„Gut Anlegen“ – Der Video-Online-Kurs für stillende Mütter und für Schwangere, die sich auf das Stillen vorbereiten möchten

„Gut Anlegen“ – Der Video-Online-Kurs für stillende Mütter und für Schwangere, die sich auf das Stillen vorbereiten möchten

Viele Wege führen nach Rom

Von Simone |
 
Hallo Regine,
seit der Geburt meiner ersten Tochter vor 4,5 Jahren lese ich regelmäßig Beiträge auf Deiner Seite und bin immer wieder erstaunt, wie viel Kampfgeist und Kraft Mütter aufbringen können, wenn es um das Thema Stillen geht.

Ich selbst habe mich in der ersten Schwangerschaft viel damit beschäftigt und mit meiner Hebamme bereits viel darüber gesprochen. Ich hatte etwas Angst, ob es wohl klappen würde, denn ich habe eine extreme Form von Flachwarzen, also gar keine hervorstehende Brustwarze. Auch meine Hebamme hatte etwas Bedenken, hielt es aber für möglich.

Hinzu kam, dass ich durch meine Mutter ein sehr negatives Bild vom Stillen vermittelt bekommen habe. Sie hatte es bei mir versucht, dann jedoch eine Brustentzündung entwickelt und noch in der Klinik abgestillt. Sie hat immer erzählt, wie schlimm sie es fand, dass sie jedes Mal Angst hatte, wenn ich durch die Schwestern zu ihr gebracht wurde, da sie solche Schmerzen hatte. Das Abstillen war eine Befreiung für sie. Ich glaube heute, dass sie einfach keine richtige Unterstützung erhalten hat damals.

Ich war jedenfalls wild entschlossen, dass es bei mir anders laufen sollte. Ich hatte bei meiner ersten Tochter dann eine schlimme, traumatische Geburt mit Einsatz der Saugglocke wegen schlechter Herztöne der Kleinen und war völlig durch den Wind.

Im Kreißsaal sagt die Hebamme dann, mit Blick auf meine Brust: ‚das wird schwierig, das probieren wir heute nicht mehr. Sie erholen sich jetzt erstmal.‘ Sie gab daraufhin meiner Tochter eine Flasche mit Pre-Milch. Ich stand völlig neben mir und ließ es zu.

In den ersten Stunden musste meine Tochter in ein Wärmebettchen und war von mir getrennt. Ich war tieftraurig.

Als sie dann zu mir kam, wusste sie mit meiner Brust nichts anzufangen und konnte nicht andocken. Wir bekamen deshalb ein Stillhütchen. Mit einer Spritze ließ mein Mann etwas Milch in das Hütchen fließen, während ich sie anlegte. Damit klappte es zumindest, dass sie saugte.

Sie wollte in den nächsten Tagen viel stillen und wir machten es immer zu zweit wie beschrieben. Zu Hause angekommen kam der nächste Schock: Mein Mann entwickelte eine Gürtelrose und zog auf Anraten unserer Ärztin für eine Woche aus, um unsere Tochter nicht anzustecken.

Ich war nun ganz allein auf mich gestellt, traumatisiert vom Geburtserlebnis und mit so starken Geburtsverletzungen, dass ich mich teilweise nur auf allen Vieren fortbewegen konnte. Sitzen ging gar nicht.

Ich kam nur mit Ibuprofen durch den Tag und weinte die ganze Zeit. Meine Hebamme war viel für mich da und riet mir, meine Tochter dennoch weiter anzulegen, was ich auch tat. Mittlerweile fütterte ich auch keine Pre-Milch mehr zu und sie trank gut, immer mit Stillhütchen.

Dann kam ein heftiger Milcheinschuss und ein schmerzhafter Milchstau. Meine Hebamme zeigte mir, wie ich mit warmen Umschlägen und Massagen die Milch zum Fließen bringen konnte.

Letztlich half mir aber meine Tochter, indem sie eine ganze Nacht lang trank und trank und so den Stau löste.

