Trotz psychischer Erkrankung stillen

Trotz psychischer Erkrankung stillen?

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Du erwartest ein Baby oder hast schon eins und möchtest gerne stillen – trotz Deiner früheren oder momentanen psychischen Schwierigkeiten? Allerdings wird Dir von verschiedensten Seiten geraten, dies besser nicht zu tun, damit Du es leichter hast, wegen Deiner Medikamente oder wegen…?

Nun, ich möchte Dich stattdessen darin bestärken, Deinem Wunsch zu folgen und Dir dazu hier einige Tipps für eine erfolgreiche Stillzeit geben.

Denn erfolgreiches Stillen vermindert Dein Risiko für Depressionen und reduziert auch die Auswirkungen einer Depression auf Dein Baby.

Und neben seinen vielen positiven gesundheitlichen Konsequenzen für Dich und Dein Kind, fördert das Stillen auch die Mutter-Kind-Bindung und bietet Deinem Baby Befriedigung und Stimulation für alle Sinne.

Das beim Stillen ausgeschüttete Hormon Oxytocin steigert Dein Vertrauen sowie Deine Liebes- und Muttergefühle. Außerdem hilft es Dir auch Stress abzubauen und reduziert Aggressionen, Ängste und Depressionen.

Warum solltest ausgerechnet Du auf die positiven Wirkungen des Stillens auf die Psyche verzichten?

Psychopharmaka sind auch in der Stillzeit möglich

Selbst wenn Du Medikamente einnehmen musst, kann Dein Arzt ein Mittel für Dich auswählen, das mit dem Stillen vereinbar ist.

Frag dazu auch den Kinderarzt, ob bei Deinem Baby irgendwelche Besonderheiten bestehen, die gegen ein Stillen unter der Medikamenteneinnahme sprechen.

In Zweifelsfällen sollte Dein Arzt unbedingt Kontakt mit dem Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie aufnehmen und sich über die für Dich möglichen Medikamente informieren.

Damit Dein Baby möglichst wenig von den Medikamenten abbekommt, kannst Du versuchen, direkt vor oder nach der Medikamenteneinnahme zu stillen, da das Medikament dann noch nicht in die Muttermilch gelangt ist.

Wenn Du nur einmal am Tag ein Medikament nehmen musst, kannst Du das Mittel – wenn es therapeutisch sinnvoll ist – nach der letzten Stillmahlzeit am Abend einnehmen, um die längere erste Schlafphase des Babys als „Stillpause“ auszunutzen.

Setze auf keinen Fall eigenmächtig die verordneten Medikamente gegen die psychischen Symptome ab, da sich dadurch Dein Risiko für einen Rückfall stark erhöht.

Vermeide Stress

Stillprobleme und Schmerzen beim Stillen verursachen Stress.
Und Stress ist einer der Hauptfaktoren für psychische Störungen nach der Geburt.

Darum solltest Du alles daran setzen, Stillprobleme und Stress möglichst zu vermeiden.

Das kannst Du schon vor der Geburt tun

  • Informiere Dich schon vor der Geburt gut über das Stillen.
  • Lies ein gutes Stillbuch, z.B. „Intuitives Stillen“ *.
  • Suche den Kontakt und Austausch mit anderen stillenden Müttern in einer lokalen Stillgruppe.
  • Wähle, wenn möglich, für die Geburt ein „Babyfreundliches Krankenhaus“.
  • Nimm an einem Kurs zur Vorbereitung auf das Stillen teil oder vereinbare einen Einzeltermin zur Stillvorbereitung mit einer Stillberaterin.

Das kannst Du in den ersten Tagen tun

Gerade am Anfang der Stillzeit, vor allem auch, wenn Dein Baby per Kaiserschnitt oder mit einem geringen Gewicht geboren wurde, benötigst Du sehr viel Unterstützung und solltest alle Hilfen in Anspruch nehmen, die Du bekommen kannst.

