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Alex - Unsere lange Stillzeit
Originalbericht von AlexLiebe Regine!
Ich will mich schon ganz lange bei Dir mal melden - ich war nur einmal auf einem der Stillfanstreffen, und dann nicht mehr. Sowohl Donners- tag als auch Samstag sind für mich zwei ganz ungünstige Termin, weil ich an beiden Tagen arbeite und es nicht schaffte, mir Platz dafür frei zu schaufeln.
Dazu kommt, dass ich Ende letzten Jahres wieder schwanger geworden bin, und die ersten fünf Monate doll mit Dauerübelkeit und Müdigkeit zu tun hatte. Im Grunde war das nicht so "schlecht" für mich, da ich so nicht anders konnte, als mich zu schonen, weniger arbeitete und viel schlief. Wär mir sonst schwer gefallen ... und im Nachhinein glaube ich, dass es genau das war, was ich brauchte.
Das eine Stillfanstreffen, auf dem ich war, hat mich sehr berührt - und beruhigt. Es ist ja doch immer komisch, wenn man etwas macht, was - scheinbar - sonst fast niemand macht, und was zusätzlich von den meisten Mitmenschen mit Verwunderung bis Abscheu beurteilt wird - und das einzige, was einen weitermachen lässt, ist die eigene Überzeu- gung von "..so fühlt es sich richtig an".
Und insofern war es sehr schön, mal von anderen Müttern zu erfahren und hören, und zu merken, wie "normal" das Langzeitstillen eigentlich ist, obwohl es leider nicht "die Norm" ist. Und besonders auch Deine Mails mit den vielen Links zu Veröffentlichungen über das Langzeit- stillen haben mich sehr unterstützt. Dafür wollte ich Dir schon lange mal "Vielen herzlichen Dank!" sagen.
Auch wollte ich Dir - wie Du mal angefragt hast vor einigen Monaten inzwischen schon - meine Gedanken und Erfahrungen bezüglich Lang- zeitstillen aufnotieren. Bis jetzt bin ich nicht dazu gekommen - wie zu so vielem nicht zur Zeit.
Als ich allerdings heute Deine Mail vom 16.7. las, dachte ich: JETZT will ich mir die Zeit nehmen und beides zusammen einmal aufnotieren:
Von meiner Hebamme - die ich ansonsten sehr schätze - ich werde auch dieses Mal wieder mit ihr entbinden - bekam ich während der Schwangerschaft und nach der Geburt keinerlei Hinweise auf die Dauer des Stillens insgesamt. Ich dachte damals, wenn alles gut klappt, stillt "man" so etwa 9 Monate, und dass diese Zeit gut und ausreichend für das Kind sei.
Als ich das erste Mal - mein Sohn war gerade ein halbes Jahr alt - eine Frau sah, die ein Kind stillte, das schon laufen konnte und etwa ein Jahr alt war, kam mir das sehr absonderlich vor. Tja - hier fehlt ein- fach die Sichtgewohnheit! Sowas sieht man ja eigentlich nie, und es spricht auch kaum einer darüber. Stillen von Kindern bedeutet in unse- rer Gesellschaft im allgemeinen Stillen von Säuglingen.
Stillen von Kleinkindern? Ich hatte damals davon noch niemals etwas gehört. Nun wurde aber auch in der Generation meiner Mutter gar nicht oder nur sehr kurz gestillt. Ich selbst wurde zwei Monate gestillt, mein Bruder nur Wochen, mein Lebensgefährte auch nur zwei Wochen - und bei meinen Freunden sieht das ähnlich aus. So hielt ich mich und meine Generation schon für sehr fortschrittlich, daß wir das "erforderliche" Dreivierteljahr stillten und stillen wollten.
Aber wie so oft hat man so seine Gedanken, und dann holt einen die Wirklichkeit mit ganz anderen Überzeugungen ein: als 9 Monate vo- rüber waren, gab es für mich keinen einzigen Grund abzustillen. Im Gegenteil: "Abstillen" kam mir immer absurder vor! Natürlich gibt es Gründe, das Stillen aufzuhören. Ich kenne viele davon von Freundin- nen: Brustprobleme, Probleme, dies mit der Arbeit zu vereinbaren, einfach-nicht-mehr-wollen...
