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Wie es weiterging (Sturheit siegt – Teil 2)

2 Kommentare

Liebe Frau Gresens,
ich hatte ja vor etwa einem halben Jahr schon einmal einen kleinen Bericht geschrieben, zu unserem (nicht ganz reibungslosen) Stillstart.

Gerne möchte ich Ihnen nun mitteilen, wie es danach bei uns weiterging – zumal mir gerade Ihre Seite mehrfach eine große Hilfe war.

 

Nach der Saugverwirrung, die man uns in der Klinik einbrockte, und dem Versuch des Kinderarztes, uns möglichst schnell auf Gläschen und Brei zu „eichen,“ ging es so weiter:

Ich fühlte mich ja nicht mehr gut aufgehoben bei unserem Kinderarzt und wechselte schließlich, nach einigem Herumfragen im Bekanntenkreis.

Versteht mich nicht falsch, natürlich unterstelle ich einem Kinderarzt – der ja immerhin studiert und anschließend praktiziert hat – jede Menge Fachkompetenz.

Doch er muss umgekehrt auch respektieren, dass ich als Mutter (bzw. wir als Eltern) eine gewisse Entscheidungskompetenz habe(n).

Und wenn beide Parteien eben nicht als Partner im Sinne des Kindeswohl handeln, hat das ganze schlagartig weit schlechtere Erfolgschancen.

Die neue Ärztin ist da genau die richtige. Sehr resolut und kompetent und durchaus bereit, mir ihren Standpunkt zu erläutern – aber auch meinen anzuhören. Ich fühle mich gut aufgehoben und bin für die Zukunft sehr zuversichtlich.

Was das Thema Essen angeht: Brei gab es bei uns praktisch nicht.

Als mein Sohn ein knappes halbes Jahr alt war, begann er, geeignete Lebensmittel vom Familientisch mitzuessen, manchmal mit der Gabel zerdrückt.

Wir haben mittlerweile unsere Ernährung so weit verändert (z.B. weniger Salz,…), dass er fast alles direkt bei uns mitessen kann und auch will.

In dem Maße, in dem er tagsüber mehr mitaß, ging das Stillen am Tag zurück. Da ich mich beim Stillen in der Öffentlichkeit nie besonders wohl gefühlt habe, kommt mir das sehr entgegen.

Mittlerweile ist er fast ein Jahr alt und stillt tagsüber eigentlich nur noch, wenn er sich nicht wohl fühlt oder ihn etwas sehr bewegt.

Zum Einschlafen und nachts zwischendurch, stillt er aber immer noch wie früher. Ich möchte das auch weiterhin beibehalten, solange er und ich (und mein Mann) uns damit wohl fühlen.

Er ist eigentlich nie krank, obwohl wir dreimal die Woche mit anderen (Klein-)Kindern Kontakt haben. Zweimal hatte er einen leichten Schnupfen und einmal Fieber beim Zahnen.

Er entwickelt sich wunderbar, hat ein sehr ausgeglichenes Wesen und ist sehr aufgeschlossen, kann aber auch ein ganz schön pfiffiger Frechdachs und ein kleiner Wirbelwind sein..

Oft musste ich mir am Anfang gut gemeintes Geunke anhören, weil wir Familienbett praktizierten und ich ihn praktisch den ganzen Tag im Tragetuch hatte.

Doch er ist weder faul noch verzogen. Er hat trotzdem recht früh begonnen, zu krabbeln und zu laufen. Er klammert nicht und geht sehr offen auf Fremde zu und wir bekommen viel Lob für unser braves Kind.

Selbst neulich, bei einem langwierigen Termin im Klinikum, saß er fast zwei Stunden in der Bauchtrage und war zufrieden, dass ich ihm erzählte und Bilderbücher zeigte.

Allerdings musste Zuhause der angestaute Bewegungsdrang dann raus – und das ist ja vollkommen in Ordnung so!