  • Gönne Dir und Deinem Baby soviel Hautkontakt wie möglich, mindestens bis zum ersten Stillen, aber auch in den nächsten Tagen.
  • Leg es schon in den ersten Tagen häufig an, auch wenn Du noch nicht viel Milch hast.
  • Eine kurze Entspannungsübung, feuchtwarme Wickel und eine zarte Massage der Brüste vor dem Stillen können helfen, Deinen Milchfluss anzuregen.
  • Nimm zum Stillen eine bequeme Position in einem ruhigen, störungsfreien Raum ein.
  • Am einfachsten gelingt das Anlegen in einer halb liegenden bzw. halb sitzenden Position mit guter Unterstützung von Kopf, Nacken, Schultern und Armen mit dem auf Deinem Bauch liegenden Baby.
  • Zum Anlegen in aufrechter Haltung setz Dich am besten in einen weiten Sessel mit Armlehnen, die Deinem Stillkissen Halt geben.
  • Leg das Baby eng an Deinem Körper auf das Stillkissen, fass Deine Brust von unten mit der Hand und drück sie mit Daumen und Fingern etwas zusammen, so dass das Baby mit weit geöffnetem Mund Deinen Warzenhof und damit einen guten Teil der Brust erfassen kann.
  • Lass Dir das gute Anlegen ruhig immer wieder zeigen und erklären.

Du kannst Dein Baby an Deinen Brüsten so oft und so lange saugen lassen, wie es möchte, denn das stimuliert am besten Deine Milchproduktion.

Wenn Du richtig angelegt hast, spürst Du dabei keine Schmerzen und bekommst auch keine wunden Brustwarzen.

Wenn Du beim Stillen Schmerzen hast, ist etwas verkehrt und muss geändert werden.

Nach den ersten Tagen

  • Achte beim Stillen auf die Schluckgeräusche Deines Babys beim Trinken.
  • Während es trinkt, kannst Du Deine Brust zart massieren oder mit der Hand flächig etwas auf die Brust drücken, dann läuft Deine Milch noch leichter.
  • Lege möglichst an beiden Brüsten und in wechselnden Positionen an.
  • Führe in den ersten Wochen ein Stillprotokoll und trag darin die Stillzeiten sowie die täglichen Urin- und Stuhlwindeln Deines Babys ein, bis Du sicher bist, dass Dein Baby gut gedeiht.
  • Tägliche Wiegeproben sind unnötig und verursachen unnötigen Stress für Dich und Dein Baby.
  • Verzichte auf den Einsatz eines Schnullers, sondern biete Deinem Baby so oft wie möglich Deine Brust zum Saugen an, auch zwischen den Mahlzeiten, z.B. zur Beruhigung oder zum Trost.

Und denk bitte daran, Du musst keine „perfekte“ Mutter sein!
Deinem Baby genügt es, wenn Du eine ausreichend gute Mutter bist.

Das Stillen kann Dir dabei helfen, die Beziehung zu Deinem Baby zu vertiefen und Dich als gute Mutter zu fühlen.

Wenn Du beim Stillen Probleme hast, im Umgang mit Deinem Baby unsicher bist oder Dir viele Sorgen machst, such Dir unbedingt so schnell wie möglich fachliche Hilfe, z.B. durch Deine Hebamme oder eine Stillberaterin.

So vermeidest und reduzierst Du Stress nach der Geburt

  • Verringere Deine Haushaltspflichten.
  • Führe notwendige Haushaltstätigkeiten mit wachem Baby im Tragesack oder -tuch aus.
  • Nutze die Schlafphasen des Babys, um selbst zu ruhen oder etwas Angenehmes zu tun.
  • Binde Deinen Partner stärker im Haushalt oder in der Kinderbetreuung ein.
  • Organisiere Dir eine Haushaltshilfe, z.B. aus der Familie oder gegen Bezahlung.
  • Vereinbare regelmäßig Betreuung des Babys oder der Geschwisterkinder, z.B. durch eine Oma oder einen Babysitter.
  • Nimm Kontakte mit anderen Müttern auf, z.B. in einer Stillgruppe, Rückbildungskurs, Babygruppe.

