Kindes die Ursache für das kürzere Stillen. Der gefundene Zusammenhang würde dann etwas anzeigen, das von Anfang an da war.
Die Forschenden schreiben diese Möglichkeit selbst in ihre Einleitung. Sie ist der einzige Einwand, den auch der Geschwistervergleich nicht ausräumt, denn er gehört zum einzelnen Kind und nicht zur Familie.
Die norwegische Studie ist ein Vergleich der zweiten Art. Sie hat mehr als jede Studie davor getan, um die Unterschiede zwischen den Müttern herauszurechnen: Vererbung, Bildung, Alter, Geschwister. Ein Los gab es trotzdem nicht.
Und noch etwas fehlt ihr. In Belarus haben die Lehrkräfte das Verhalten mitbeurteilt, unabhängig von den Eltern. In Norwegen haben die Mütter beides ausgefüllt, den Bogen zum Stillen und Jahre später den Bogen zum Verhalten ihres Kindes. Eine Mutter, die überzeugt ist, dass Stillen dem Gehirn guttut, füllt diese beiden Bögen nicht unabhängig voneinander aus.
Zwei weitere Arbeiten gehören daneben. Eine finnische Studie fand 2024 gar keinen Zusammenhang zwischen ausschließlichem Stillen und ADHS-Symptomen. Und ein Geschwistervergleich aus den USA von Colen und Ramey aus dem Jahr 2014 kam zu diesem Ergebnis: Bei 10 von 11 untersuchten Gesundheitsfragen löst sich der Stillvorteil weitgehend auf, sobald man Geschwister aus derselben Familie vergleicht.
Am Rand erwähnt: Drei der Autoren geben Honorare oder Fördermittel von Herstellern von ADHS-Medikamenten an. Das steht offen in der Arbeit, und am Ergebnis ändert es nichts.
Was bedeutet das für dein Kind?
Nichts.
Ein halber Punkt auf einer Skala von 1 bis 12, gemittelt über 37.643 Kinder, sagt über einen einzelnen Menschen nichts aus. So ein Mittelwert kann sich verschieben, ohne dass sich für ein einziges Kind etwas ändert.
In meinem Postfach kommt so eine Meldung anders an. Da steht dann: „Habe ich meinem Kind geschadet, weil ich früh abgestillt habe?" Manchmal auch: „Muss ich jetzt alles richtig machen, damit nichts passiert?" Auf die erste Frage gibt diese Studie eine klare Antwort. Nein.
Ob du drei Wochen gestillt hast, sechs Monate, zwei Jahre oder gar nicht: Diese Zahlen sagen über dein Kind nichts. Und wenn dein Kind ADHS hat, sagen sie erst recht nichts darüber, warum.
Ein Nebenbefund der Studie gehört in mein Arbeitsgebiet. Mütter mit ADHS stillen seltener und kürzer als andere. Ich habe für das „Praxisbuch Besondere Stillsituationen" des Deutschen Hebammenverbands das Kapitel über das Stillen bei psychischen Erkrankungen der Mutter geschrieben. Diese Frauen brauchen Unterstützung, die zu ihrem Alltag passt. Eine Schlagzeile, die ihnen sagt, ihr Stillen habe über die Aufmerksamkeit ihres Kindes entschieden, hilft ihnen an keiner Stelle.
Was folgt wirklich aus dieser Studie?
Die aussagekräftigste Zahl steht in keiner Meldung, und sie hat mit ADHS nichts zu tun.
In Norwegen haben 14,3 Prozent der Mütter sechs Monate voll gestillt. Im Schnitt waren es 3,7 Monate. 98 Prozent der Eltern gaben Beikost vor dem sechsten Monat, meistens mit vier bis fünf Monaten. Fast alle haben zu stillen begonnen, 1,1 Prozent haben es gar nicht erst versucht.
Norwegen hat eine der besten Stillunterstützungen der Welt. Sechs von sieben Müttern erreichen die Empfehlung dort trotzdem nicht.
Wenn 85 Prozent der Frauen eine Empfehlung unter den besten Bedingungen verfehlen, dann liegt das an den Bedingungen. Ich bin überzeugt: Zwischen dieser Empfehlung und dem Alltag, in dem Frauen stillen, klafft eine Lücke. Über diese Lücke wäre zu reden. Sie ist besser belegt als der ADHS-Zusammenhang selbst.
Häufige Fragen
Heißt das, mein Kind bekommt ADHS, wenn ich nicht lange stille?
Nein. ADHS entsteht aus vielen Faktoren zusammen, und die Vererbung wiegt am schwersten. Stillen ist in dieser Studie einer von vielen Einflüssen, und sein Anteil ist klein. Viele Kinder, die kurz gestillt wurden, bekommen nie ADHS. Viele Kinder, die lange gestillt wurden, haben es.
Muss ich jetzt sechs Monate voll stillen, damit mein Kind kein ADHS bekommt?