Ich kenne auch Frauen, denen war das irgendwie zu innig, zu nah - man muss wie immer genau hinschauen, wer und was man ist und will, und was das Kind will - wobei ich da in den meisten Fällen den Eindruck habe: es gibt für das Kind kaum was Schöneres, als gestillt zu werden...
Ich hatte Glück und konnte von Anfang an sehr gut Stillpausen und Ar- beit vereinbaren und ich hatte auch nie irgendein Problem mit dem Stillen: es klappte von Anfang an ohne Probleme und Beschwerden. Kein Wundsein, keine Brustenzündung, keine Schmerzen - und ich selbst fand es immer schön und auch einfach sehr praktisch.
Wenn ich gefragt wurde, wie lange ich denn stillen wolle, so antwortete ich mit dem, was ich inzwischen so dachte: Bis einer von uns beiden nicht mehr mag! Daraufhin kamen meist doofe Witze, aus denen her- vorging, dass die meisten Menschen denken: das ist dann ja wohl auf immer und ewig. Ich dachte schnell, dass unsere "Zeit" mit der Kon- trolle über jedes und alles, und der Angst vor dem Zulassen und Angst vor dem Vertrauen (auch dem Vertrauen, dass alles seinen richtigen Gang geht) an dieser Haltung starken Anteil hat.
Je länger unsere Stillzeit andauerte, umso absurder wurde für mich "das Abstillen" überhaupt. Ich dachte: Wenn sein Stillbedürfnis "gestillt" ist, wird er von alleine aufhören wollen. Parallel dazu war mir aber auch immer klar, wenn ich mal nicht mehr wollen würde, so ist das auch ein klarer Grund, mit dem Stillen aufzuhören. Ich bin sehr froh, daß ich aus meinem engsten Bekanntenkreis Zustimmung zu unserem Stillverhalten fand, oder zumindest Offenheit und Interesse ohne Ab- lehnung.
Je länger unsere Stillbeziehung dauerte, schlug es bei einigen Men- schen zwar auch um - Warnungen vor einer Übermacht der Mutter und zu großer Abhängigkeit - hörte ich so einiges Mal - aber: so what?
Vor allem die Erfahrungen aus Deiner Gruppe, und die Infos aus Dei- nen Mails haben mich doch sehr unterstützt. Und in der Entwicklung meines Kindes sah ich eher größere Unabhängigkeit und mehr Selbst- vertrauen als bei anderen Kinder seines Alters, so dass ich dachte: kann doch nicht so falsch sein. Und abgesehen davon: es fühlte sich einfach immer richtig und selbstverständlich an.
Von einer Hebamme würde ich mir vor allem Informationen wünschen, in der Art wie: In unserer Gesellschaft stillen die meisten Frauen so und so lange, einige stillen aber auch so und so lange; früher stillte man meist so und so lang, in anderen Länders so lang - und es ist ein- fach so: Die Frau sollte sich und ihrem Kind erlauben, so lange zu stil- len, wie es sich für sie und das Kind gut anfühlt - unabhängig davon, was andere Leute sagen, denn Langzeitstillen bzw. das Stillen eines Kleinkindes ist eine Art Tabu in unserer Gesellschaft - und wenn die Frau sich davon freimachen kann, so hat das für Frau und Kind nur Vorteile. (Sehr schön zusammengefasst in dem von Dir gelinkten Artikel: "Was, du stillst noch?! Das Stillen von Kleinkindern" von Dr. med. Nicole Ritsch.)
Ich würde mir Unterstützung wünschen, das zu tun, was sich richtig an- fühlt, unabhängig davon, was andere sagen und denken.
Auch zum Thema: "Wieder schwanger und immer noch stillen - wie geht das alles zusammen?" würde ich mir Informationen von meiner Hebamme wünschen. Ich merke, meine Hebamme weiß da wenig drüber, und auch mein Frauenarzt hat wenig Informationen, außer: "..Es scheint alles zu klappen: vorher abstillen, während der Schwan- gerschaft abstillen, weiterstillen und somit Tandemstillen.." - Ich finde immer, je mehr Informationen man hat, umso sicherer ist man in der eigenen Entscheidung.
