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Die Risiken der künstlichen Säuglingsnahrung -
neu betrachtet

UNICEF Breastfeeding Paper of the Month October 1993
 
Originaltext: A Fresh Look at the Risks of Artificial Infant Feeding
von Marsha Walker, RN, IBCLC
Aus: Journal of Human Lactation 9(2), 1993, p. 97-107.

Zusammenfassung
Der allgemeine Rückgang des Stillens und die aggressive Werbung für Muttermilchersatzprodukte haben zur Folge, dass die Unterschiede zwi-schen Muttermilch und künstlicher Milchnahrung in Vergessenheit gera-ten. Es werden Behauptungen in Frage gestellt, Säuglingsnahrung sei sicher, ökonomisch und einfach im Gebrauch. Die Absicht dieses Arti-kels ist es, das Bewusstsein des Gesundheitspersonals für die unveröf-fentlichten Seiten der Milchersatznahrung zu vergrößern. Zahlreiche Daten mit Quellennachweisen werden aufgeführt. Diese zeigen, dass Muttermilch und Milchnahrung nicht gleichwertig sind und dass sich, ab-hängig von der Ernährungsform, die gesundheitliche Entwicklung von Kindern unterscheiden kann. Als Begründung für ihre mangelhafte Information über die Risiken der Milchnahrungen, geben im Gesund-heitsbereich Tätige häufig an, Schuldgefühle der Eltern vermeiden zu wollen. Es werden Vorschläge für den Umgang mit diesen Gefühlen gemacht.
Keywords: Stillen, Muttermilch, Risiken, Formelnahrung
 
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Einleitung:
Wie und womit Kinder ernährt werden, wurde schon immer von reli-giösen, kulturellen und wissenschaftlichen Überzeugungen beeinflusst. Seit dem Altertum gibt es künstliche Babynahrung, dazu gehören: Milch von Säugetieren, Brei, Haferschleim, Brühe u.a.. Die schnelle Entwicklung in Forschung, Technologie und Medizin und die Veränder-ungen der sozialen und ökonomischen Tendenzen im späten 19. Jahr-hundert führten zur Entstehung einer neuen Form der Babynahrung: der industriell hergestellten Flaschenmilch [1]. Von wenigstens 17 Ländern ist bekannt, dass dort bereits um die Jahrhundertwende Fla-schennahrung kommerziell verkauft wurde. Arzte und die Industrie entwickelten die frühen Rezepturen und warben bei Eltern und Gesund-heitspersonal dafür. Heutzutage erfolgt die öffentliche Werbung durch multimediale Anzeigekampagnen.
 
In dem vorliegenden Artikel werden nicht alle bekannten oder poten-tiellen Gefahren der künstlichen Milchnahrung diskutiert. Die nachge-wiesenen Quellen wurden ausgewählt, weil sie die untersuchte Gruppe und die Unterschiede der gesundheitlichen Entwicklung von flaschen- oder zwiemilchernährten und gestillten Kindern klar und deutlich dar-legen.
 
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Gesteigerte Krankheitshäufigkeit und Sterblichkeit
Die überwältigende Menge an veröffentlichten Forschungsergebnissen in den letzten 10 Jahren widerspricht dem weit verbreiteten Glauben, dass die gesundheitliche Bedeutung der Muttermilch nur in Entwicklungs-ländern zum Tragen kommt. In Entwicklungsländern werden Eltern häufig von den Klinikern informiert, dass Flaschennahrung und Mutter-milch gleichwertig seien und die gesundheitliche Entwicklung der Kinder ebenfalls die gleichen sind. Dabei wurde bereits 1981 eine Untersu-chung über Krankenhausaufenthalte von Angehörigen einer homoge-nen, weißen Mittelklasse in den USA veröffentlicht. Der Autor schloss schon damals aus den Ergebnissen: "Ich würde erwarten, dass 77 von 1000 formelernährten Kindern innerhalb der ersten 4 Lebensmonate wegen einer Krankheit in einem Krankenhaus aufgenommen werden müssen. Die vergleichbare Zahl für gestillte Kinder lautet: 5 Kranken-hausaufnahmen." [2]
 
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Krankheitshäufigkeit
Flaschenkinder erkranken öfter an akuten Krankheiten.
  • Mittelohrentzündung tritt bei Flaschenkindern 3-4mal häufiger auf [3]. Die Kinderärzte in den USA werden jährlich 30millionen-mal wegen Mittelohrentzündungen aufgesucht, die Kosten dafür belaufen sich auf 1 Milliarde Dollar [4].
  • 7% aller Kinder werden wegen Atemwegsinfektionen in ein Krankenhaus eingewiesen, dies in erster Linie auf Grund des zusätzlichen Risikos durch Formulaernährung [5]. Die Schutz-wirkung der Muttermilch richtet sich besonders gegen ernste Atemwegserkrankungen (wie Bronchitis, Bronchiolitis, Lungen-entzündung) [6]. Der RS-Virus, zum Beispiel, ist der gefähr-lichste Erreger von Atemwegserkrankungen bei Kindern in Westeuropa und Nordamerika. Flaschenkinder erhalten, anders als gestillte Kinder, dagegen keinen Immunschutz [7].
  • Flaschenkinder in den USA haben ein 10faches Risiko wegen einer bakteriellen Infektion ins Krankenhaus zu kommen und ein 4faches Risiko an einer Bakteriämie und einer Meningitis zu erkranken [8,9].
  • In Industrieländern haben Flaschenkinder ein 3-4faches Risiko für Durchfallerkrankungen.
  • Das Risiko einer mittelschweren bis schweren Magen-Darm-Ent-zündung durch Rotaviren steigt bei Flaschenernährung 5fach an [10].
Formelernährung geht mit Störungen des Immunsystems einher. Formula:
  • beschleunigt die Entwicklung von Zöliakie (Dünndarmentzün-dung im Kindesalter, oft durch Glutenunverträglichkeit) [11];
  • ist ein Risikofaktor für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa (entzündliche Magen-Darm Erkrankungen) bei Erwachsenen [12,13];
  • verursacht 2-26% des im Kindesalter auftretenden, insulin-pflichtigen Diabetes mellitus [14];
  • steigert bei Kindern unter 15 Jahren das Risiko Lymphome (Lymphknotenvergrößerungen) zu entwickeln um das 5-8fache, wenn sie Milchnahrung erhalten haben oder weniger als sechs Monate gestillt wurden [15];
  • kann, verglichen mit Stillkindern, die Antikörperbildung nach einer oralen oder parenteralen Impfung beeinträchtigen.
Stillen steigert die Reaktionen des körpereigenen Immunsystems auf die gebräuchlichen Impfstoffe; z. B. können bei Stillkindern noch 1-2 Jahre nach einer Impfung besonders hohe Antikörpertiter für Diphterie und Polio festgestellt werden. Als Ursache wird angenommen, dass die Muttermilch das Kind darauf vorbereitet, selbst Antikörper zu produzie-ren. Milchnahrung hat keine derartige Wirkung [16].
 
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Sterblichkeit
Eine Analyse der Risiken und Vorteile der Säuglingsernährung durch das US National Institute of Environmental Health Sciences kam zu einer Schätzung, dass von 1000 jährlich in den USA geborenen Kindern 4 sterben, weil sie nicht gestillt wurden [17]. Die meisten Todes fälle im Zusammenhang mit künstlicher Nahrung bei Kindern auf der ge-samten Welt (1,5 Millionen/Jahr) werden von Durchfallerkrankungen verursacht. In den USA sterben jedes Jahr 500 Kinder im Alter von 1 Monat bis 4 Jahren an Durchfällen [18]. Mindestens 70% der Todesfälle bei Kindern im Alter von 4-36 Monaten werden durch Rotavirusinfek-tionen verursacht, gegen die Muttermilch bekanntermaßen einen Schutzeffekt aufweist [10]. Auf 1000 Lebendgeburten kommt es in den westlichen Industrieländern aufgrund des Nichtstillens zu einem Fall des plötzlichen Kindstods (Krippentod, SIDS= sudden infant death syn-drome) [19,20]. Die SIDS-Studie des National Institut of Child Health and Human Development ergab, dass Flaschenernährung einer der Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod ist [21]. 79% der SIDS-Fälle in Neuseeland sind drei Faktoren zuzuschreiben: Rauchen der Mutter. Schlafen in Bauchlage und Nichtstillen [22].
 