Sorge gut für Dich selbst

  • Schlafe ausreichend.
  • Schlaf mit Deinem Baby im selben Raum, so bekommst Du mehr Schlaf und musst nicht aus dem Tiefschlaf erwachen, wenn Dein Baby sich in der Nacht meldet.
  • Stille nachts und mindestens einmal tagsüber im Liegen, dabei kannst Du selbst entspannen und Dich erholen.
  • Schlaf regelmäßig auch selbst während des Tages, wenn Dein Baby schläft.
  • Geh öfter mal abends früh zu Bett und schlaf morgens länger aus.
  • Sorge für eine gute Ernährung mit regelmäßigen, warmen Mahlzeiten sowie Zwischenmahlzeiten.
  • Trinke reichlich, d.h. täglich ca. 2,5 – 3 l Flüssigkeit bzw. mindestens 1 Glas/Tasse zu jedem Stillen (z.B. Selters, Fruchtsäfte, Kräutertees) und bei Durstgefühl.
  • Bewege Dich täglich an der frischen Luft, indem Du mindestens 60 Minuten spazieren gehst.
  • Treibe moderaten Sport und entspanne Dich, z.B. durch Meditation oder Yoga.

Nimm zur Bewältigung Deiner psychischen Erkrankung professionelle Hilfe in Anspruch und geh zu einer lokalen Selbsthilfegruppe.

Informationen und Präventionstipps sowie Adressen von Selbsthilfegruppen, Beraterinnen, Kontaktpersonen für Betroffene und Angehörige, Fachleuten und Mutter-Kind-Einrichtungen bei psychischen Störungen rund um die Geburt gibt es bei „Schatten & Licht e. V. – Krise nach der Geburt“, bei der Marcé-Gesellschaft und beim Netzwerk Krise nach der Geburt.

Wenn ein Abstillen unumgänglich ist, solltest Du dies auf keinen Fall abrupt mit Medikamenten tun, da die gängigen Abstillmittel Nebenwirkungen haben, die eine Depression oder Psychose fördern können.

Still stattdessen so natürlich und so langsam wie möglich ab, indem Du allmählich eine Stillmahlzeit nach der anderen durch eine Flaschenmahlzeit ersetzt bzw. die Brüste noch für einige Zeit bei Bedarf abpumpst, während Dein Baby Flaschennahrung bekommt.
Lass Dich beim natürlichen Abstillen von Deiner Hebamme unterstützen.

Ich wünsche Dir gute Besserung und eine erfolgreiche, glückliche und entspannte Stillzeit.

Autorin: Regine Gresens, IBCLC, Oktober 2014
Foto: pand0ra23 via photopin cc
Dieser Artikel basiert auf meinem Text: „Ratschläge für Frauen in schwierigen psychischen Situationen“ in Praxisbuch – Besondere Stillsituationen * von Deutscher Hebammenverband (Hrsg.), S. 222 – 223

 
Buchtipp:Rund um die Geburt eines Kindes: Depressionen, Ängste und andere psychische Probleme“ * von Anke Rohde.
DVD-Tipp:Das Fremde in mir“ * Ein sensibler Film über die Wochenbett-Depression einer jungen Mutter und ihren Weg zur Heilung.
 
* Affiliate-Link: Stillkinder.de erhält eine kleine Provision, wenn Du dieses Produkt über den Link kaufst, für Dich entstehen dabei keine höheren Kosten. Ich empfehle hier nur, was ich selber getestet oder gelesen habe und für gut und sinnvoll halte.
 

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Mutter mit Neugeborenem

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Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Berufspädagogin, Still- & Laktationsberaterin IBCLC und Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG). Ich helfe Dir dabei, Deinem Baby und Dir selbst zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen.

Ein Kommentar

  1. Hallöchen,
    ich möchte hierbei anmerken, dass schon die Schwangerschaft selbst durch die Hormone oder warum auch immer meine recht schwere immer wieder schwelende Psychose zumindest bis jetzt (Kind ist 11 Monate) unterdrückt hat. Ich stille nach wie vor, so lange und oft der kleine möchte und werde so lange stillen, wie er mag.
    Seit Bekanntwerden der SS habe ich keine Medikamente mehr genommen und auch keine benötigt.
    Ich werde allerdings sozusagen psychologisch überwacht.
    Jegliche Stresssituationen konnte ich bisher besser meistern als früher.

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