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Von den Stilltypen und dem richtigen Umgang mit ihnen

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Das Verhalten von Neugeborenen an der Brust wird oft bestimmten „Stilltypen“ zugeschrieben, auf ein bestimmtes Temperament zurückgeführt und so als unabänderlich angesehen. Dies kann aber vorhandene Probleme verschleiern und sogar weitere verursachen.

Die Unterscheidung der „Stilltypen“ wurde erstmals 1953 von dem amerikanischen Kinderarzt G. R. Barnes in einem medizinischen Fachjournal veröffentlicht und wird seither wegen ihrer Griffigkeit oft und gern angewendet und so gut wie nie hinterfragt.

Lies hier, was der Grund für das (schwierige) Verhalten eines Neugeborenen sein kann und wie du damit am besten umgehen kannst.

Die sogenannten „Stilltypen“

„Zauderer“

Babys, die in den ersten Lebenstagen viel schlafen und wenig Interesse an der Brust zeigen, werden gerne als „Zauderer“ bezeichnet und häufig in Ruhe gelassen.

Da Neugeborene aber von Geburt an viele kleine Mahlzeiten benötigen und die kleinen Mengen des mütterlichen Kolostrums genau auf ihre Magengröße zugeschnitten sind, sollte dieses Verhalten nicht als normal oder als „Charaktereigenschaft“ angesehen werden.

Stattdessen liegt das „mangelnde Interesse an der Brust“ oft am Einfluss von Medikamenten, die die Mutter während der Geburt erhalten hat.

Auch späte Frühgeborene sind häufig einfach zu müde um zu trinken, obwohl sie eigentlich Muttermilch brauchen.

Lässt man diese Babys schlafen, besteht jedoch die Gefahr, dass sie nicht genügend Nahrung aufnehmen, was dann zu einer hohen Gewichtsabnahme und meist auch zu einer verstärkten Neugeborenengelbsucht führt.

Wenn die Brüste in den ersten Tagen nach der Geburt zu selten geleert werden, kommt es oft zudem auch zu einer verstärkten initialen Brustdrüsenschwellung, dem „Milcheinschuss“ am dritten Tag.

Mit geschwollenen Brüsten wird dann allerdings das Anlegen noch schwieriger, weil das Baby nicht genug Brustgewebe fassen kann, was nicht selten dazu führt, dass die Brustwarzen beim Stillen schmerzen und wund werden.

Was kannst du dann tun?

  • Halte dein Baby möglichst kontinuierlich im Körperkontakt.
  • Lass es auch auf deinem Körper schlafen.
  • Zieh es dabei bis auf die Windel aus, damit es mehr stimulierenden Hautkontakt erhält.
  • Leg es schon bei den kleinsten Hungerzeichen gut an deine Brust an. Es muss nicht hellwach sein, auch schläfrige Babys können an der Brust trinken.
  • Entleere deine Brüste regelmäßig von Hand oder mit einer elektrischen Pumpe.
  • Füttere ihm das gewonnene Kolostrum, so oft wie nur möglich, mit einem Löffel, Pipette, Becher oder einer Spritze zu.

„Genießer“

Der „Genießer“ ist ein weiterer dieser sogenannten Stilltypen.

Das typische Verhalten ist hier, dass das Baby beim Versuch es anzulegen, zunächst erst etwas an der Brust zu „spielen“ scheint, das heißt: es saugt kurz an, lässt dann aber die Brust gleich wieder los und leckt sich vielleicht die Lippen.

Ein solches Verhalten kann ein ganz normales, angeborenes Suchverhalten sein, nämlich dann, wenn der Hunger des Babys noch nicht allzu groß ist.

Die Ursache für dieses Verhalten kann aber auch eine suboptimale Stillposition und Anlegetechnik sein, bei der das Baby zu weit von der Brust entfernt ist und sie deshalb nicht richtig wahrnimmt oder nicht gut genug erfassen kann.

Ein weiterer Grund kann auch Müdigkeit sein, siehe dazu der nächste Abschnitt über den „Träumer“.

Was kannst du dann tun?

„Träumer“

Der so genannte „Träumer“ macht beim Saugen und Trinken an der Brust immer wieder längere Pausen und schläft auch häufig an der Brust ein, obwohl er noch nicht viel getrunken hat. Dadurch braucht er sehr lange, um satt zu werden und es kann dir so vorkommen, als wenn er ständig an der Brust sein müsste.

Häufig ist es auch tatsächlich so, dass seine Gewichtszunahme eher gering ist.

Ursache ist häufig ein geringer Milchfluss, entweder weil tatsächlich wenig Muttermilch vorhanden ist oder weil die vorhandene Milch nicht ausreichend aus der Brust in den Mund des Babys gelangt.

Anspannung, Stress, Schmerzen sowie Stillhütchen können das Auslösen des Milchspendereflex erschwerden und so den Milchfluss aus der Brust zum Kind verringern.

Babys passen ihr Saugen und Schlucken dem Milchfluss an. Wenn viel Milch kommt, schlucken sie eifrig und schlafen normalerweise dabei nicht ein.

Fließt allerdings nur wenig Milch, schlafen sie oft ein, obwohl sie noch keine ausreichende Menge getrunken haben.

Der permanente Milchfluss aus vielen Flaschensaugern ist übrigens auch der Grund, warum manche Babys nach dem Stillen aus einer Flasche scheinbar „gierig“ trinken, bis sie leer ist.