Eine Studie an mehreren britischen Neonatologie-Stationen zeigte, dass Stillen die einfachste, effektivste Methode ist, um bei Frühgebo-renen eine nekrotisierende Enterokolitis (=NEC, gewebszerstörende Entzündung des Dünn- und Dickdarms) zu verhindern. Nach der 30. Schwangerschaftswoche geborene Babys, deren Ernährung auch nur geringe Mengen Muttermilch enthielt, erkrankten kaum an NEC. Bei Babys, die nur künstliche Milch erhielten, war diese Erkrankung 20mal häufiger anzutreffen. Die Autoren schätzten, dass ausschließliche For-melernährung für 500 zusätzliche Fälle von NEC pro Jahr verantwort-lich sein kann und somit für den Tod von 100(20%) dieser Kinder [23].
 
Formelernährte Frühgeborene haben ein höheres Risiko für eine respi-ratorische Insuffizienz, bronchopulmonale Fehlentwicklung und Netz-hauterkrankungen durch Unreife, wenn ihre Ernährung in den ersten Lebenswochen nicht mit Inosit ergänzt wird [24]. Inosit ist ein Bestand-teil der Membranphospholipide. Es reduziert wesentlich die Schwere des Atemnotsyndroms bei Frühgeborenen, indem es die Bildung und Sekretion von Surfactant (surface active agent = oberflächenaktive Substanz) in dem unreifen Lungengewebe steigert [25]. In Muttermilch ist die Inositkonzentration um ein mehrfaches höher als in Milchersatz-nahrung und nach einer Frühgeburt werden im Kolostrum der Mutter sogar noch höhere Werte gefunden. Viele Formelnahrungen enthalten überhaupt kein Inosit. Wenn Frühgeborene die inositreiche Muttermilch erhalten, steigen ihre Inositwerte im Blutserum; Frühgeborene, die Formelnahrung erhalten, zeigen keine solche Begleiterscheinung bei ihren Seruminositwerten [26].
 
Die gesteigerte Krankheitshäufigkeit und Sterblichkeit von Flaschen-kindern spiegelt sich in den höheren Ausgaben für die Gesundheits-pflege dieser Kinder wieder. Addiert man sämtliche Ausgaben, die notwendig sind, um die zusätzlichen Krankenhausaufenthalte, ambu-lante Krankenversorgung und Notdiensteinrichtungen zu finanzieren, ergibt sich eine Summe von Hunderten von Millionen Dollar. Für das Jahr 1981 wurde diese Summe auf 300 Millionen Dollar geschätzt [2].
 
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Formulaernährung ist mit Lernschwächen verbunden
Formelnahrungen stellen Nährstoffe zur Verfügung, die das Wachstum des Kindes unterstützen sollen. Sie sind nicht, wie die Nährstoffe der Muttermilch, darauf abgestimmt, das Wachstum und die Entwicklung des Gehirns und des zentralen Nervensystems - dem charakteristisch-en Organ und System des Menschen - zu steigern. Geringere intellek-tuelle Leistungen von Flaschenkindern wurden von Morrow-Tlucak et al. dokumentiert. Sie fanden heraus, dass Flaschenkinder im Alter von 1-2 Jahren bei einem Test ihrer mentalen Entwicklung weniger Punkte er-zielten. Dabei korrelierten die Ergebnisse direkt mit der Dauer der Brusternährung [27]. Bauer et al. zeigten, dass bei einem Test der Fähigkeiten von 3jährigen Kindern, diejenigen wesentlich niedrigere Ergebnisse erzielten, die am wenigsten gestillt worden waren [28]. Auch Taylor und Wadsworth stellten, bei Entwicklungstests mit 5jäh-rigen Kindern, geringere Leistungen von Flaschenkindern fest [29]. Morley et al. untersuchten den Entwicklungsstand von 771 Frühgebo-renen im Alter von 18 Monaten, auf einem Index der mentalen Ent-wicklung erhielten die formelernährten Frühgeborenen deutlich nied-rigere Werte [30]. Im Alter von 7-8 Jahren hatten formelernährte Frühgeborene, selbst unter Berücksichtigung der Bildung der Mutter und der sozialen Klassenzugehörigkeit, geringere IQ-Werte als mit Muttermilch ernährte Frühgeborene [31].
 
