Wie Frauenmilch gebildet wird

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Autorin: Linda J. Smith
„Nicht genug Milch“ ist der häufigste Grund für Zufütterung oder Abstillen. Manchmal ist es wirklich so, in anderen Fällen ist es nur eine Vorstellung.

Das fortschreitende Verständnis der Milchsynthese stammt teilweise von Physiologen der Milchwirtschaft (die ein finanzielles Interesse daran haben, genau zu wissen, wie Kühe reichlich Milch produzieren) und teilweise von Personen, die Müttern beim Stillen helfen.

Vor den 1940er Jahren dachte man, die meiste Milch würde während des Milchspendereflexes gebildet, weil sie währenddessen schneller fließt. (Dazu gehörten Forscher der Molkereiwirtschaft genauso wie Verfechter des Stillens.)

1944 zeigte Peterson, dass die Milchbildung durchgehend stattfindet, während der Milchspendereflex ein anderer und davon getrennter Vorgang ist. Der Milchspendereflex drückt Milch heraus, die sich im Alveolarlumen angesammelt hat, und schiebt sie durch die Milchgänge zur Brustwarze.

Milch wird während des Milchspendereflexes nicht irgendwie schneller gebildet. Sie fließt einfach nur schneller.

Seit den 1990er Jahren haben Forscher der Universität of Western Australia in Perth, Australien, rund um Prof. Dr. Peter Hartmann aktiv stillende Mütter untersucht.

Sie stellten fest, dass die Rate der Milchsynthese – wie schnell die Laktozyten (sekretorischen Zellen) Milch bilden – abhängig von dem Grad der Füllung (oder der Leere) der Brust ist. Dies wird autokrine (oder lokale) Kontrolle genannt.

Wenn sich das Alveolarlumen füllt, signalisieren Bestandteile der enthaltenen Milch selbst (Feedback Inhibitor of Lactation (FIL), Peptide, Fettsäuren und möglicherweise weitere Bestandteile) den Laktozyten die Synthese weiterer Milch zu verlangsamen.

Je leerer die Brust ist, desto schneller versucht sie sich wieder zu füllen – vergleichbar mit einer automatischen Eiswürfelmaschine.

Die Rate der Milchsynthese bei Frauen schwankt zwischen 11 und 58 ml pro Stunde pro Brust (oder etwa 1/3 Unze bis zu 2 Unzen pro Stunde pro Brust).

Leerere Brüste bilden Milch schneller als vollere. Wenn die Milch regelmäßig und gründlich aus der Brust entnommen wird, bleibt die Milchbildung uneingeschränkt erhalten.

Diese Forschung hat bestätigt, was wir bei der La Leche Liga seit langer Zeit wissen – dass das Milchangebot von der Nachfrage des Babys reguliert wird. Ein Baby, das ohne Einschränkungen ‚nach Bedarf‘ gestillt wird, entnimmt selten die gesamte in den Brüsten enthaltene Milch.

1993 berichteten die Wissenschaftler, dass Babys in einem Zeitraum von 24 Stunden durchschnittlich 76 Prozent der verfügbaren Milch aus den Brüsten holten. Dies ermöglicht dem Baby die Milchentnahme kurzfristig zu steuern.

Ich erkläre dies mittels einer Abwandlung des „80:20 Konzepts“. Die 80 % (tatsächlich 2/3) repräsentieren die verfügbare Milch, die jeden Tag vom Baby entnommen wird. Die 20 % (tatsächlich 1/3) der übrigen Milch ist Milch, die in den Brüsten bleibt. Wenn mehr als 2/3 der verfügbaren Milch entnommen wird, steigt die absolute Milchproduktion an, um das Verhältnis 2/3 : 1/3 zu erhalten.

Wenn weniger als 2/3 der verfügbaren Milch entnommen wird, sinkt die Milchbildung, um das Verhältnis 2/3 : 1/3 zu erhalten. Obwohl dies eine Über-Vereinfachung eines sehr komplexen Prozesses ist, bleibt das Grundprinzip stabil, während neue Forschungsergebnisse aufkommen.

Die Forschung zeigt, dass die mütterliche Ernährung (quantitativ oder qualitativ) und ihre Flüssigkeitsaufnahme wenig Einfluss auf die Milchbildung haben.

