Sitzschalen, Betten und sehr flache Köpfe

6 Kommentare

Autorin: Diane Wiessinger, IBCLC, 2008
Plagiocephalie. Hört sich gefährlich an!
Es ist der medizinische Fachausdruck für „Flachkopf-Syndrom“, was allerdings auch nicht viel besser klingt.
Die hinten abgeflachten Babyköpfe könnten mit der Aktion „Sicherer Babyschlaf“ zusammenhängen, die die Rückenlage als sicherste Schlafposition empfiehlt.
Vermutlich haben sie aber mehr mit zu vielem Liegen in Sitzschalen zu tun.

Wenn Sie sich über das Flachkopf-Syndrom informieren, stoßen Sie unweigerlich auf die Empfehlung, das Baby öfter wach auf dem Bauch liegen zu lassen. Das hört sich an, als gäbe es nur zwei mögliche Positionen für Babys: die Rückenlage und die Bauchlage.
Aber Babys sind Menschen, genau wie der Rest von uns, und Menschen nehmen in der Regel am liebsten aufrechte Haltungen ein!

Wie soll sich ein Baby aufrichten? Es ist doch noch ein Baby!
Das stimmt, aber Babys sind auch nicht für Betten, Sitzschalen oder Bauchlagenzeit gemacht, sondern dafür, getragen zu werden.

Wenn Ihr Baby weint, werden Sie merken, dass es Ihre instinktive Reaktion ist, es hochzunehmen und – aufrecht – gegen Ihre Brust oder Schulter zu halten. Das ist ein sehr altes Instinktverhalten, das Ihr Baby in eine Stellung bringt, in der es in der Lage ist, selbst den Weg zu seiner Nahrungsquelle zu finden!

Es kann in dieser Position ganz schön herumzappeln, so als ob es versucht, nach unten zu Ihrer Brust zu gelangen. Nun, das ist auch genau das, was es möchte. Helfen Sie ihm ruhig den Weg zu finden, wenn Sie den Impuls verspüren. Es macht sich auf die Suche, weil es sich wohl und sicher fühlt. Es fühlt sich … aufrecht!

Autositzschalen bringen Babys ebenfalls in aufrechtere Positionen, deshalb beruhigen sie sich darin oft recht gut. Aber überlegen Sie sich einmal, was dabei mit ihren Hinterköpfen passiert, Stunde über Stunde über Stunde. Babys, die vom Bett in die Sitzschale und wieder ins Bett und von dort wieder in die Sitzschale gelegt werden, sind Babys, deren Köpfe sich vielleicht nicht normal entwickeln.

Schließlich gab es für uns Menschen für Tausende von Jahren weder Betten noch Sitzschalen. Es gab nur kuschelige Arme, einfache Trageschlingen, nächtliches Aneinandergeschmiegtsein von Müttern und Babys – sich ständig ändernde Positionen während des gesamten Tages und der gesamten Nacht.
Lassen Sie Ihr Baby nicht ständig in der Sitzschale oder dem Bett liegen, und sein Schädel wird sich völlig normal entwickeln.

Frühgeborene sind besonders gefährdet Abflachungen der Kopfseiten zu entwickeln, weil ihre Schädelknochen bei der Geburt noch formbarer sind. Bei einem zu früh geborenen Baby, das die meiste oder sogar seine gesamte Zeit in Känguru-Pflege auf der Brust der Mutter verbringt, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass es später den „typischen“ schmalen Kopf eines Frühgeborenen hat.
Selbst die Allerkleinsten brauchen es, gehalten zu werden; sie brauchen es sogar am meisten!

Aber was ist mit dem Plötzlichen Säuglingstod? Ja, es stimmt, auf dem Rücken schlafende Babys sind weniger durch SIDS gefährdet.
Aber ein Baby, das mit seiner Mutter schläft, so wie Babys es schon immer getan haben, hat den zusätzlichen Vorteil von häufiger Bewegung – auf die Seite zum Stillen, auf den Rücken zum Schlummern, niemals auf seinen Bauch, so bewegen sie sich frei, während die Stunden gemeinsam vergehen. Es ist eine dynamische, gesunde Nacht mit häufigen Positionswechseln, die alle zufriedener und besser ausgeschlafen macht, soweit dabei einfache Sicherheitsregeln berücksichtigt werden.