Nein. Die Empfehlung, sechs Monate voll zu stillen, gab es lange vor dieser Studie. Sie stützt sich auf andere Gründe, vor allem auf den Schutz vor Infektionen und Magen-Darm-Erkrankungen. An dieser Empfehlung ändern die ADHS-Zahlen nichts, in keine Richtung. Der bessere Maßstab bleibt, wie lange das Stillen für dich und dein Baby passt.
Was ist, wenn das Stillen bei mir nicht klappt?
Dann ist das kein Versagen, und diese Studie sagt darüber nichts. Wenn du stillen willst und es hakt, hol dir früh Hilfe. Eine Stillberaterin IBCLC in deiner Nähe findest du über die Stillberatungssuche des Berufsverbands Deutscher Laktationsberaterinnen. Und wenn du zufütterst oder abstillst, ist das eine Entscheidung, die dir zusteht.
Mein Kind hat ADHS und ich habe sechs Wochen gestillt. Ist das meine Schuld?
Nein. ADHS ist zu 70 bis 80 Prozent erblich, das steht in derselben Studie. Der gefundene Zusammenhang ist so klein, dass die Forschenden ihn selbst für ein einzelnes Kind als bedeutungslos bezeichnen.
Ich habe zugefüttert. Zählt mein Stillen dann gar nicht?
Doch. Wer zugefüttert hat, zählt in dieser Studie als teilweise stillend. Auch diese Gruppe wurde ausgewertet, und auch dort galt: je länger gestillt wurde, desto niedriger die Werte. Zur Gruppe „voll gestillt" gehört in dieser Studie, wer ohne Formulanahrung und ohne Beikost gestillt hat.
Ist die Studie schlecht gemacht?
Nein, sie ist besser gemacht als fast alles zu dieser Frage. Ihre Grenze: Stillen und Verhalten hat dieselbe Person berichtet. Und eine Beobachtungsstudie kann keine Ursache zeigen.
Fazit
Diese Studie zeigt eine kleine Korrelation in einer sehr großen Gruppe von Kindern. Eine Wirkung, die man an einem einzelnen Kind ablesen könnte, ist damit nicht belegt.
Zwischen diesem Ergebnis und der Überschrift „Stillen senkt das ADHS-Risiko" liegen vier Ungenauigkeiten. Aus Punktwerten in einem Elternfragebogen wird ein Risiko. Aus einer von mehreren Vermutungen über den Wirkweg wird die Erklärung. Aus einer Aussage über das Alter der Kinder wird eine über ihr Geschlecht. Und das Zitat der Erstautorin klingt schärfer als der Satz in ihrer eigenen Studie. Keine dieser vier Ungenauigkeiten stammt aus der Arbeit selbst.
Für dich heißt das: Diese Zahlen handeln von 37.643 Kindern und von keinem davon persönlich.
Woran ich mich halte, wenn wieder eine Stillschlagzeile durch die Medien geht: erst nachsehen, was tatsächlich gemessen wurde. Meistens ist es weniger, als die Überschrift verspricht. Wer mag, findet noch mehr davon in meiner Sammlung verbreiteter Stillmythen.
Du darfst diese Meldung an dir vorbeiziehen lassen. Und du darfst beim nächsten Mal misstrauisch werden, sobald eine Überschrift dir sagt, was du hättest anders machen sollen.
Und wenn du gerade mitten in einer Stillschwierigkeit steckst, dann beschäftigt dich diese Meldung vermutlich am wenigsten. Dann geht es um wunde Brustwarzen, um das Gefühl, zu wenig Milch zu haben, um ein Baby, das nicht andockt. Dafür gibt es Hilfe, und je früher du sie holst, desto weniger fährt sich fest. Eine Stillberaterin IBCLC schaut beim Stillen zu und findet die Ursache, die in keinem Artikel stehen kann. Über die oben verlinkte Stillberatungssuche findest du eine in deiner Nähe.
Wenn du solche Einordnungen regelmäßig lesen willst: Ich schreibe jede Woche einen Newsletter. Darin bereite ich Stillthemen so auf, dass du selbst entscheiden kannst, was für dich stimmt.
Quellen
- Solberg BS, Brantsæter AL, Kvalvik LG et al. (2026): Breastfeeding and Development of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Symptoms Across Childhood. Biological Psychiatry. doi.org/10.1016/j.biopsych.2026.06.009
- Kramer MS, Fombonne E, Matush L et al. (2011): Long-term behavioural consequences of infant feeding: the limits of observational studies. Paediatric and Perinatal Epidemiology 25:500–506.
- Jallow J, Hurtig T, Kerkelä M et al. (2024): Prenatal maternal stress, breastfeeding and offspring ADHD symptoms. European Child & Adolescent Psychiatry 33:4003–4011.
- Colen CG, Ramey DM (2014): Is Breast Truly Best? Estimating the Effects of Breastfeeding on Long-term Child Health and Wellbeing in the United States Using Sibling Comparisons. Social Science & Medicine 109:55–65.
- Robert Koch-Institut (2018): ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Journal of Health Monitoring 3/2018, KiGGS Welle 2.
Regine Gresens, IBCLC, August 2026
Foto: Erstellt mit ChatGPT
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