Von da an lief es etwas besser. Allerdings war ich immer noch alleine, erschöpft und überfordert. Ich hatte sehr viel Milch und musste immer Angst vor einem Milchstau haben.

Erst nach 3 Wochen wurden meine Verletzungen langsam besser und es ging etwas aufwärts, leider jedoch nicht mit meiner Stimmung. Ich weinte immer noch wahnsinnig viel und war dauernd unsicher, ob meine Tochter genug Milch erhielt.

Ich hatte einfach kein Vertrauen in meinen Körper, dass ich ein Kind ernähren konnte. Ich ließ meine Tochter oft von meiner Hebamme wiegen, was aber meine Unsicherheit nicht besser machte.

Nach ca. 6 Wochen war ich total am Ende, wollte abstillen. Meine Tochter allerdings verweigerte die Flasche und so war ich gezwungen weiterzumachen.

Irgendwann riet meine Hebamme mir, mich auf eine postnatale Depression untersuchen zu lassen, weil es mit der Stimmung einfach nicht besser wurde. Hinzu kam, dass mein Mann sich kurz vor der Geburt selbstständig gemacht hatte und ich unter Existenzängsten litt, die mir schlaflose Nächte bescherten.

In der Klinik hieß es, ich hätte keine Depression, sondern eine Anpassungsstörung, es sei alles zu viel für mich gewesen und ich müsse das erstmal verarbeiten.

Ich kam auch in den folgenden Monaten mit dem Stillen nicht gut klar, meine Tochter nahm zwar gut zu und war zufrieden, ich hatte jedoch immer Angst, es könne nicht genug Milch für sie da sein.

Es gab Abende, da stillte ich drei Stunden am Stück, sie schien einfach nicht satt zu werden. Heute denke ich, dass sie teils auch einfach nur saugen wollte bzw. das Cluster-Feeding praktizierte. Aber damals fühlte ich mich furchtbar und dachte, ich könne ihr Bedürfnis nach Milch nicht ausreichend erfüllen.

Ich weinte wieder viel. Zudem nervte mich das Stillhütchen. Meine Tochter ließ es sich leider auch mit Hilfe einer sehr lieben Stillberaterin nicht abgewöhnen. Dezentes Stillen in der Öffentlichkeit war damit nicht möglich.

Zudem ließ meine Tochter sich ab einem Alter von ca. 3 Monaten so sehr ablenken, dass sie in Gesellschaft anderer sowieso nicht trank. Ich musste mich also immer ins Auto oder einen ruhigen Raum zurückziehen, wenn wir unterwegs waren. Häufig waren Leute in Restaurants etc. nicht sehr hilfsbereit, wenn ich nach einem Nebenraum fragte. Ich stillte daher teilweise auf der Toilette.
 

Oh je, oh je, in einer aufgeklärten Gesellschaft sollte wirklich keine Mutter auf der Toilette stillen müssen!!!
Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Stillen hierzulande gerade in Restaurants oder Cafés, wo alle essen, nicht akzeptiert wird…
~ R. Gresens

 
Nach 6 Monaten begann meine Tochter dann, meine linke Brust zu verweigern. Schon immer lief die Milch rechts deutlich besser und das wurde ihr scheinbar in diesem Alter richtig bewusst. Ich versuchte dann teils links abzupumpen, was ich aber nicht immer schaffte.

So bekam ich nach 6 Monaten noch eine Brustentzündung in der linken Brust. Am Geburtstag meines Mannes schleppte ich mich zur Frauenärztin und mit Fieber durch den Tag. Letztlich hatte ich mit 10 Monaten genug von dem Ganzen und bot meiner Tochter, die bereits eine gute Esserin war, die Flasche an, die sie problemlos nahm.

Ich stillte ab und war sehr stolz, so lange durchgehalten zu haben und meiner Tochter die Muttermilch mitgegeben zu haben.