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Störungen der Atmungs- und Herztätigkeit während der Flaschenfütterung
Während Fütterungen von Formulanahrung mit der Flasche wurden, sowohl bei reifgeborenen als auch bei frühgeborenen Kindern, bedeut-same Veränderungen des Atemmusters beobachtet. Der schnelle Milchfluss von künstlichen Flaschensaugern führt zu häufigem Schluk-ken und damit verbunden zu einem Verschließen der Atemwege, wo-durch sich die Zeit zum Atmen verringert. Bei Frühgeborenen werden bei Flaschenfütterungen oft Abnahmen des transkutanen Sauerstoff-partialdrucks und der 02-Sättigung beobachtet. Häufig kommt es dabei auch zu Apnoen (Atemstillstand für >20 sec), Bradykardien (<100 Herzschläge/min) und Zyanosen (Blaufärbung der Haut) [32,33]. Die Häufigkeit von kardiopulmonalen Störungen während einer Flaschen-mahlzeit ist ein Zeichen, dass vielen Frühchen die Kontrolle der At-mung und die Fähigkeit den starken Milchfluss selbst zu regulieren fehlt. Die weichen, biegsamen Frühchensauger haben eine hohe Milch-flussgeschwindigkeit. Dies kann zwar die Dauer der Mahlzeit verkür-zen, gefährdet jedoch die Atmung der Kinder und erhöht ihre kardio-pulmonale Belastung [34]. Bei Frühgeborenen, aber auch bei reifen Kindern, kommt es gelegentlich nach dem Schlucken zu einem ver-längerten Verschluss der Atemwege (bis zu 30 sec). Die Behinderung der Atmung während einer Flaschenfütterung führt zu einer weiteren Verringerung der Zeit, die für eine effektive Atemtätigkeit zur Verfü-gung steht [35]. Auch bei reifen Neugeborenen kann es während der Flaschenmahlzeit zu einem Absinken der 02-Sättigung unter 90% kom-men. Durch eine Verringerung des Milchflusses beim Saugen kann diese mit der Mahlzeit verbundene Abnahme der 02-Sättigung mini-miert werden. Da durch längere Abstände zwischen den Schlucken, die zum Atmen verfügbare Zeit größer wird. Apnoen und Bradykardien treten während einer Flaschenmahlzeit häufiger auf als dies für gesun-de reife Kinder als normal anerkannt ist. Bei einer Untersuchung von 50 gesunden reifen Babys entwickelten neun Kinder während einer Flaschenmahlzeit Bradykardien, davon traten bei sechs Kindern vorher Apnoen auf. Drei Kinder zeigten eine deutliche Reduzierung der Atem-tätigkeit. Von den neun Kindern erlebte ein Kind eine zentrale Apnoe (verminderte Erregbarkeit des Atemzentrums) und zwei Kinder ent-wickelten eine Zyanose [36]. Häufigere Apnoen und Atemstörungen während der Flaschenmahlzeiten in den ersten Lebenstagen beobach-tete man bei einigen Kindern, die später einem SIDS erlagen. Mathew schlägt vor, anormale Atemmuster, die nur während Flaschenfütterun-gen auftreten, als Anzeichen für eine spätere Gefährdung des Kindes durch SIDS anzusehen. Es ist unbekannt, ob diese Atemstörung bei normalen Kindern verschwindet, bei SIDS-Opfern dagegen anhält [37].
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Formula führt zu häufigeren und schwereren Manifestationen von Allergien
Kuhmilch ist das häufigste Allergen bei Kindern. Bis zu 7,5% der for-melernährten Kinder zeigen Allergien auf Kuhmilchformula [38]. Bis zu 50% der Kinder mit einer Kuhmilchallergie zeigen auch eine Überem-pfindlichkeit auf Soja [39]. Die allergischen Reaktionen sind: Hautrö-tung, Keuchen, Husten, Erbrechen, Durchfall, Ausschlag, Verdauungs-insuffizienz, Gedeihstörungen. Merrett et al. untersuchten 500 Babys aus allergiebelasteten Familien und stellten dabei fest, dass selbst kur-zes Stillen mit seltenerem Auftreten von Keuchen, verlängerten Erkäl-tungen, Durchfällen oder Erbrechen verbunden war [40]. Harris et al. dokumentieren, dass formel- oder zwiemilchernährte Kinder im Alter von 3-4 Monaten deutlich erhöhte IRE- und IgG-Antikörper gegen Kuh-milchprotein aufwiesen, nur mit Muttermilch ernährte Kinder zeigten diese Erhöhungen nicht. 62% der Kinder, die Formelnahrung erhalten hatten, zeigten allergische Symptome wie chronische Verstopfung der Nase und Durchfall, verglichen mit 13% der gestillten Kinder [41]. Host et al. berichtet, dass 2,5% (39/1539) der Kinder, die auf der Neugebo-renenstation auf Kuhmilch basierende Formelnahrung erhalten hatten, eine Kuhmilchallergie entwickelten, verglichen mit 0% (0/210) der Kin-der, die keine Formelnahrung erhalten hatten. Neun voll gestillte Kin-der zeigten Symptome von Kuhmilchallergie als ihre Mütter Kuhmilch tranken. Alle neun Kinder hatten auf der Neugeborenenstation Milcher-satznahrung erhalten, allerdings wusste nur eine der Mütter davon. Die Autoren sind der Meinung, dass der frühe Kontakt mit dem Kuhmilch-protein die Ursache für die Sensibilisierung der Kinder ist [42]. Bei eini-gen Formelnahrungen wird versucht diese Allergenität zu reduzieren, indem die Proteine aus hydrolysiertem (unter Aufnahme von Wasser gespaltenem) Kasein und hydrolysierter Molke von Kühen hergestellt werden. Diese Nahrungen werden allgemein als "hypoallergen" be-zeichnet. Auch Formelnahrungen auf Sojabasis sind allergieauslösend und können bei Kindern mit einer Kuhmilchallergie negative Reaktio-nen auslösen. Es wird daher von der American Academy of Pediatrics (AAP) empfohlen, sie Kindern mit bestehender Kuhmilchallergie nicht zu geben [43]. Nahrungen aus Kaseinhydrolysat und in letzter Zeit auch vermehrt aus Molkehydrolysat werden oft für Kinder mit IgE-ver-mittelter Kuhmilchallergie empfohlen; dazu erklärt AAP: "Es gibt keinen veröffentlichten, gut kontrollierten Doppelblindversuch, der die Ver-wendung von Kasein- oder Molkehydrolysaten zur Prophylaxe oder Behandlung von Kindern mit Milchüberempfindlichkeit stützt" [44]. Von einigen Kaseinhydrolysat-Nahrungen (Nutramigen [45], Alimentum [46] und Pregestimil [47]) und Molkehydrolysat-Nahrungen (Carnation Good Start [48] und Alfare (Nestle) [49]) wurden anaphylaktische Re-aktionen (lebensgefährliche Schockzustände) berichtet.
 
Die AAP stellt fest, dass Molkehydrolysat-Nahrung für Kinder, die zwar intolerant, aber nicht allergisch auf Kuhmilch sind, eine akzeptable Al-ternative zu auf Kuhmilch basierenden oder Soja-Nahrungen sein kann [44]. "Hypoallergen" bedeutet nicht "non-allergen". In Anbetracht der oben berichteten lebensgefährlichen Reaktionen bei mit diesen Nahrun-gen gefütterten Kindern, ist es irreführend, weiterhin den Begriff "hy-poallergen" zu gebrauchen. Die Verbraucher, Eltern und Gesundheits-personal, könnten durch diese Bezeichnung irritiert werden und mögli-cherweise ein hoch sensibilisiertes Kind nicht erkennen.
 
In all diesen Nahrungen (insbesondere Good Start) existieren noch Ei-weißteile, die bei empfindlichen Kindern Reaktionen verursachen kön-nen. Sampson et al. empfehlen daher: "Milchallergischen Kindern, die nach der Aufnahme von Milch eine schwere lebensbedrohliche Reaktion gezeigt haben, als Vorsichtsmaßnahme die erste Dosis Alimentum in einer ärztlichen Praxis zu verabreichen, damit für den Fall, dass sich allergische Symptome entwickeln, unverzüglich eine Wiederbelebung durchgeführt werden kann." [50].
 
"Hypoallergen" ist laut Definition, eine Nahrung, die von 90% der Men-schen mit Kuhmilch-Allergie ohne Symptome toleriert wird. Damit be-steht für die restlichen 10% das Risiko eine Nahrung zu sich zu neh-men, deren Sicherheit für sie fraglich ist. Der amerikanische Bundes-gerichtshof verlangte von der Carnation Company (einer Tochterfirma von Nestle) die Unterlassung von Werbeaussagen, ihre Nahrung verur-sache keine allergischen Reaktionen, der Bezeichnung ihres Produkts als "hypoallergen" und der Anführung von wissenschaftlichen Beweisen für ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit. Zur Zeit wird in den USA und England eine neue von Aminosäuren abgeleitete Säuglingsnahrung (Neocate) klinisch getestet, um ihre Sicherheit als Nahrung für kuh-milchallergische Kinder zu überprüfen.
 