Inzwischen ist es bei mir und meinem Sohn so, daß wir unsere Stillbe- ziehung beendet haben. Ich war nicht klar in der Entscheidung, aber mein Körper war es: während meiner jetzigen Schwangerschaft wurde mir das Stillen immer unangenehmer, bis ich mir eines Abends dachte: "Ich muss jetzt nicht auf eine Brustenzündung warten, ich merke, ich will nicht mehr - meine Brust gibt mir eindeutige Zeichen."
Schon viele Monate vorher hatte ich ihn gefragt, wie lange er noch an der Brust trinken wolle, worauf er antwortete: "Wenn der Bauch so richtig groß ist, höre ich auf." Als der Bauch dann im 6. Monat schon sehr groß war, sprach ich ihn darauf an, und er sagte: "Stimmt, der Bauch ist jetzt richtig groß." Zu diesem Zeitpunkt stillten wir jeweils einmal abends und morgens. Wir trafen dann folgende Abmachung: nur noch einmal am Tag - wo er sich für abends entschied - und nach einem Monat, zum nächsten Vollmond, ganz aufzuhören.
Als es dann soweit war, hat er das ganz prima gemacht. Am ersten Abend ohne Stillen hat er ganz doll und lange geweint, sich aber trös- ten und in den Arm nehmen lassen. Ich habe dann vorgeschlagen, statt dem abendlichen Nuckeln eine Gute-Nacht-Geschichte von CD zu hören, auch im Dunkeln. Das kam super an! Wir kuscheln uns zusam- men und hören eine Geschichte.
Zu diesem Zeitpunkt war mein Sohn 4 Jahre und drei Monate alt, und das Aufhören fühlte sich richtig an. Obwohl ich immer gedacht und ge- hofft hatte, es würde sich für ihn irgendwann einfach erübrigen, kam halt doch das, was ich nicht gedacht hätte: ICH wollte nicht mehr. Aber ich merke: es ist für uns beide richtig. Weil, was für mich richtig ist, auch für ihn richtig ist - und weil alles andere falsch wäre.
Und es klappt prima. Manchmal hat er mir noch erzählt, dass er es vermissen würde, aber dann ist auch wieder gut. Manchmal möchte er die Brust auch einfach gerne nur anfassen. Ist auch O.K. für mich.
Inzwischen bin ich kurz vorm achten Monat und wir freuen uns alle riesig auf unseren Familienzuwachs. Es soll ein Mädchen werden... was ich bei ihr anders machen würde? Eigentlich nur eines: Ich würde frü- her aufhören, in der Nacht die Brust zu geben. Mein Sohn war etwa 3 bis 3einhalb, als ich merkte: Dieser Unterbrechungsschlaf muss aufhö- ren - für mich! Jede Nacht so 5 bis 8mal aufgeweckt werden - zuviel! Kaum hatte ich das kundgetan und gemacht - schlief mein Sohn durch. Wie einfach! Hier werde ich beim nächsten Mal besser auf meine Gren- zen achten.
Und: Sobald sobald ich nachts nicht mehr stille, auch nicht am Abend einschlafen lassen. Trinken lassen, kurz vorm Wegdämmern abneh- men und hinlegen. Mal gucken, wie das klappt...
Na, ich werde auf jedem Fall mit meinen beiden Früchtchen irgend- wann mal wieder zu einem der Stillfanstreffen kommen - ich finde es ganz toll, daß Du eine Langzeitstillgruppe machst, und ganz wichtig!
Noch eine kleine Anekdote: Im Frühjahr waren wir auf einer Feier, wo alle - Groß, Klein, Jung und Alt - im Garten saßen, spielten, tobten, a- ßen .... Da sagte eine uns unbekannte Frau zu meinem Mann, zuvor eine Weile unseren Sohn beobachtet habend: "Na, dieses Kind ist be- stimmt lang gestillt worden!" Worauf mein Mann meinte: Wird er immer noch", und die Frau entgegnete: "Ja, da merkt man ihm an." - Und sie meinte das in Bezug auf seine unaufgesetzte Selbstsicherheit, seine Offenheit, seine Direktheit. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass sie Hebamme war.
Ich bin sehr froh, dass wir so lange gestillt haben, obwohl es nicht viele Orte und Menschen gibt, wo ich offen darüber sprechen würde. Vor allem die Erfahrungen mit Dir und Deiner Gruppe haben mich darin sehr unterstützt! Noch einmal vielen Dank dafür!
Bis zu einem Wiedersehen alles Liebe für Dich und
herzlichste Grüße
Alex
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