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Wenn Stillen traurig oder wütend macht

Wenn Stillen traurig oder wütend macht

7 Kommentare

Manche Mütter überkommt bei jedem Stillen eine Welle von negativen Gefühlen, obwohl das Stillen gut funktioniert, sie ihr Baby über alles lieben und sich ganz normal fühlen, wenn sie nicht gerade stillen.

Dann könnte ein Dysphorischer Milchspendereflex (engl. Dysphoric Milk Ejection Reflex, kurz: D-MER) die Ursache dieser negativen Stimmungen sein.

D-MER ist eine seltene, bisher wenig bekannte und kaum erforschte Anomalie des Milchspendereflexes bei stillenden Müttern.

Was sind die Symptome von D-MER?

Das häufigste und wichtigste Symptom ist eine etwa 30 bis 90 Sekunden vor dem Beginn des Milchspendereflexes einsetzende Traurigkeit, die unterschiedlich stark sein kann und die nach wenigen Minuten vergeht.

Betroffene Mütter beschreiben ihre Empfindungen von einer eher körperlich wahrgenommenen Leere im Magen oder einer Art innerem Seufzen, über Gefühle von Heimweh oder Wehmut, bis hin zu tiefster Depression, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Selbsthass und sogar Selbstverletzungs- oder Suizidgedanken.

Manche Mütter erleben auch Gefühle der Angst, die von Unsicherheit und Sorge bis zu Furcht und Panik reichen können.

Darüber hinaus berichten wenige Mütter mit schwereren Ausprägungen des D-MER auch über Gefühle der Wut, die von Anspannung und Unruhe bis Erregung, Aggression und Feindseligkeit rangieren.

Diese negativen Gefühle können vor jedem Milchspendereflex oder nur vor dem jeweils ersten Milchspendereflex während eines Still- oder Pumpvorgangs auftreten. Auslöser dabei ist nicht die Stimulation der Brustwarze durch das Saugen des Babys oder die Pumpe, sondern sie treten auch vor einem spontan einsetzenden Fließen der Milch auf, etwa durch Gedanken an das Baby oder wenn das Baby weint.

Was ist D-MER nicht?

D-MER ist weder eine unbewusste Ablehnung des Stillens, noch eine andere psychische oder körperliche Reaktion auf das Stillen oder die Berührung der Brustwarzen, wie sie viele länger stillende Mütter zum Beginn einer neuen Schwangerschaft erleben.

Es ist auch kein Baby-Blues und auch keine postpartale Depression (PPD), obwohl beides auch gemeinsam auftreten kann.

Genauso wenig wird D-MER durch eine traumatische Geburtserfahrung oder sexuellen Missbrauch ausgelöst, obwohl Erinnerungen an solche Erfahrungen durch die negativen Gefühle stimuliert werden können.

Was ist die Ursache von D-MER?

Es wird heute angenommen, dass D-MER rein körperliche Ursachen hat.

Vermutlich führt das Auslösen des Milchspendereflexes zu einem ungewöhnlich starken Abfall des Neurotransmitters Dopamin, das auch als Glückshormon bezeichnet wird.

Das Absinken des Dopamins beim Stillen ist physiologisch, da es die Ausschüttung des Milchbildungshormons Prolaktin hemmt.

Wie ist der Verlauf bei D-MER?

Leichtere Verläufe von D-MER bessern sich meist ohne Behandlung innerhalb der ersten 3 Monate.

Bei mittlerer Ausprägung des D-MER tritt eine Besserung oft zwischen dem 6. bis 12. Monat ein, während sich in sehr schweren Fällen die Symptome erst nach dem vollständigen Abstillen auflösen.

Was kann ich als Betroffene dagegen tun?

Vermutlich hat es Sie sehr verwirrt, nicht die erwarteten Glücksgefühle beim Stillen zu haben oder Sie haben sogar befürchtet, als psychisch krank angesehen und zur Einnahme von Antidepressiva oder zum Abstillen gedrängt zu werden.

Vielleicht beruhigt es Sie dann schon etwas, einfach nur zu erfahren, dass es so etwas geben kann und keine psychischen, sondern körperliche Ursachen dahinter stecken.