Ich habe nun auch endlich den Nabelbruch aus der Schwangerschaft operieren lassen.

Da das Kind ja schon „so groß ist“, zickte der zuständige Chirurg bei meiner Forderung nach einem stillfreundlichen Ablauf ein wenig rum, doch der zuständige Anästhesist (selbst mehrfacher Vater) stand mir bei und nahm das Ganze in die Hand, so dass ich nicht einmal eine Stillpause machen musste (ambulanter Eingriff, Narkose und Schmerzmittel entsprechend gewählt).

Mein Sonnenschein merkte natürlich, dass Mama ihn nicht wie sonst rumtragen kann – da musste der Papa ran – umso wichtiger ist, dass er wenigstens mit mir kuscheln kann und nicht auf seine geliebte Milch verzichten muss!

Leider kam es einige Tage nach dem Eingriff zu einer Entzündung mit Eiter, so dass ich stationär aufgenommen werden und noch am selben Abend erneut operiert werden musste.

Wieder erklärte ich jedem, dass ich ja noch stillte und das auch so bleiben solle. Diesmal meinte im Vorfeld jeder, das sei kein Problem, entsprechende Narkose- und Schmerzmittel standen ja schon in meiner Akte.

Der Kleine konnte leider nicht mit aufgenommen werden, aber in der Kühltruhe war noch eingefrorene Milch und es sollte ja nur eine Nacht sein – also alles gut.

Am nächsten Morgen teilte man mir mit, dass ich doch einige Tage bleiben müsse, es wäre doch ernster gewesen als gedacht. Man habe auch ein Antibiotika-Depot in der Wunde belassen. Ob ich dennoch weiter stillen könne? Man würde im Hause auf der Gynäkologie nachfragen.

Am Nachmittag dann der Horror…

Das Antibiotikum vertrage sich nicht mit dem Stillen und sei eine Gefahr für das Baby. Und da das Depot circa sechs Wochen braucht, um sich abzubauen, wäre die einzige Alternative zum Abstillen noch einmal eine OP. Aber das Kind sei ja schon alt genug und ich solle jetzt eben abstillen, ich wolle ja wohl das Beste für mein Kind.

Zack, das saß, keine Hilfe, kein Mitgefühl. Ich war am Boden zerstört – warum nun das auch noch?

Natürlich will ich stets nur das Beste für mein Kind! Bei der schwierigen Situation mit der OP und meiner Abwesenheit könnte ein plötzliches abruptes Abstillen das doch aber nicht sein!

Ich redete viel mit meinem Mann. Schließlich entschieden wir, dass wir das schaffen, wenigstens hatte er 11 Monate lang, was ihm gut tat.

Nun kam die nächste Frage: Was musste ich tun, um durch das schlagartige Abstillen nicht auch noch Milchstau, Brustentzündung o.ä. zu bekommen?

Ich rief meine geliebte Hebamme an, die sich auch gerne Zeit nahm, mich besuchte und alles mit mir besprach. Gegen Ende hatte sie dann die Idee, doch sicherheitshalber noch einmal selber zu recherchieren.

Bei der Visite am nächsten Morgen ließ ich mir nochmals den genauen Wirkstoff mitteilen und sie erkundigte sich bei Embryotox.

Nach einer tränenreichen Nacht die Entwarnung: Schwanger dürfte ich das Mittel nicht bekommen, aber Stillen war in Ordnung!

Nun musste ich nur die restlichen paar Tage hier im Krankenhaus hinter mich bringen, dann würde alles wieder gut – also weiter brav abgepumpt!

Es lohnt sich also in jedem Fall, wenn man nicht nur eine gute Hebamme hat, sondern auch wenn man an geeigneter Stelle eine zweite Meinung einholt.

Während ich diesen Bericht tippe, sitze ich übrigens gerade daheim auf der Couch – der erste Abend zuhause!

Mein Bub war den ganzen Nachmittag seit meiner Ankunft nicht von meiner Seite – und meiner Brust gewichen. Er wird wohl in den nächsten Tagen einiges wieder aufholen.