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Mängel bei der Zusammensetzung von Formelnahrungen
Der Nährstoffbedarf von Kindern wurde vom Ernährungskomittee der AAP ermittelt und 1980 vom amerikanischen Congress durch den In-fant Formula Act kodifiziert. Dieses Gesetz ist die Reaktion auf einen Fehler bei einer Formulaproduktion, durch den 20.000-50.000 Kinder einer Nahrung mit Mangel an Chlorid ausgesetzt worden waren. Trotz-dem gibt es weiter hin kontroverse Meinungen in Bezug auf die Zusam-mensetzung von Formelnahrung. Empfehlungen für Ober- und Unter-grenzen für Nährstoffe basieren oft auf begrenztem Datenmaterial, Daten von Erwachsenen oder anderen Spezies. Die Bestandteile der Formelnahrungen sind der Zusammensetzung von Muttermilch nach-gebildet; diese allerdings verändert sich mit der Zeit, um dem verän-derten Bedarf des sich entwickelnden Kindes zu entsprechen. Formel-nahrung ist kein vollständiges Lebensmittel, ihre Bestandteile werden nur hinzugefügt, wenn sich herausstellt, dass sie wichtig und in der Muttermilch vorhanden sind. Ein Neugeborenes ist während der kriti-schen ersten Phase seines Wachstums und seiner Entwicklung vollstän-dig von einem einzigen Lebensmittel abhängig. Die Mengen und Arten der Nährstoffe der Nahrung können kurz- und langfristige Konsequen-zen für das Wachstum und die Gesundheit des Kindes haben. In For-mulanahrung fehlen verschiedene essentielle Fettsäuren (z. B. Doco-sahexaensäure = DHA), die für die Entwicklung des Gehirns notwendig sind [51]. DHA wurde in großen Mengen in dem sich schnell entwik-kelnden Gehirn und dem Netzhautgewebe von Kindern gefunden sowie in Muttermilch. Manche Formelnahrungen enthalten deshalb Alpha-Li-nolensäure, die vom Körner des Kindes nur teilweise in DHA umgewan-delt werden kann. Bei Frühgeborenen ist diese Umwandlung besonders eingeschränkt. Die meisten Nahrungen für Frühgeborene, insbesondere Pulvernahrungen, enthalten keine Linolensäure. Carlson [52] zeigte, dass Frühgeborene, die keine Muttermilch erhielten, einen Monat nach der Geburt in ihrem Blutplasma ein DHA aufwiesen, wie es bei mit Fär-berdiestelöl gefütterten Affen vorkommt. Auch die niedrigen DHA-Kon-zentrationen entsprechen denen von Affenjungen, bei denen es zu of-fensichtlichen Schwächen der Sehschärfe kommt. Uauy [53] stellte fest, dass es eine signifikante Korrelation zwischen Formelnahrung und mangelnder Sehschärfe bei Frühgeborenen gibt, verglichen mit mutter-milchernährten Frühchen. Er beschrieb mangelhafte Funktionen der Netzhaut und einen steilen Rückgang von DHA in den ersten Lebens-monaten bei Frühgeborenen, die mit Formelnahrung ernährt wurden. Farquharson et al. [54] berichten von Autopsieergebnissen mit deutlich niedrigeren DHA-Werten in den Gehirnen von formelernährten Kindern, als in denen von Stillkindern. Im Gehirn eines Frühgeborenen, das nur Flaschennahrung erhalten hatte, wurde ein deutlicher Mangel an DHA festgestellt. Die Autoren erklären: "Die Struktur und Funktion der korti-kalen Membran-Phospholipide ist wahrscheinlich während der frühen Entwicklung extrem wichtig. Gelingt es nicht, eine Aufnahme von Fett-säuren aufrecht zu erhalten, wie sie von der reifen Muttermilch bereit-gestellt wird, kann dies zu permanenten negativen Auswirkungen füh-ren."
 
Formelernährte Kinder haben in ihrem Plasma viel höhere Werte der meisten Aminosäuren und ständig erhöhte Harnstoffwerte im Blut. Dies bedeutet: eine verminderte Fähigkeit die Proteine aus der Nahrung zu verwerten. Verschiedene Nahrungen mit gleicher Stickstoffkonzentra-tion können unterschiedliche Mengen von proteingebundenem und nicht an Protein gebundenem Stickstoff enthalten, abhängig von der Zubereitungsmethode. Die Langzeitauswirkungen einer hohen Protein-aufnahme auf die Nierenfunktion von reifgeborenen Kindern sind nicht bekannt. Da die Obergrenzen der erlaubten Proteinmenge in Formula sehr hoch sind, kann es sein, dass Kinder eine 2,5-3fach erhöhte Pro-teinmenge erhalten als sie benötigen. Diese hohen Obergrenzen brin-gen keine Vorteile in Hinsicht auf das Wachstum, sondern bedeuten für die formelernährten Kinder ein erhöhtes Risiko einer hypernatriämi-schen Dehydration (Abnahme des Körperwassers mit Erhöhung der Serum-Natriumkonzentration), vor allem in dem nicht seltenen Falle einer Reduktion der Körperwassers (z. B. durch verringerte Aufnahme von Formula, Durchfall, vermehrtem Schwitzen bei Fieber oder hoher Außentemperatur). Kinder, die mit Folgemilchnahrungen mit höheren Proteinwerten (2.0 und 2.9 g/dl) gefüttert wurden, hatten niedrigere Plasma-Zinkwerte und eine größere Wahrscheinlichkeit für nichtopti-males Wachstum und Entwicklung [55]. Formelernährte Kinder sind einer unnötigen Stoffwechselbelastung ihrer unreifen Organe ausge-setzt: einige Forscher haben empfohlen, die Proteinwerte in Formula zu reduzieren, indem für eine genauere Berechnung der Proteinaufnah-me, die Nichtproteinanteile von den echten Proteinwerten abgezogen werden [56].
 
Die Zusammensetzung des Körpers, vor allem des Fettgewebes und die Fettsäurenzusammensetzung der Phospholipide des Gehirns, eines formelernährten Babys kann sich beträchtlich von der eines gestillten Kindes unterscheiden. Fettsäuren, die in der Fetal- oder frühen Neuge-borenenphase angelegt wurden, haben das gleiche Muster wie es in Frühgeborenenkolostrum, Frühgeborenenmuttermilch und reifer Mut-termilch vorliegt. Die Fettsäurenmuster in normaler und Spezialfor-melnahrung (für Babys mit geringem Geburtsgewicht) zeigen im Ver-gleich dazu große Unterschiede. Die meisten anderen Fette werden weniger gut aufgenommen als menschliches Muttermilchfett, daher ist es notwendig für die andersartigen Fettsäuren der Formula Obergren-zen anzusetzen. Dies dient der Verhütung von Problemen, wie z. B. Calziumverlust durch zu viel Fett. Die Anteile der unterschiedlichen Fettsauren, die in der Formula enthalten sind, werden berechnet basie-rend auf Erfahrungen bei welchen Werten damit ernährte Kinder keine Schädigung gezeigt haben. Es herrscht Uneinigkeit, zu welchen Antei-len die verschiedenen Fettsäuren enthalten sein sollten. Ein Beispiel: Einige Forscher sind der Meinung, Linolsäure sollte, wie in Muttermilch, nicht mehr als 20% der gesamten Fettsäuren in der Formula ausma-chen. Dies soll eine Störung der Bildung von sehr langkettigen Fettsäu-ren verhindern, z. B. bei der Bildung von Prostaglandinen und immu-nologischen Reaktionen [57]. Andere Forscher sind der Meinung, dass 30% ein akzeptabler Wert ist, da bis jetzt keine Daten vorliegen, die auf ein Risiko bei diesem Wert hinweisen. Die Empfehlungen für das optimale Gleichgewicht zwischen den essentiellen Omega-6- und Ome-ga-3-Fettsäuren in Formelnahrungen werden willkürlich aufgrund von unzureichenden Daten gegeben. Die Auswahl der Fette wird oft vom Hersteller der Formula festgelegt und basiert einerseits auf den Kosten und andererseits auf der Strenge der gesetzlichen Regelung von Ober- und Untergrenzen. Bei formelernährten Kindern besteht ein Risiko für neonatale, hypokalzämische Tetanien, mit typischen Zuckungen, Ver-krampfungen und Krampfanfällen oder anderen hypertonischen Symp-tomen innerhalb der ersten 10 Lebenstage. Diese sind die Folge des hohen Phosphatgehalts der Formula und der verringerten Calziumre-tention (zu starke Calziumausscheidung) von formelernährten Neuge-borenen. Gardner [58] weist daraufhin, dass die neonatale Tetanie aufgrund der Phosphatbelastung reduziert werden könnte, wenn nicht gestillte Neugeborene in den ersten 10 Lebenstagen eine spezielle, wenig phosphorsaure Formelnahrung erhalten würden. Nach dieser Zeitspanne kann überschüssiges Phosphat mit dem Urin ausgeschieden werden, da die kindliche Nebenschilddrüse reift und besser kompen-sieren kann. Auch humanisierte Kuhmilchformula besitzt, aufgrund des Phosphors im Protein und dem geringeren Verhältnis von Calzium zu Phosphor als Muttermilch, noch einen hohen Phosphatgehalt, der von den Herstellern nicht korrigiert werden kann. Das Risiko einer Hypocal-zämie ist 30/10.000 bei formelernährten Neugeborenen, verglichen mit 1/10.000 bei gestillten Kindern [59].
 
