Wozu das Mützchen?

Wozu diese Mützchen?

10 Kommentare

Autorin: Diane Wiessinger, 2008
Ihr wundervolles Baby ist auf der Welt – nach einer perfekten Geburt. Es liegt auf Ihrer Brust, Sie beugen den Kopf zu ihm hinunter und nehmen einen tiefen Atemzug von dem Geruch von seinem … Mützchen??

Wo kommt dieses Mützchen her?

Schauen Sie sich mal eines der üblichen Geburtsvideos an!
Sie werden darauf wahrscheinlich Hände sehen, die sofort nach der Geburt ins Bild kommen, um eine Mütze auf das noch feuchte Köpfchen zu setzen.
Aber wozu?

Diese Mütze ist wahrscheinlich ein Überbleibsel aus der Zeit, als Neugeborene von ihren Müttern getrennt wurden und ihre Körpertemperatur auf anormale Weise selbst aufrecht erhalten mussten, ohne sich an einen großen, liebevollen „Mama-Ofen“ kuscheln zu können.

Heute bleiben neugeborene Babys bei ihren Müttern. Aber anstatt beide zusammen mit einer warmen Decke einzuhüllen, die die Botschaft vermittelt: „Hier, Mama und Baby, wärmt Euch zusammen als Einheit!„, fliegt rasch eine Mütze herab, die sagt: „Hier, Baby, es ist eine kalte Welt und Du bist jetzt ganz auf Dich gestellt.“

Aber ist das wirklich eine gute Sache?

Nun, es gibt mit Sicherheit keine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass eine Mütze hilfreich ist, wenn Mutter und Baby im Hautkontakt sind.
Aber es gibt Studien, die zeigen, dass es im Falle einer Hirnblutung nach der Geburt wichtig ist, den Kopf des Babys zu kühlen.

Und wir wissen auch sicher, dass eine Mütze den Anblick eines Neugeborenen ändert, von dem weisen Aussehen einer Person von einem entfernten Stern zu dem leicht dümmlichen Aussehen einer Person, die gerade von einer erfolgreichen Einkaufstour zurückgekehrt ist.

Gibt es diese Mütze, weil alle kommerziellen Unternehmen – sogar Krankenhäuser – gerne kostenlose Geschenke an ihre Kunden verteilen?
Gibt es die Mütze, weil Andere zeigen wollen, dass sie die Kontrolle haben?
Weil jemand meint, dass es süß aussieht, so wie die überflüssige Schleife vom Hundefriseur?

Diese Mütze stört die ersten kostbaren Blickkontakte, die Sie und Ihr Baby miteinander haben.
Sie bedeutet ein weiteres Paar Hände in einem Moment, in dem Sie sich gerade wünschen, dass der Rest der Welt verschwinden möge.
Die Mütze behindert Ihre Möglichkeit, Ihr Neugeborenes zu riechen und zu spüren.

Es gibt keine Studien, die ihre Verwendung stützen. Sie ist ein Relikt dieser unglücklichen Zeit, als Neugeborene nach der Geburt von ihren Müttern getrennt wurden.

Mutter Natur hat viele menschliche Neugeborene mit einem prächtigen Haarschopf ausgestattet, aber viele andere haben keine Haare.
Wenn ein warmer Kopf nach der Geburt so wichtig wäre, würden dann nicht alle menschlichen Babys den Kopf voller Haare haben?

Ohne diese Mütze, beugt eine Mutter ihren Kopf vor, um am Köpfchen des Neugeborenen zu schnuppern und ihre Wange an ihn zu legen, während sie dabei ganz normal atmet. Und genau diese Nähe ihres Gesichts, ihrer Wangen und ihres Atems wärmen und trocknen den Kopf des Babys und leisten vermutlich einen Beitrag zu dieser frühen, starken, lebenslangen Liebesbeziehung.

Setz dem Baby eine Mütze auf – und die Mutter schnuppert nicht und reibt ihre Wangen nicht am Kopf des Babys oder macht irgend eine andere von diesen instinktiven kleinen Berührungen am Köpfchen des Neugeborenen oder falls sie es doch macht, erhält sie dabei nicht dasselbe Feedback wie ohne Mütze.