Also los! Tragen Sie Ihr Baby. Schlafen Sie mit ihm.
Zu viel Zusammensein und Körperkontakt mit einem Baby gibt es nicht. Es ist das, wofür Sie beide geschaffen sind, emotional, körperlich und physiologisch.

Und wenn Sie Ihr Baby viel tragen und halten, werden Sie auch niemals lernen müssen, wie „Plagiocephalie“ richtig buchstabiert wird.

Original: Buckets and Beds and Very Flat Heads von Diane Wiessinger, IBCLC, 2008
Übersetzung: Regine Gresens, IBCLC, Juni 2014
Foto: D. Garding via photopin cc

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Ich helfe Dir, als Mutter Dir selbst und Deinem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen. Du findest mich auch auf Pinterest, Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

6 Kommentare

  1. Unser Baby hatte durch seine Lieblingsseite einen seitlich abgeflachten Hinterkopf entwickelt. Da es die ersten Lebensmonate kein Fan von Tragetüchern war, musste eine Lösung her. Uns hat es geholfen bei jeder Gelegenheit ein Kissen aus Viskoschaum unters Köpfchen zu legen, Wickeln, Spielebogen usw. Für die Tagesschläfchen haben wir später eine Federwiege angeschafft. Darin ist eine Kopfverformung praktisch unmöglich. Nun hat es den schönsten Kopf weit und breit!
    Ein seitlich verformter Kopf kann übrigens auch das Gesicht verformen und Auswirkungen auf den Kiefer haben, da der Kopf praktisch “windschief” wird.

  2. Das stimmt so nicht. Unser Kind wurde ausschließlich getragen, hatte aber trotzdem einen abgeflachten Hinterkopf. Es ist einfach Veranlagung, wie formbar der Kopf ist. Außerdem ist ein flacher Babykopf auch kein Drama. Sobald Haare wachsen, fällt es kaum noch auf und spätestens mit drei oder vier Jahren sieht man eh nichts mehr davon. Oder hat irgendeiner eurer erwachsenen Bekannten einen komischen flachen Hinterkopf? 😉

  3. Mein Sohn hat von Anfang an in Seitenlage geschlafen, da er ab und an auch länger nach seiner Mahlzeit noch was wieder nach oben befördert hat, war mir dabei am wohlsten. Ansonsten haben wir sehr viel getragen. Und er hat eine wunderschöne Kopfform.
    Um die Seitenlage zu stabilisieren, haben wir uns ein spezielles Stützkissen gekauft, damit war die Gefahr, dass er auf den Bauch kippt, gebannt.. 🙂

  4. Gefällt mir alles ganz gut ausser:
    „Ja, es stimmt, auf dem Rücken schlafende Babys sind weniger durch SIDS gefährdet.“
    „auf den Rücken zum Schlummern, niemals auf seinen Bauch“
    Nehmen wir mal die Raucher, die Immungeschwächten, die Kissen und Decken usw raus und was bleibt?!Nicht viel…

  5. Unser Sohn hat bis zum 8 ten Monat praktisch auf mir gelebt. Auch wenn er tagsüber schlief, lies er sich nicht in sein Bettchen legen. Ausschließlich Nachts hat er bei uns im Bett in Rückenlage geschlafen. Auch sein Köpfchen ist einseitig abgeflacht… Trotzdem befürworte ich natürlich das Tragen & Familienbett uneingeschränkt 😉 … in Bezug aufs flache Köpfchen hat es bei uns leider nicht geholfen…

  6. Ja, das stimmt und unsere Mia hat diesem Tragen auch alle Ehre gemacht. Übrigens trotzdem einen flachen Kopf, obwohl sie nie viel lag außer im Bett…

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.