Formelernährte Kinder erhalten eine Nahrung, die etwa 20mal mehr Ei-sen enthält als Muttermilch. Dies führt zu der Besorgnis, es könnte die Widerstandskräfte gegen Infektionen und die Aufnahme von Spuren-elementen, wie Zink und Kupfer, bei den Kindern stören. Andererseits besteht bei Kindern, die eine Formelnahrung mit niedrigem Eisengehalt erhalten, das Risiko einer Eisenmangelanämie, die möglicherweise zu einer irreparablen Verzögerung der kognitiven Entwicklung führen kann [60]. Der Anteil des aus der Nahrung absorbierten Eisens steigt, wenn die Anreicherung der Nahrung mit Eisen absinkt, z. B.: Aus einer Formelnahrung mit einem Eisengehalt von 6 mg/l werden 6% Eisen als Eisensulfat aufgenommen; wird der Eisengehalt auf 12 mg/l verdop-pelt, sinkt der aufgenommene Anteil auf 4%, was bedeutet, dass trotz der doppelten Eisenkonzentration nur 1/3 mehr Eisen aufgenommen wurde [61]. Zur Zeit liegt in den USA der Höchstwert für Eisen in For-mula bei 20 mg/l, wobei bei der Herstellung eine Schwankung von +/-10% von einer Charge zur nächsten erlaubt ist.
 
In Massachusetts/USA wurde kürzlich eine Untersuchung des Vitamin-D-Gehalts in Milch durchgeführt, dabei wurde festgestellt, dass formel-ernährte Kinder mit ihrer Nahrung überhöhte Vitamin-D-Gaben erhiel-ten. 10 Proben von fünf verschiedenen Säuglingsnahrungsmarken ent-hielten 756-1700 IU/l Vitamin D (IU = Internationale Einheiten). Mut-termilch enthält 20-80 IU/1 Vitamin D. Zur Zeit ist eine Anreicherung der Formulas mit Vitamin D von 40-100 IU/l00 Kcal vorgeschrieben. 7 von 10 Proben dieser Untersuchung enthielten mehr als 200% des auf dem Etikett angegebenen Vitamin-D-Gehalts, eine Probe enthielt 419% des angegebenen Vitamin D [62]. Vitamin D ist in hohen Dosen to-xisch. Die mangelhafte Überwachung der Inhaltstoffe von Formelnah-rung birgt für formelernährte Kinder das Risiko von physiologischen Unausgewogenheiten und der Giftigkeit ihrer Nahrung.
 
Formelernährte Kinder sind angewiesen auf Produkte, die sehr unter-schiedlich sein können. In Vergleichen mit Muttermilch werden in For-mulas immer wieder Mängel an essentiellen Nährstoffen festgestellt. Diese Nährstoffe werden dann hinzugefügt, meistens nachdem Kinder geschädigt wurden oder das Produktmarketing diese Entscheidung er-zwingt. Die folgende Liste nennt dazu einige Beispiele [63]:
  • Eine Formula mit Mangel an Zink führte zu Entwicklungsrück-ständen, Wachstumsstörungen und Hautveränderungen bei Kindern.
  • Vitamin-B6-Mangel in Formula verursachte Krampfanfälle bei Kindern.
  • Zu niedrige Folsäurewerte und das Fehlen von Vitamin C führten zu megaloblastischer Anämie.
  • Tiere mit Mangel an Biotin starben an einem Syndrom, das dem SIDS ähnelte, deshalb wurde allen Formulas Biotin zugefügt.
  • Die (am Aufbau des Taurins beteiligte) Aminosäure Zystin wird heute hinzugefügt, weil Kinder noch nicht fähig sind sie zu syn-thetisieren.
  • Taurin, notwendig für die Myelinisation des ZNS, fehlte bis 1984 fast vollständig in Formulas.
  • Unsachgemäß erhitzte Sojaformula und/oder der Mangel von Jod verursachte Fälle von Kropfbildung.
  • Vitamin-K-Mangel führte zu verlängerten Prothrombinzeiten bei Kindern.
  • Sojaformulas mit Mangel an Carnitin (ein Transportprotein) be-deuten für bestimmte Kinder, besonders Mukoviszidosekranke, ein Risiko für die Ablagerung von Fett in der Leber [64].
  • 5 Nukleotide (Bausteine der Nukleinsäuren) werden seit kurzem einer amerikanischen Formula hinzugefügt. Den Anlass gaben Untersuchungen, die Hinweise lieferten, dass dies zu einer er-höhten Immunität und Eisenabsorption führen sowie Vorteile für die Dünndarmflora, den Fettstoffwechsel und Darmreifung mit sich bringen würde. Auch einigen europäischen und japanischen Formulas werden bereits Nukleotide zugefügt. In menschlicher Muttermilch sind Nukleotide in großen Mengen vorhanden. In Formelnahrungen jedoch können die Wirkung und die Absorp-tion der zugefügten Nukleotide durch bestimmte Inhaltsstoffe oder deren Fehlen in der Formula verändert werden. So können etwa große Mengen diätetisches Adenin (eine der 4 Basen der DNS) die Nieren schädigen. Die Hitzebehandlung von Pulvernah-rungen führt zu einem Abbau von Pyrimidinen (z. B. die organi-schen Basen der DNS: Cytosin und Thymin). Nukleotide werden vor der Absorption von Körper verändert, das macht es schwer sichere Werte für eine Anreicherung festzulegen [65]. Die Addi-tion von Nukleotiden zu Formula kann die Interleukin-2-Produk-tion (Signalsubstanz zur Immunregulation, von T-Helferzellen produziert, aktiviert T-Lymphozyten und Killerzellen) und die Effektivität der natürlichen Killerzellen steigern, aber bisher hat dies noch keine Vorteile für formelernährte Kinder gezeigt [66].
  • Einer amerikanischen Formula wurde Sojaöl hinzugefügt, um eine Quelle für Alpha-Linolensäure (eine essentielle Omega-3-Fettsäure) bereitzustellen. Babys können diese nur zum Teil in Docosahexaensäure (eine der wichtigsten langkettigen, hoch ungesättigten Fettsäuren, notwendig für den Membranaufbau des Nervensystems) umwandeln.
  • Zwei Formulas mit zu geringem Gehalt an Chlorid verursachten schwere Stoffwechsel- und Gedeihstörungen bei Kindern.
  • Die Menge und Eigenschaften der Sojaproteine, die in Formel-nahrungen verwendet werden, basieren auf der Gewichtszu-nahme von Ratten in standardisierten Fütterungsversuchen. Ratten haben aber, wegen dem erhöhten Schwefelgehalts ihres Felles, einen hohen Bedarf an schwefelhaltigen Aminosäuren. Sie bieten daher keine geeignete Orientierung für die Richtlinien der Verwendung von Sojaprotein in Säuglingsnahrung.
Immer wieder werden Formelnahrungen neue wichtige Nährstoffe hin-zugefügt. Folglich haben die Säuglinge vor der Veränderung der Zu-sammensetzung eine Nahrung erhalten, der essentielle Substanzen für ein optimales Wachstum und eine gesunde Entwicklung gefehlt haben. Bei jeder Formula besteht außerdem die Möglichkeit von unbeabsich-tigten Unter- oder Überdosierungen während der industriellen Herstel-lung. Die davon betroffenen Säuglinge und Kinder müssen diese Fehler teuer bezahlen, wie das Beispiel der Kinder zeigt, die 1978 und 1979 eine Formelnahrung mit zu wenig Chloriden erhalten haben und heute bereits im Schulalter sind. Die Säuglinge entwickelten damals ein Syn-drom mit den Symptomen: Appetitminderung, mangelnde Gewichtszu-nahme, Muskelschwäche, Lethargie, Erbrechen und schwere hypochlor-ämische, hypokaliämische metabolische Alkalose [67]. Fast alle betrof-fenen Säuglinge zeigten eine verlangsamte Zunahme an Länge, Ge-wicht und Kopfumfang [68]. Weitere Untersuchungen ergaben:
  • Im Alter von 2-4 Jahren wurden durch niedrigere Ergebnisse bei einem Entwicklungstest kognitive Verzögerungen festgestellt. Auch die Wahrnehmungs- und feinmotorischen Fähigkeiten zeigten Verzögerungen [69].
  • Als Erst- und Zweitklässler erreichten sie, im Vergleich mit Kon-trollgruppen, signifikant niedrigere Ergebnisse bei einer allge-meinen Untersuchung der kognitiven Entwicklung und deutlich niedrigere Werte bei quantitativen Teilergebnissen [70].
  • Das Gehirnwachstum ist gegenüber einem Chloridmangel der Nahrung besonders empfindlich. Nach 4-9 Jahren wurden bei einigen Kindern auffällige kognitive Beeinträchtigungen beob-achtet, z. B. Störungen der Aussprache, Wortfindung und Be-nennung, visuell-motorische und feinmotorische Schwierigkeiten sowie Konzentrationstörungen, häufig verbunden mit repititivem Verhalten, Rückzug und Overfocusing [71].
Bei einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift Wall Street Journal im Jahre 1980 fasste der bekannte Kinderarzt Dr. Derrick Jeliffe dieses Geschehen folgendermaßen zusammen:
"Rückblickend stellt sich die Geschichte der Formulaproduktion als eine Kette von Fehlern dar. Jedes Stolpern wurde überwunden, sogleich als neuer Durchbruch angekündigt und führte dennoch zu weiteren Unaus-gewogenheiten und noch mehr Veränderungen." [72]
 