Wenn das „Milch-Entnahme-Teil“ des Puzzles am richtigen Platz ist, bilden Mütter reichlich gute Milch, unabhängig davon, was sie essen oder trinken.

Wenn das „Milch-Entnahme-Teil“ des Puzzles fehlt, kann das durch nichts anderes ausgeglichen werden.

Die wichtigsten anderen Risikofaktoren für ein volles Milchangebot (vorausgesetzt: Milch wird häufig und gründlich in irgendeiner Form entnommen, vorzugsweise durch das Baby) sind (1) Brustoperationen, (2) Plazentareste in der Gebärmutter, (3) Sheehan-Syndrom oder Hypophysenschock, (4) hormonelle Empfängnisverhütungsmittel und (5) ungenügendes Drüsengewebe.

Wenn keiner dieser Faktoren vorliegt, ist es außerordentlich selten, dass die Brüste nicht reichlich Milch produzieren. Seltene Fälle kann es jedoch geben.

Der häufigste Grund für „nicht genug Milch“:
(1) das Baby ist am Tag nicht für ausreichende Zahl von Minuten angelegt, Stillsitzungen werden beendet, bevor das Baby loslässt, oder die Abstände zwischen den Stillzeiten werden zu weit ausgedehnt, oder dem Baby wird etwas anderes gegeben, um die Abstände zu verlängern oder
(2) das Baby erreicht keinen effektiven Milchtransfer, entweder durch ein flaches Anlegen an der Brust oder ein Saugproblem.

Die Forschung zeigt, dass das Vermeiden und die sofortige Behandlung einer Überfüllung ausschlaggebend sind. Idealerweise sollten alle Mahlzeiten direkt an der Brust nach dem Bedarf des Babys stattfinden.

Die beste Empfehlung zu der Frage „eine Brust oder beide“ ist, das Baby erst die erste Brust austrinken zu lassen. Achte darauf, dass das Baby die Brust selbst loslässt und schau dann, ob es weitere Hungerzeichen zeigt.

Etwa 25 % der Babys nehmen pro Stillmahlzeit nur eine Brust. Etwa 15 % nehmen nie die zweite Seite. Mindestens die Hälfte der untersuchten Babys wechseln zwischen einer oder beiden Brüsten pro Mahlzeit ab.

Babys trinken gewöhnlich 8 – 12mal pro Tag während der ersten sechs Monate. (In Studien liegt die Bandbreite bei 6 – 18mal pro 24 Stunden).

Die meisten Baby trinken am Tag insgesamt mindestens 140 Minuten oder länger, im Durchschnitt 10 – 30 Minuten pro Stillmahlzeit. Stillen ist mehr als Ernährung – es ist auch Geborgenheit, Nähe und Beruhigung.

Mein Appell an alle: Schau Dir das Baby aufmerksam an. Ich zögere nicht, Handentleerung oder Pumpen als Hilfsmittel vorzuschlagen, weil ich so viele junge Babys mit zeitweilig schlechtem Saugverhalten sehe. Das schlechte Saugen lässt Milch in der Brust verbleiben, was das Milchangebot gefährdet und zu einem hungrigen, aufgebrachten Baby und fehlender Milch führt.

Mit einer guten Routine der Milchentnahme, werden die Brüste reichlich Milch bilden, um das Baby zu ernähren, während wir herausfinden, wie dem Baby geholfen werden kann, besser an der Brust zu trinken. Das Milchangebot ist normalerweise am einfachsten zu lösen.

Denk dran, es bleibt dabei:
Die Nachfrage regelt das Angebot, oder „use it or lose it“.

Autorin: Linda J. Smith, Dayton, Ohio, USA
Original: How Human Milk Is Made, LEAVEN Juni/Juli 2001, updated 9/2018
Übersetzung: Regine Gresens, IBCLC, Juni 2019
Foto: Romanna83

Referenzen:

 

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Ein Neugeborenes an der Brust

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Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Berufspädagogin, Still- & Laktationsberaterin IBCLC und Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG). Ich helfe Dir dabei, Deinem Baby und Dir selbst zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen.

Ein Kommentar

  1. Hallo Regine,
    das ist eine wirklich tolle Zusammenfassung! Kurz und knapp und trotzdem alles gesagt!

    Liebe Grüße

    Bianca

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