  • Sprechen Sie mit Ihrer Hebamme, Ihrem Partner oder einer anderen Person Ihres Vertrauens offen über Ihre Gefühle. Das bringt oft schon eine große Entlastung.
  • Versuchen Sie sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, zum Beispiel über ein Internetforum. Dieser Austausch kann helfen, sich weniger allein und unverstanden zu fühlen.
  • Probieren Sie für sich selbst aus, welche Situationen oder Maßnahmen Ihre Symptome lindern oder verstärken und tragen Sie Ihre Beobachtungen in ein D-MER-Tagebuch ein.
  • Hilfreich bei D-MER ist alles, was die Ausschüttung von Dopamin unterstützt. Das ist vor allem eine gesunde Lebensweise mit regelmäßiger Bewegung an der frischen Luft, ausreichendem Schlaf und ausgewogener Ernährung mit viel Obst und Gemüse, wie Bananen, Avocados, Mandeln, fettarme Milchprodukte, Brokkoli, Möhren, Paprika usw.
  • Während des Stillens können Ihnen Ablenkung, Entspannungsmusik und Aromatherapie helfen. Verstärken Sie in Ihrem Alltag alle Aktivitäten, die ihnen Freude bereiten und Ihre Symptome lindern.
  • Im Gegenzug sollten Sie alles vermeiden, was die Dopaminausschüttung hemmt. Dazu zählen Stress, Alkohol, Tabak, übermäßiger Genuss von Kaffee oder Tee, schwer verdauliches, fettes Essen und zu viel Zucker.
  • Auch dopamin-antagonistische Neuroleptika oder Metoclopramid (MCP) sollten nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt, wenn möglich durch andere Medikamente ersetzt werden.
  • Da die meisten Mütter mit D-MER keine weiteren psychischen Probleme haben, ist eine Behandlung des D-MER mit den üblichen Psychopharmaka oder auch eine Psychotherapie nicht wirksam. Lediglich bei starkem D-MER kann es hilfreich sein, sich Medikamente verschreiben zu lassen, die den Dopaminlevel erhöhen, wie Dopamin-Agonisten oder Dopamin-Wiederaufnahmehemmer, da sonst häufiger vorzeitig abgestillt wird.

Autorin: Regine Gresens, IBCLC, September 2013
Foto: ecstaticist via photopin cc

Merkblätter zu D-MER (deutsch):
Merkblatt für betroffene Mütter
Merkblatt für Angehörige
Merkblatt für Fachleute

Weitere Informationen zu D-MER (englisch):
D-MER.ORG
Facebook-Gruppe zu D-MER (englisch):
500 or more with D-MER

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Regine Gresens ist Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Sie hilft Müttern, sich selbst und ihrem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und ihren eigenen Weg mit dem Baby zu gehen, auch wenn die Welt es ihnen schwer macht. Folge ihr auf Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

7 Kommentare

  1. Wirklich faszinierend, ich stille jetzt schon ein Jahr und kann das „Gefühl“ jetzt schon gut ignorieren, ich hab mich aber die ersten Monate schon gefragt was das ist. Bei mir war\ist es ein komisches Gefühl im Bauch. Irgendwann hab ich es als „schlechtes Gewissen-Bauch-Gefühl“ identifiziert … Also wie das Gefühl, das man hat, wenn man abends vor dem Einschlafen an irgendwas denkt, das einem Leid tut im Nachhinein… Ich hätte nie gedacht, dass das „Gefühl“ eine wirkliche körperliche Ursache hat. Erleichternd.

  2. Hallo zusammen. vielen dank für diese Einsicht. Mir sind nämlich depresionen bei meiner FRau aufgefallen und hab natürlich mir schon meine Sorgen gemacht. Mit depressionen ist nicht zu spaßen. Als ich diese version entdeckt habe wurde mir schlagartig vieles bewusst und verständlich. Es ergibt alles einen Sinn. Meine Frau hat wegen ihrer Selbstständigkeit (ich 14 Monate Elternzeit) die Milch abgepumt. Irgendwann hat die Milchproduktion nachgelassen. so ca 7 Monat. Da fing sie natürlich an sich schlecht zu fühlen. Sie will nur das Beste für unsere Kurze. Dan ging es wieder bergauf. Die Menge wurde nach und nach immer mehr. Sehr anstrengend alle 1,5 Stunden abzupumpen. das ging so weit gut bis wir sogar wieder Überschuss hatten. zum Einfrieren. Da war alles wieder primma. Keine Streitigkeiten. Wie früher eben. Doch nun geht das wieder los. Sie hat das abpumpen schludern lassen( Verstehe ich auch das es anstrengend ist) und natürlich ist die milch wieder zurück gegangen. Nun zwingt sie sich selbst wieder dazu. Der Nachteil ist, dass sie aggressiv geworden ist. Kleinigkeiten bringen sie in Wut und Unverständnis. „warum hast du meine Tasse weggeräumt, die wollte ich jetzt haben?“!!!…kleines Beispiel. Doch gestern war es am schlimmsten. Obwohl ich mich bemüht habe eine unwichtige Eskalation zu bendigen und zu schlichten…ist es voll in die Hose gegangen. Sie kam und kam nicht mehr von ihrem Tripp runter. im gegenteil es wurde schlimmer und schlimmer. Meine Reaktion war ..“Es reicht“ zu sagen und das Gespräch auf andernmal zu verschieben…so sauer wie wir aufeinander waren. … Draussen brüllte sie mich in beisein von unserem Baby an….was mir sehr peinlich gegenüber den Nachbarn war. und es ging weiter. Ich bin aufgestanden und wollte unseren Rasen mähen ….da sprang sie mit dme Baby im Arm auf und kam in die Scheune und schrie!!! Brüllte und verachtete mich dass ich wegging und das nicht sofort bereden wollte. :..Naja das ging quasi so weiter bis mir die Nerven eine Bremse gestellt haben und gesagt hab,,,das es mir jetzt völlig reicht. Baby zu liebe bin ich weggegangen ..ins Haus…sie samt Baby zu ihrer Mutter um die Ecke. Versuch sie zu überreden die kleine bei mir zu lassen während sie aufgebracht mit ihrer Mom mich verurteilt und weint usw. waren vergeblich. Keine Chance. Da ich keine weitere eskalation mehr wollte und damit das baby keine Angst bekommt hab ich sie gelassen…..Daher bin ich dankbar dass ich hier diese Seite gefunden habe. Sie hat alle Anzeichen von Depressionen…doch das es mit Stillen zu tun haben kann wusste ich nicht…..Ich werde versuchen sie damit zu konfrontieren und erhoffe mir dass sie das einsieht…denn das wort SCHEIDUNG viel sehr häufig von ihr an diesem Abend….Falls jemand noch Tipps hat….Bitte ich gerne drum. Ich wusste als Papa nicht wie kompliziert eine Frau in/vor/während/nach der Geburt sein kan. Hut ab an alle Eheleute die die Goldene Hochzeit erlangt haben. Habe bestimmt vor lauter Aufregung einige Schreibfehler verübt..dafür bitte ich um Verständnis.
    Danke