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Schadstoffe in Säuglingsnahrung
Formelernährte Säuglinge haben ein erhöhtes Risiko für die Aufnahme von Blei, Aluminium und anderen Schwermetallen sowie Jod. Der Blei-gehalt von Formelnahrungen ist in den letzten 10 Jahren immer mehr zurückgegangen und auch mit Blei verlötete Nahrungsbehälter wurden inzwischen aus dem Verkehr gezogen. Selbst eine geringfügige Auf-nahme von Blei, sogar Werte von nur 5-10 g/dl (1 g = 1 x 10-6 g), kann die kognitive Entwicklung von Säuglingen und kleinen Kindern negativ beeinflussen. Bleivergiftungen bei Säuglingen kommen häufi-ger vor, als bisher angenommen wurde. Oft ist die Ursache das Kochen des Wassers vor dem Auflösen des Nahrungspulver oder -konzentrats. Die Zubereitungshinweise auf der Verpackung geben meist an, das Wasser vor dem Mischen mit der Formula 5 Minuten kochen zu lassen. Allerdings wird damit das im Wasser enthaltene Blei konzentriert, folg-lich erhalten die Säuglinge bei jeder Mahlzeit eine beträchtliche Menge Blei, abhängig vom Bleigehalt des Wassers und der Kochzeit. Die Ver-wendung von Formula, die wenig oder kein Eisen enthält, steigert e-benfalls die Aufnahme von Blei aus der Nahrung. Um den Bleigehalt von Formelnahrung zu verringern, sollte das Wasser nicht gekocht werden, außer wenn dies bakteriologisch notwendig ist. Der Bleigehalt des öffentlichen Trinkwassers sollte kontrolliert werden. Die Wasserlei-tungen in Wohnungen sollten überprüft und ersetzt werden, wenn sie Blei enthalten oder die Verbindungen der Rohre mit Blei geschweißt sind. Das erste morgendliche Wasser aus einer Leitung sollte nicht zur Nahrungszubereitung genommen werden. Eltern sollten am Morgen den Wasserhahn 1-5 Minuten laufen lassen, um weniger bleihaltiges Wasser zu erhalten. Forscher empfehlen, bei Kindern, die möglicher-weise einer höheren Gefahr der Bleiaufnahme ausgesetzt sind, was bei den mit pulverisierter oder konzentrierter Formula ernährten Babys der Fall ist, ab dem 7. Lebensmonat Untersuchungen auf Blei durch zu führen [73].
 
Aluminiumwerte können in Formula bis zu 60mal höher sein als in Mut-termilch. Säuglinge mit Problemen der Nieren neigen zu Einlagerungen großer Mengen Aluminium im Gehirn und in den Knochen. Zwei Säug-linge mit Nierenproblemen starben an Vergiftungen durch Aluminium aus pulverisierter Säuglingsnahrung [74]. Die potentiellen Quellen der Aluminiumverunreinigungen in Formelnahrung sind die Rohstoffe, be-sonders Sojabohnen, verunreinigte Zusätze, wie Calzium oder Phos-phate, der Herstellungsprozess an sich und die Aufbewahrungsbehäl-ter. Frauenmilch enthält >5-45 g/l Aluminium, wogegen in einer Soja-formula 684-2346 g/l Aluminium gemessen wurde [75]. Der Calzium- und Phosphorstoffwechsel kann durch die Aluminiumverunreinigungen der Nährstoffe gestört werden. Bei reifgeborenen Säuglingen, die Soja-formula erhielten, wurden verringerte Mineraliengehalte der Knochen [76] und im Alter von 3 Monaten kleinere Handwurzelknochen im Rönt-genbild [77] festgestellt. Frühgeborene Säuglinge, die mit Sojaformula ernährt werden, können eine Demineralisation der Knochen und Rachi-tis entwickeln. Die gesteigerten Mengen Calzium und Phosphor, die diesen Formulas hinzugesetzt werden, um die Konzentration von Alu-minium im Serum zu reduzieren [78], können bei den Säuglingen zu einem höheren Risiko einer hypocalzämischen Tetanie führen, wie weiter vorne ausgeführt wurde.
 
Formelernährte Säuglinge können Jodwerten ausgesetzt sein, die bei-nahe 10mal so hoch sind wie die der Muttermilch. Das Jod gelangt in die Formula durch die Milch von Kühen, die sehr jodhaltiges Futter fres-sen und bei der industriellen Milchverarbeitung durch die Reinigung des Euters und die Desinfektionslösungen für die Melkgeräte. Eine hohe Jodaufnahme kann zu Schilddrüsenunterfunktionen führen. Einige For-scher vertreten die Auffassung, die Jodwerte der Formelnahrungen seien zu hoch; vor allem weil es nur wenige Untersuchungsergebnisse über die Jodwerte von formelernährten Säuglingen und die möglichen Auswirkungen auf die neonatale Schilddrüsenfunktion gibt.
 