Ob das wichtig ist? Wer weiß es genau?
Was wir wissen, ist jedoch, dass es keine wissenschaftlichen Studien gibt, die die Verwendung von Mützen unterstützen. Und wir wissen nicht, wie wichtig es ist, keine Mützen zu verwenden.

Vertrauen Sie darauf, für Ihr Baby eine gute Mutter zu sein.
Seien Sie wachsam für die vielen winzigen Störungen dieses lang erprobten Systems.
Behalten Sie Ihr Baby am Körper …
und lassen Sie die Anderen die Mütze tragen, wenn sie das unbedingt möchten.

Original: Off With Their Hats? von Diane Wiessinger, MS, IBCLC, 2008
Übersetzung: Regine Gresens, IBCLC, Juli 2014
Foto: Jane Fader via photopin cc

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Ich helfe Dir, als Mutter Dir selbst und Deinem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen. Du findest mich auch auf Pinterest, Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

10 Kommentare

  1. Direkt nach der Geburt kenne ich das auch nicht, dass sofort ein Mützchen aufgesetzt wird. Doch danach finde ich es sehr sinnvoll. Mutternatur hin oder her. Wie oft liegen die Kleinen alleine auf einer Decke, im Kinderwagen etc. Der Kopf beim Neugeborenen ist ein Drittel (im Vergleich zu uns Erwachsenen) und das heisst das Kind ist zu einem Drittel nackt. Darüber verliert es ganz viel Wärme. Wir laufen auch nicht mit nacktem Oberkörper rum. Bis die Babys ihren Wärmehaushalt wirklich stabil halten können, vergeht einige Zeit und da macht es durchaus Sinn auch in Räumen (gerade wenn die Kinder bodennah sind) ein kleines Mützchen anzuziehen.

  2. Ich habe meine 4 Kinder immer gut behütet, auch im wahrsten Sinn des Wortes.
    Liebe Grüße

  3. Mir hat die Hebamme das Mützchen damit begründet, dass der Babykopf bei der Geburt so strapaziert wird und daher zunächst sehr empfindlich sei oder sogar schmerze. Die Mütze sei dann auch mechanischer Schutz vor unangenehmen Berührungen. Meine Tochter mochte sie jedoch nicht tragen, daher habe ich sie bald weggelassen.

  4. Pingback: Dinge, die den Start in die Elternschaft erleichtern können - Geborgen Wachsen

  5. Ja, aber Mutter Natur weiß nicht, dass das Baby evtl im KH zur Welt kommt, wo oft Durchzug ist und Klimaanlage… Bei uns gabs deswegen Mützchen- aber nicht auf Anraten des KH, sondern weil ich es wollte. War übrigens die Einzige auf Station, deren Baby Mützchen trug.

  6. haha das spricht mir aus der seele.

    2013 bekam mein kind gleich nach der geburt ein mützchen.
    ich wollte sie abziehen.
    da meinte die krankenschweister ganz schön dominant: NEIN die bleibt drauf. das ist wichtig!

    und ich habe ihr geglaubt. kam mir unlogisch vor, aber ich dachte, sie würde es sicher besser wissen und habe nicht daran gedacht, das begründen zu lassen:-)

  7. Kein so toller Artikel würde ich sagen ;).
    bei uns gabs zur Geburt kein Mützchen auf …. Und auch danach war es einem selber überlassen …. Ich setze meiner Maus seit Herbst ein Mützchen Nachts auf… Da sie noch nicht so viele Haare hat und sonst nachts zuviel Wärme über den Kopf verliert … Genau dafür sind diese Mützchen da…

  8. omg, das ist mir wirklich zu eso-mäßig.

  9. Wunderschöner Artikel. Genau so ist es… Vielen Dank dafür und diese wunderbare und wichtige (!!!) Seite! Danke.

  10. Ich bin sehr froh, dass ich bei allen drei bisherigen Geburten so lange an meinen Babys schnuppern und mit ihnen kuscheln durfte und konnte, wie ich wollte. Es gab kein störendes Mützchen und wir bekamen mit dem Papa zusammen alle Zeit der Welt. Und das, obwohl ich sie im Krankenhaus bekommen habe (1997,2000,2010) 😉
    Und ich hoffe sehr, dass ich auch nächstes Jahr, bei der Geburt unseres vierten Kindes, genauso viel Zeit bekommen werde.

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