***

Vier Jahre später kam meine zweite Tochter zur Welt und ich war zuversichtlich, dass diesmal alles besser laufen würde.

Ich hatte eine superschöne Geburt fast ohne Verletzungen und noch im Kreißsaal wurde meine Tochter mir mit Hilfe der Hebamme angelegt. Sie saugte leider nur wenig und schlief gleich wieder ein.

Ich wollte diesmal unbedingt ohne Hütchen stillen und versuchte es immer wieder. Wir gingen schon ein paar Stunden nach der Geburt nach Hause und ich freute mich auf ein diesmal entspannteres Wochenbett.

Leider war es dann so, dass meine große Tochter ziemlich durchdrehte und eifersüchtig war und richtige Szenen hinlegte. Aufgrund der Situation mit Corona konnten wir uns wenig Hilfe von außen holen. Mein Mann war nach ein paar Tagen genervt und überfordert.

Und meine kleine Tochter zeigte weiterhin kaum Interesse für die Brust und schlief immer sofort wieder ein. Ich bekam Panik, dass sie zu viel abnehmen würde, wenn sie weiter so schlecht trank.

Zudem klappte das Andocken an meinen Flachwarzen immer schlechter, insbesondere nach dem Milcheinschuss. Die Hebamme sagte, ich solle Stillhütchen nehmen, sie könne sich bei solchen Brustwarzen sowieso nicht vorstellen, dass ein Baby normal trinken könne.

Das entmutigte mich wieder, allerdings dachte ich zugleich, dass ich dann eben wieder mit Hütchen stillen würde. Leider trank meine Tochter auch damit nicht besser. Es blieb dabei, dass sie dauernd einschlief.

Aufgrund der Situation mit meiner älteren Tochter hatte ich keine Ruhe zum Stillen. Sie stand dauernd neben mir und fragte, wann ich endlich fertig sei und mit ihr spielen könne.

Beide mich betreuenden Hebammen waren letztlich ratlos und der Stress wurde immer größer. Ich zog eine Stillberaterin hinzu. Auch sie konnte mir nicht wirklich weiterhelfen. Meine Tochter konnte an sich gut saugen und hatte kein medizinisches Problem. Dennoch klappte es aufgrund des ganzen Stresses immer weniger.

Mein Mann ging nach ca. 10 Tagen wieder zur Arbeit. Ich war, obwohl selbst noch ruhebedürftig, mit beiden Kindern allein und hoffte, irgendwie durch den Tag zu kommen. Da wegen Corona die Kindergärten geschlossen waren, war auch meine große Tochter dauernd zu Hause und nicht ausgelastet. Unterstützung hatte ich so gut wie keine.

Mein Mann sagte nur, so könne es nicht weitergehen. Ich weinte wieder viel und es kamen alle Emotionen aus der ersten Stillerfahrung wieder hoch.

Meine Hebamme machte sich Sorgen um meine Milchbildung, wenn meine Tochter weiterhin so wenig trank. Also besorgte ich mir eine Milchpumpe aus der Apotheke und pumpte immer ab, wenn sie nicht richtig trank.

Ich musste jedoch zwei Kinder und einen Haushalt allein auf die Reihe kriegen, so dass ich einfach keine Zeit hatte, stundenlang meine Tochter anzulegen.

Meine Hebamme sah, dass es mir immer schlechter ging und riet mir, mir ein Abstillen zu überlegen, wies mich aber auch darauf hin, dass es mir dann emotional vielleicht noch schlechter gehen könnte.

Nach zwei Wochen war ich am Ende. Ich lag weinend mit Schüttelfrost im Bett und hatte stark an Gewicht verloren, da ich keinen Appetit mehr hatte. Ich konnte nur noch an das Stillen denken und daran, dass ich meiner zweiten Tochter unbedingt auch Muttermilch zur Verfügung stellen wollte.

Ich spürte jedoch, dass es so nicht ging. Daher begann ich, nur noch abzupumpen und ihr die Milch mit der Flasche zu geben.