In Michigan/USA wurde 1983 festgestellt, dass Säuglingsfertignahrung dort mit halogenierten organischen Lösungsmitteln, wie Trichloräthylen und Perchloräthylen kontaminiert war, die aus Brunnenwasser stamm-ten, das für die Herstellung von Formula benutzt wurde. Die Brunnen waren zwar auf Verunreinigungen untersucht worden, allerdings nicht auf halogenierte organische Verbindungen, die die häufigsten Verunrei-nigungen des Grundwassers darstellen. Bakterielle Verunreinigungen von Formula bleiben eine weitere Sorge, da es öfter zu Zwischenfällen kommt und verdorbene Produkte zu klinischen Krankheiten führen. Im November/Dezember 1985 kam es in England zum Ausbruch einer Sal-monellose (Infektion und Lebensmittelvergiftung durch Salmonellen), die bei einem Säugling zum Tode und bei 15% der betroffenen Säug-linge zur Krankenhausaufnahme führte. Die Ursache war eine bei der Herstellung mit Salmonellen kontaminierte Pulvernahrung. Beim Her-stellungsprozess von Pulvernahrung können Bakterien durch rohe oder nicht ausreichend pasteurisierte Milch in das Trocknungsprodukt gelan-gen [79]. In 13 Ländern, darunter die USA, wurde die gramnegative Stäbchenbakteriengattung Enterobakter sakazakii als häufige Verunrei-nigung von Pulvernahrungen identifiziert [80]. Es wurde festgestellt, dass Neugeborene, die mit diesen Bakterien verunreinigte Formula er-hielten, an Sepsis und Meningitis erkrankten [82].
 
Im Juni 1990 sprach die amerikanische FDA (= Food and Drug Admin-istration, Behörde zur Überwachung von Nahrungsmitteln, Medikamen-ten und medizinischen Geräten) einen Rückruf der Klasse 1 für 241.357 l Konzentrat einer flüssigen Sojaformelnahrung aus. Rückruf der Klasse 1 bedeutet, dass der Gebrauch des Produkts zu schweren gesundheitlichen Folgen oder sogar zum Tode führt. Den Inspektoren der FDA waren aufgeblähte Dosen mit Formula aufgefallen, von denen einige kurz davor waren zu platzen. Eine Dose dieses Postens hätte für einen Säugling lebensgefährlich werden können. Die Firma bestimmte die Ursache der Verunreinigung nicht und einen Monat später stellten sie fest, dass sämtliche Dosen einer weiteren Produktionsserie dabei waren anzuschwellen. Die Fabrik wurde daraufhin von der Firmenlei-tung geschlossen [83]. Das FDA hat Richtlinien für die bakterielle Un-tersuchung von Pulvernahrungen herausgeben, wobei aufgeführt ist, welche und wie viele Mikroorganismen zum Verderben eines Produkts führen würden. Das Bakterium Listeria monocytogenes ist in dieser Liste nicht aufgeführt, obwohl es in Milch und Milchprodukten vor-kommt. Vertreter der FDA haben erklärt: "Wenn diese Organismen in einer Säuglingsformelnahrung auftreten, ist das eine potentiell lebens-gefährliche Situation." [84]
 
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Weitere Möglichkeiten von negativen Effekten
Es werden weiter viele Babys durch künstliche Säuglingsnahrung ge-schädigt. Bei Säuglingen, die ohne Aufsicht aus einer abgestützten Flasche trinken, besteht ein höheres Risiko für eine Aspiration und sie erhalten außerdem weniger Kontakt durch ihre Betreuungsperson. In einem Mikrowellenherd erwärmte Formula kann Verbrühungen in Mund und Speiseröhre der Babys verursachen [85]. Durch lang anhaltende Exposition von Formula zu Mikrowellen können sich einige Aminosäu-ren von ihrer Trans- zur Cis-Form verändern. Einige Cis-Formen, die sich in Mikrowellenherden bilden, sind toxisch für Nieren, Leber und Nervengewebe [86]. Da Glasflaschen springen oder platzen können, sollten sie nicht in der Mikrowelle erhitzt werden [87]. Fehlerhaft zube-reitete Formelnahrung kann schwere gesundheitliche Probleme verur-sachen, etwa Unterernährung, Überfütterungsdyspepsie, Hypernatri-ämie und Stoffwechselstörungen. Bei einer Untersuchung der Konzen-tration von 133 Proben zeigten 21% Ungenauigkeiten, die mehr als 10% von der Norm abwichen, und 11% variierten sogar um 17,5% von der vorschriftsmäßigen Konzentration. Die Mütter hatten am WIC-Pro-gramm (Special Supplemental Food Program for Women, Infants and Children) teilgenommen und sollten dort in die richtige Zubereitung der Säuglingsnahrung eingewiesen worden sein. Oft berichteten Mütter, die zu wenig Pulver oder Konzentrat nahmen, von finanziellen Schwierig-keiten, um die benötigte Nahrung zu bezahlen, da ihre Kinder mehr als die täglich vorgesehene Menge konsumierten. Zu geringe Größe des Kindes war ein Risikofaktor für zu stark konzentrierte Formula, weil die Eltern auf diese Weise versuchten ein schnelleres Wachstum des Kin-des zu fördern [88]. Die Mengen der pulverisierten Formelnahrung, die mit dem vom Hersteller bereitgestellten Portionierbecher abgemessen wurden, variierten stark. Bei einer Untersuchung von 28 Müttern stellte sich heraus, dass 19 von ihnen das Pulver in dem Portionierer mit dem Finger oder einem Messer glattstrichen, während die 9 anderen Mütter dies nicht taten. Die größte auf diese Weise abgemessene Pulvermen-ge für eine normale Flaschenmahlzeit wog doppelt so viel wie die kleinste. Die Autoren vertreten die Auffassung, dass es besser wäre, die richtige Menge Pulver in Einzelpackungen abzugeben, um die Zube-reitung der Formula in der korrekten Konzentration sicherzustellen, da das Abmessen mit dem Portionierer zu ungenau sei [89]. Mütter, die zwischen verschiedenen Nahrungsmarken wechseln, müssen darüber informiert werden, dass der Portionierer bei einigen Marken glatt ge-strichen werden muss, während mindestens ein Hersteller angibt, dass der Becher gehäuft werden soll. Viele Flaschenmahlzeiten sind zu stark konzentriert, weil Mütter, Großmütter oder andere Betreuungspersonen einen Extralöffel Pulver hinzufügen, um das Baby "ruhig zu stellen". Die Unfähigkeit die Zubereitungsanweisungen auf der Packung zu befolgen, z. B. wenn die Formelnahrung zu stark konzentriert wird oder nicht in ausreichender Menge vorhanden ist, kann schwere gesundheit-liche Folgen für die Säuglinge haben, besonders für Mangelgeborene (small-for-date-babys), Frühgeborene oder Säuglinge mit Gedeihstö-rungen.
 
Der Preisanstieg für Formula von 172% innerhalb der letzten 10 Jahre hatte als alarmierende Folge eine Epidemie von Wasservergiftungen bei Säuglingen in Familien mit geringem Einkommen. Orale Wasserin-toxikation ist eine akute neurologische Störung, die durch schnelle Aufnahme von zu viel Wasser, ohne darin gelösten Stoffen, entsteht. Dabei kann eine Schwellung des Gehirns zu Atemversagen und Krämp-fen führen. Die meisten Säuglinge erholen sich davon wieder, aber es kann auch zu bleibenden neurologischen Schäden, Koma oder Tod des Kindes kommen. Eine der Hauptursachen war das Fehlen von ausrei-chender Formelnahrung. Die Mehrzahl der Mütter gab an, dass sie Wasser gefüttert hätten, weil ihr Vorrat an Formula erschöpft gewesen sei. Die derzeit vom WIC-Programm verteilte Menge Formula befriedigt den Nahrungsbedarf der meisten 3 Monate alten Babys, aber für einen gesunden 4-5 Monate alten Säugling kann dies zu wenig sein, um ihn zufrieden zu stellen. Die meisten Berichte über dieses Problem handel-ten von Säuglingen im Alter von 4-6 Monaten [90].
 