  3. Vielen Dank für diese Informationen! Nach zwei missglückten Stillversuchen bei den ersten Kindern und zwei Stillkindern, bei denen es immer beim Anlegen nur mit Trauer und Depressionen verbunden war, bin ich traurig und auch erleichtert endlich einen Namen für meine Symptome gefunden zu haben!
    Nochmals vielen Dank!!!!!

  4. Diese Informationen lassen bei mir, auch ein Jahr nach dem Abstillen des zweiten Kindes, Tränen fließen. Mir war nicht bewusst, dass das „normal“ ist, bzw. vorkommen kann und eine physiologische Ursache hat. Ich fühlte mich nur unzulänglich, undankbar und hilflos in meinen Gefühlsstürme während des Stillens.
    Tatsächlich war es jeweils in den ersten drei Monaten (und beim ersten Kind) am schlimmsten. Kind 1 war zudem das, was man im Volksmund als „Schreikind“ bezeichnet und ich frage mich, ob all das einen Zusammenhang haben könnte. Es ist nun alles lang vorbei und die Klippen sind umschifft, aber beschäftigen tut es mich noch immer.
    Danke für diese Neuigkeiten!<3

  5. Oh das kenne ich! Daran merk ich immer, dass gleich die Milch einschießt 🙂 Nach zwei Jahren passiert mir das immer noch und bei meiner Mutter war das auch so, also dachte ich, es ist normal. Aber weil ich gespürt habe, dass es am Körper liegt und nicht an mir, habe ich den Gefühlen keine Bedeutung gegeben und finde es immer wieder witzig zu beobachten, was für eine Macht Hormone über unser Gefühlsleben haben.. Es hat aber auch sehr nachgelassen, seit ich gelernt habe mit Stress besser umzugehen. Unfassbar manchmal wie sensibel das Innenleben mit dem Außenleben zusammenspielt.

  6. Hätte ich diese Info doch nur früher gefunden!
    Ich hab mich nun seit 6 Monaten damit herumgeplagt und mich mehr oder weniger ständig gewundert. Nun weiß ich endlich, was mit mir los ist.
    Gerade nachts hat es mich regelmäßig geradezu überrollt und ich hatte unendliche Schuldgefühle, wieder wütend geworden zu sein.
    Es scheint auch zyklusbedingt zu schwanken. In der Zeit vor der Periode (die sich bei mir schnell wieder einstellte) wurde die Stimmung oft zur unerklärbaren Wut, nach der Periode kam ich besser damit zurecht, da fühlte ich mich „nur“ schlecht und arrangierte mich damit, weil ich es noch nicht übers Herz brachte, abzustillen.
    Das werde ich nun aber, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.
    Sehr groß sind gerade Glücksgefühl und Erleichterung, weil mein Baby endlich die Flasche akzeptiert! 🙂

    Die englische Homepage ist super. Für die dem Englisch nicht so mächtigen wäre eine deutsche Aufklärungsseite von Vorteil.

  7. Danke für diesen Bericht. Bin davon betroffen und dachte, ich wäre die Einzige und schämte mich etwas. Zu wissen, dass dem nicht so ist, erleichtert mich sehr.

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