Es war zwar sehr aufwändig, da ich dauernd Zubehör reinigen musste, aber es ging mir emotional endlich besser. Ich konnte sehen, dass ich ausreichend Milch hatte und hatte immer einen Vorrat im Kühlschrank.

Ich musste nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt funktionieren, sondern konnte entspannt eine Flasche warm machen, wenn meine Tochter Hunger hatte. Da sie ein sehr entspanntes Baby ist, fand ich auch Zeit zum Abpumpen. Zwar war das mit meiner großen Tochter teils schwierig, weil sie schnell herausfand, dass ich wehrlos war, wenn ich an der Pumpe saß und dann jede Menge Unsinn anstellte, zum Beispiel Wände mit Stiften bemalte etc.

Dennoch machte ich so weiter. Ich pumpte tagsüber konsequent alle 3 Stunden ab und nachts gönnte ich mir eine etwas längere Pause. So kam ich auf 7-Mal Pumpen in 24 Stunden.

Meine Tochter ist jetzt 4 Monate alt und hat noch nie etwas anderes als Muttermilch bekommen. Leider bekommt sie diese mit der Flasche und wir haben es nie zurück zum Stillen geschafft. Dennoch hat sie zumindest keinen Nachteil, was ihre Ernährung angeht. Darauf bin ich sehr stolz.

Es ist unglaublich einschränkend, an die Pumpe und den Kühlschrank gebunden zu sein und größere Ausflüge sind nicht möglich, geschweige denn Urlaub. Auch eine Einladung zu einer Hochzeit habe ich abgesagt.

Meiner großen Tochter muss ich beim Pumpen immer vorlesen, sonst fühlt sie sich zurückgesetzt. Ich kann mir deshalb auch nicht vorstellen, ewig so weiter zu machen, aber die wichtigen ersten Monate haben wir geschafft!

Ich habe zudem einen riesigen Muttermilchvorrat in der Tiefkühltruhe anlegen können, so dass meine Tochter noch lange Muttermilch trinken kann, wenn ich nicht mehr pumpe.

Ich bin immer noch traurig, dass ich keine leichte Stillbeziehung zu meinen Töchtern haben konnte, aber auch unglaublich stolz, dass ich beiden dennoch Muttermilch zur Verfügung stellen konnte. Unserer Beziehung hat das Ganze zum Glück nicht geschadet. 

Als ich meiner Hebamme sagte, dass es mir nun emotional mit dem Pumpen besser geht als vorher, meinte sie: ‚Viele Wege führen nach Rom, vielleicht ist das eurer‘.

Ich hoffe, dass ich mit der Geschichte anderen Mut machen kann dran zu bleiben, auch wenn es nicht leicht ist.

Ganz liebe Grüße,
Simone
 
Originalbericht einer Mutter, September 2020
Foto: Simone

 

Liebe Simone, wow, alle Achtung!! 
Toll, dass Du es trotz dieser sehr schwierigen Begleitumstände geschafft hast und schaffst Deinen Kindern so lange Deine Milch zu geben, darauf kannst Du wirklich stolz sein.
Liebe Grüße, Regine Gresens

 
Hast Du selbst eine schwierige Situation mit Deinem Baby erfolgreich bewältigt?
Und möchtest Du Deine Erfahrungen gerne hier mit Anderen teilen?
Dann schreib mir doch Deinen eigenen Bericht!

 

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Abgepumpte Milch

Fürs Liken, Teilen und Pinnen sage ich herzlich Danke!

Regine Gresens

Regine Gresens

Hebamme, Berufspädagogin, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG), Autorin und Mutter. Ich helfe Dir dabei, Deinem Baby und Dir selbst zu vertrauen und Euren eigenen Weg zu gehen.
Regine Gresens

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Hebamme, Berufspädagogin, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG), Autorin und Mutter. Ich helfe Dir dabei, Deinem Baby und Dir selbst zu vertrauen und Euren eigenen Weg zu gehen.

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