Eine weniger teure Alternative zu Formelnahrung ist Kuhmilch. Die AAP empfahl kürzlich. dass jegliche Art von Kuhmilch oder Formula mit we-nig Eisen im ersten Lebensjahr‚ nicht gegeben werden sollte [91]. Wenn ein 6 Monate alter Säugling statt mit Muttermilch oder mit Eisen angereicherter Formula mit Kuhvollmilch ernährt wird, besteht die Ge-fahr einer Eisenmangelanämie, schweren Darmblutungen, verstärkter Belastung der Nieren und Dehydration, einer unausgewogenen, man-gelhaften Ernährung und Verhaltensproblemen im Zusammenhang mit dem Eisenmangel. Auch mit Eisen angereicherte Getreideflocken rei-chen nicht aus um den Eisenbedarf eines mit Kuhvollmilch gefütterten Kleinkindes zu decken [92].
 
Zuckerkaries (Baby-Bottle-Syndrom oder Nursing-Bottle-Syndrom) nennt man den Zustand zerstörter Zähne, der entsteht, wenn ein Baby mit einer Flasche mit Formula, Milch, Saft oder einer anderen Flüssig-keit mit einem hohen Kohlenhydratgehalt zum Schlafen gelegt wird. Die Flüssigkeit sammelt sich während des Schlafs in der Mundhöhle und führt zu einem Verfaulen der Schneidezähne, da die Zähne in ein Medium eintauchen, in dem sich Bakterien vermehren und die Zerstö-rung der Zähne möglich gemacht wird. Die zahnmedizinische Behand-lung eines solchen Zustands kann mehrere Tausend DM kosten.
 
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Fundierte Entscheidungen statt Schuldgefühle
Nur wenige Eltern sind sich über die Gefahren im Klaren, die mit künst-licher Säuglingsernährung verbunden sind. Gesundheitsfachleute wei-chen der Frage nach den Unterschieden zwischen Formula und Mutter-milch aus, indem sie die Eltern nicht über die Gefahren der künstlichen Säuglingsnahrung informieren. Als Entschuldigung erklären sie, dass diese Informationen bei flaschenfütternden Müttern zu Schuldgefühlen fuhren könnten. Diese patriarchalische Sichtweise versucht Frauen vor dem Wissen zu schützen, dass eine schlechte Wahl mögliche Konse-quenzen für sie selbst und ihre Kinder haben kann. Damit wird den Eltern das Recht auf eine eigene Entscheidung, die auf Informationen beruht, geraubt. Wenn Eltern erfahren, dass es doch einen Unterschied gibt und ihnen diese Informationen vorenthalten wurden, erzeugt dies mehr Zorn als Schuldgefühle. Lawrence [93] erinnert Ärzte: "Eltern haben ein Recht darauf, diese Informationen zu erfahren. Sie können selbst eine Entscheidung treffen. Die Angst, einer Mutter Schuldgefühle einzuflößen, ist ein schlechter Grund, der Mutter eine fundierte eigene Entscheidung vorzuenthalten."
 
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Zusammenfassung
Einige Angehörige des Gesundheitspersonals versichern Eltern, dass ihren Babys jegliche Ernährung gleichermaßen gut bekomme. Sie be-ruhigen sie, dass es in entwickelten Ländern keinen Unterschied bei den gesundheitlichen Ergebnissen der beiden Ernährungsmethoden gäbe. Andere haben nur wenig Wissen über Laktationsmanagement und fühlen sich im Umgang mit stillenden Müttern unsicher.
 
Dennoch nimmt das Beweismaterial weiter zu, das zeigt, dass die gesundheitlichen Ergebnisse und kognitiven Fähigkeiten von formel-ernährten und gestillten Kindern unterschiedlich sein können. Formel-ernährte Kinder können ihre gesundheitlichen und kognitiven Fähigkei-ten nicht in der Weise entwickeln, wie ihr natürliches Potential es er-laubt hätte. Angesichts dieser Daten ist der Trend "weniger zu stillen" besonders besorgniserregend. Unter der voranschreitenden Zunahme von neuen Forschungsergebnissen über Stillen und Muttermilch sollte das Gesundheitspersonal mehr als eine neutrale Haltung gegenüber den verschiedenen Ernährungsmethoden für Säuglinge einnehmen.
 
Die Angehörigen des Gesundheitspersonals können einen wichtigen Beitrag zu einer auf vollständigen Informationen fundierten Entschei-dungsfindung der Eltern leisten. Dazu sollten sie bei passenden Gele-genheiten während einer Schwangerschaft Anstöße zu Diskussionen über Säuglingsernährung geben. Dies können routinemäßige Vorsorge-untersuchungen, Geburtsvorbereitungs-, Still- und Säuglingspflege-kurse, Stillvorträge u.s.w. sein. Ich betone in den Stillkursen vor der Geburt die folgenden Informationen:
  • Formula und Muttermilch sind nicht gleich;
  • ihr Gebrauch führt zu unterschiedlichen gesundheitlichen Ergeb-nissen;
  • Muttermilch ist spezifisch für den Menschen zugeschnitten, um das Gehirnwachstum zu fördern und gegen akute sowie chroni-sche Krankheiten zu schützen;
  • Formula hat keine dieser Effekte;
  • Entscheidungen über die Ernährung sind weder richtig noch falsch, noch sind sie gut oder schlecht;
  • Muttermilch fördert die Entwicklung des genetischen Potentials des Säuglings;
  • es ist ein Unterschied, in Ordnung zu sein oder sein optimales gesundheitliches und kognitives Potential zu entwickeln;
  • es gibt verschiedene Formelnahrungen. Normale Standardnah-rungen basieren auf Kuhmilch, darüber sind sich viele Eltern nicht bewußt. 7-8% aller Babys reagieren auf Kuhmilchformel-nahrungen allergisch: 50% dieser Babys reagieren ebenfalls allergisch auf Sojaformelnahrung. Das Füttern von Kuhmilch ist im ersten Lebensjahr nicht zu empfehlen;
  • das Füttern von Formelnahrungen ist kostspielig; die Nahrungs-menge für ein Jahr kostet ca. DM 750-1500;
  • bei der Verwendung von Leitungswasser zum Verdünnen von Formulapulver oder -konzentrat, sollte das Wasser vorher auf seinen Bleigehalt untersucht werden. Das Wasser sollte nicht gekocht werden, die Nahrung der Anleitung entsprechend zube-reitet werden und die Flaschen und Sauger sorgfältig gereinigt werden. Das Füttern von Säuglingsformelnahrung ist zeitauf-wendig.
Eltern haben ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren. Elterliche Ent-scheidungen sind nicht immer einfach und schnell zu treffen. Das Ver-schweigen von Informationen trägt nicht zum Gelingen einer vertrau-ensvollen Beziehung zwischen den Eltern und der Ratgebenden bei. Die Entscheidung, Eltern ehrlich und umfassend über diese Fakten zu infor-mieren, kann Missfallen oder sogar Feindseligkeit bei Kollegen oder an-deren Beratungsstellen erzeugen, da diese Herangehensweise dem üb-lichen Umgang widerspricht. Jedoch sollten sich alle, die Familien mit kleinen Kindern betreuen, über ihre Verantwortung in Hinblick auf die fundierte Entscheidungsfindung der Eltern im Klaren sein.
 
Die Verfasserin des Artikels ist Marsha Walker, Krankenschwester, Laktationsberaterin und Präsidentin der Lactation Associates und Direktorin des Breastfeeding Support Program des Harvard Community Health Plan in Wellesley, Massachusetts, USA.

 
>  Teil 2 - Referenzen
 
Übersetzung: Regine Gresens, IBCLC, 1995



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