Ich bin froh, dass er jetzt in seinem eigenen Tempo abstillen darf.

 

Zuletzt möchte ich eine kurze Geschichte teilen, die mein Vater mir neulich erst erzählte.

Mein Vater warnte mich bereits früh vor den Gefahren des Familienbettes und legte mir nahe, das Kind nicht zu verziehen. Auch täte es bestimmt gut, das Kind „auch mal schreien zu lassen“.

Neulich waren wir – wie so oft – mal wieder zu Besuch. Der Kurze spielte mit seinen Cousins im Wohnzimmer und der Rest der Großfamilie verteilte sich dort und in der Küche.

Mein Vater rief mich zu sich in die Werkstatt und begann:
Ich bewundere, wie du das mit dem Bub so machst. Er scheint ohne Worte stets zu verstehen, was du von ihm willst, und er scheint einfach so in sich zu ruhen!

Ich muss sagen, du hast da ein paar goldrichtige Entscheidungen getroffen.

Ich erinnere mich – da muss ich etwa anderthalb bis zwei Jahre gewesen sein – wie meine Mutter das mit mir gemacht hat.

Sie war Bäuerin und musste hart mitarbeiten. Und so steckte sie mich nach dem Füttern oft in mein Ställchen und ging aufs Feld oder in den Stall.

Sie wusste, mir konnte nichts passieren, und sie hatte vier Stunden bis zum nächsten Füttern und Wickeln und meine Oma würde einmal pro Stunde einen Blick in mein Zimmer werfen.

Ich kann mich erinnern, wie ich weinend im Bett stand und hoffte, Mama würde doch bald kommen, aber sie kam und kam nicht. Oft schlief ich im Weinen ein oder hörte resigniert auf.

Ich verstand nicht, warum Mama das tat, aber es fühle sich so falsch an.

Ich war froh, als ich alt genug war, um mitzukommen (natürlich um zu helfen), denn hier war Mama und meist auch Papa.

Ich freu mich nun, dass mein Enkel das nicht mitmachen muss!“

(Für alle Skeptiker: Viele in meiner Familie erinnern sich an Ereignisse ihrer frühesten Kindheit, auch ich.)

Diese Geschichte von meinem Vater – erst Verfechter eines konsequenten Erziehungsstil in der Frühkindheit – ist mir eine große Bestätigung.

Ich möchte mit diesem Bericht allen Frauen Mut zum Stillen machen und Mut machen, auf sich selbst zu hören. Andere können uns zwar beraten und Tipps geben, aber nur wir selber können entscheiden, was gut für unser Kind und uns ist.

Vielen Dank für Ihr Engagement, Frau Gresens.

Mit lieben Grüßen,
eine Mutti

Originalbericht einer Mutter, November 2015
Foto: breastfeeding-toddler-beach-3y via photopin (license)

Hier geht es zum ersten Teil des Berichts

Haben Sie selbst eine schwierige Situation mit Ihrem Baby erfolgreich bewältigt?
Und möchten Sie Ihre Erfahrungen gerne hier mit Anderen teilen?
Dann schreiben Sie mir doch Ihren eigenen Bericht!

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Regine Gresens ist Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin.
Sie hilft Müttern, sich selbst und ihrem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und ihren eigenen Weg mit dem Baby zu gehen, auch wenn die Welt es ihnen schwer macht.
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2 Kommentare

  1. Danke für die Mühe, die du dir mit dem Schreiben gemacht hast! Und danke auch für das Weitergeben von der Erfahrung deines Vaters. Wow. Das ist wirklich eine Ermutigung. Ich freue mich von Herzen für dich und für deinen Sohn, dass er von Anfang an eine so starke Mutter hatte, die trotz gegenteiliger Meinung ihren Weg gegangen ist – den richtigen. Alles Gute noch!

  2. Dankeschön, für diesen berührenden Bericht.

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