Frühgeborene oder Babys, deren Mütter unter der Geburt Medikamente erhalten haben, sind oft anfangs einfach noch zu müde zum ausdauernden Trinken, benötigen aber trotzdem ausreichende Mahlzeiten.

Was kannst du dann tun?

„Hektiker“

Neugeborene, die beim Anlegen sehr aufgeregt scheinen, werden oft als sogenannte „Hektiker“-Stilltypen bezeichnet.

Sie fassen die Brustwarze kurz, lassen aber schnell wieder los, fuchteln mit den Armen, strampeln, bewegen den Kopf hin und her und fangen dann oft an zu schreien.

Meist ist dieses Baby einfach nur überhungrig und der Zeitpunkt des Anlegens also schon etwas zu spät.

Häufig ist auch hier die Stillposition und Anlegetechnik suboptimal.

Manchmal ist auch eine Saugverwirrung die Ursache für das „hektische“ Verhalten, wenn das Baby als erstes das Trinken aus einem Flaschensauger oder mit einem Stillhütchen gelernt hat und die Brust ihm nicht den gewohnten Reiz bietet.

Was kannst du dann tun?

  • Leg dein Baby schon bei den allerersten Hungerzeichen oder sogar im Halbschlaf an, dann ist es ruhiger und ihr habt mehr Zeit zum Anlegen, bevor es anfängt sich aufzuregen.
  • Probiere es außerdem mit einer zurückgelehnten Stillposition.
  • Gib ihm beim Anlegen viel Brust in den Mund.
  • Stille es häufiger, damit sein Hunger nicht so groß wird.
  • Fütter ihm vor dem Anlegen etwas ausgestrichenes Kolostrum mit einem Becher, Löffel, Spritze oder einer Pipette, um es zu beruhigen.

„Barracuda“

Oft wird leider so ein Neugeborenes bezeichnet, das beim Anlegen die Brustwarze sofort und energisch erfasst und kräftig und ausdauernd für 10 – 20 Minuten daran saugt, während die Mutter jedoch starke Schmerzen in der Brustwarze hat.

Werden Schmerzen beim Stillen jedoch dem vermeintlichen „Barrakuda-Baby“ zugeschrieben und nicht deren Ursache gelöst, kommt es meist schnell zu wunden Brustwarzen, die, wie nicht anders zu erwarten, der häufigste Grund für vorzeitiges Abstillen in den ersten zwei Monaten sind.

Was kannst du dann tun?

Fazit:
Schwieriges Verhalten von Neugeborenen sollte nicht einfach nur seinem „Temperament“ zugeschrieben werden. Die dem Verhalten zu Grunde liegenden Ursachen müssen stattdessen ausreichend berücksichtigt werden, damit sich daraus keine Stillprobleme entwickeln.

Wann auch immer es in der Stillzeit Schwierigkeiten gibt, such dir Hilfe bei einer kompetenten Fachperson, um die jeweilige Ursache schnell herauszufinden, sie wenn möglich aufzulösen und weitere Folgeprobleme zu vermeiden.

Autorin: Regine Gresens, IBCLC, Februar 2017
Foto: Uqbar is back via photopin cc

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Regine Gresens ist Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin.
Sie hilft Müttern, sich selbst und ihrem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und ihren eigenen Weg mit dem Baby zu gehen, auch wenn die Welt es ihnen schwer macht.
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3 Kommentare

  1. So einen „Hektiker“ hätte ich auch. Es war bestimmt 2-3 Wochen richtig Stress, als er so ca. 3-4 Monate alt war. Und dann hab ich einen Artikel über windelfrei gelesen. Ich hätte es nie geglaubt, wenn es mir jemand vorher erzählt hätte. Dieses An- und Abdocken wild rumfuchteln und rumschreien war bei uns das Signal für „Ich muss ganz dringend Pipi!“ Ab dem Tag, an dem ich das kapiert habe, war alles wieder gut. Kind abgehalten und danach in Ruhe weitergestillt!!
    Auf jeden Fall ist das auch einen Versuch wert, bei anscheinenden Stillproblemen!

  2. Liebe Regine,
    schön, zu lesen, dass alle Baby ganz unterschiedlich sind. Mir hatten die Hebammen im Krankenhaus total Stress gemacht, weil meine kleine Träumerin immer wieder einschlief beim Trinken. Mir wurde gesagt, sie müsse mindestens 15 Minuten an jeder Brust trinken. Jetzt lese ich, dass das wohl tatsächlich manche Babys machen, ist ja spannend 🙂
    Meine Nachsorgehebamme hat mir sogar einfach eine Babyflasche in die Hand gedrückt, ich solle zufüttern, weil die Kleine ja so wenig trinkt.
    Ich persönlich habe eigentlich gar kein Problem gesehen und habe mich dann entschieden, bei uns zu bleiben und auf mein Gefühl zu hören. Ich habe dann einfach intuitiv das gemacht, was Du beim Zauderer und beim Träumer rätst. Baby den ganzen Tag am Körper und einfach immer wieder anlegen. Alles war super, Baby hat zugenommen, ganz normal. Ganz stressfrei. Nachdem ich mich entschieden hatte, nicht auf die Hebammen zu hören, die mir erzählen, wie es eigentlich sein müsste… Dein Artikel zeigt schön auf, dass es ganz unterschiedliche Typen gibt, und dass das alles total okay ist.

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