Kleinkind an der Brust

Nur die normalen Probleme

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Von sw
Nachdem ich vor der Geburt und in der Elternzeit viele Erfahrungsberichte anderer Mütter gelesen, ja teilweise verschlungen habe, möchte ich auch gern meine Geschichte erzählen.

Es ist keine außergewöhnliche Geschichte, keine unüberwindbaren Hindernisse oder Schwierigkeiten – außer meinem eigenen Kopf – die das Stillen erschwerten, nur die „normalen“ Probleme, die wahrscheinlich jede Mutter kennt, vor allem mit dem ersten Kind, von denen man aber denkt, man ist die Einzige mit solchen Fragen und Schwierigkeiten. Aber für mich ist es eine besondere Geschichte, es ist meine Geschichte.

Nun also meine Gedanken…

Ich beginne meine Geschichte von hinten. Ich stille gerade meine kleine Tochter Sophie, ein absolutes Wunschkind, mit fast 18 Monaten ab. Das heißt erst einmal Einschlafen ohne Brust, in der Nacht gibt es noch einen kleinen „Snack“.

Bisher ging es ganz gut, sie fragt zwar nach „Mi“, gab sich aber bisher mit der Erklärung „ist alle“ zufrieden. Doch heute am 4. Abend begann sie auf einmal herzzerreißend zu schluchzen und zu weinen, natürlich kamen mir die Tränen, da ich zugeben muss, dass es auch mir schwer fällt mich „abzunabeln“. Aber mit viel Liebe und Streicheleinheiten schlief Sophie bald ruhig ein.

Sophie schläft meist bei mir im Bett, wenn sie nachts wach wird, hole ich sie zu mir und wir schlafen den Rest der Nacht gemütlich nebeneinander.

Oftmals liege ich noch kurz wach und betrachte meine Kleine, wie sie friedlich vor sich hin schnuffelt, mit ihren kleinen Pausbäckchen.

Und vor allem bin ich in diesen Momenten unheimlich glücklich und dankbar, dass ich mein Kind stillen konnte, so lange und ausschließlich, und dass ich mich nicht habe beirren lassen von kleinen und größeren Unwägbarkeiten.

Wie ich schon erwähnte, hatte ich viele Informationsblätter gewälzt und ich bekam ein altes Buch von einer Bekannten aus den 70ern, in dem sich eine einzelne Mutter für das Stillen entscheidet, ganz entgegen dem von der Gesellschaft vorgesehenen und üblichen „Fläschchen geben“. In meinem Kopf stand schnell fest, ich will mein Kind stillen!

Und als gestandene berufstätige Frau in leitender Position war ich es gewöhnt zu planen, organisieren und die Kontrolle zu haben. Also warum nicht auch bei meinem eigenen Leben und meinem eigenen Kind?

Zu Anfang schien das auch zu funktionieren. Ich hatte eine schöne Geburt, wenn ich das so sagen kann, zügig, selbst kontrolliert, ohne Komplikationen, Spitzen-Betreuung durch die anwesenden Hebammen.

Und als sie mir meine Sophie das erste Mal auf die Brust legten, fing dieses wunderschöne kleine Wesen an nach meiner Brust zu suchen, wie ein kleines Vögelchen mit gespitztem Mund, hob sie den Kopf und suchte. Diesen Anblick werde ich für immer in meinem Herzen behalten.

Die erste Nacht im Krankenhaus schlief ich nicht, voller Adrenalin war ich wie aufgezogen. Aber es wurde zeitig hell, sodass die Sonne mich auch am Tag wach hielt, und natürlich meine kleines Kind, das ich nicht müde wurde anzusehen.

Auch die folgenden Tage im Krankenhaus liefen recht gut, ich erhielt Hilfe beim Anlegen, war drei Tage allein im Zimmer, sodass ich, wenn keiner da war, meine Brustwarzen pflegte und lufttrocknen ließ. (Den Tipp hatte ich von einer Freundin.)

Ich gab meiner Kleinen keine zusätzliche Flasche, keine Zuckerlösung und erst recht keine Nahrung, laut meiner Hebamme wäre das nicht nötig und würde nur die Milchbildung hemmen.

Am 3. Tag kam der Milcheinschuss und es ging gut voran, ich begann im 4-Stunden-Rhythmus zu stillen und mein Kind zu wiegen, damit ich wusste, wie viel sie trank.

Mit einem guten Gefühl verließen wir am 4. Tag die Klinik und meine Hebamme kam sofort um nach uns zu sehen, brachte Stillprotokolle und ich schrieb fleißig Sophies Mahlzeiten und die Stilldauer auf.

Mein Freund versorgte uns mit allem, was wir brauchten, kochte, kaufte ein, wusch die Wäsche. Es war das pure Glück.

Als mein Freund nach 2 Wochen Urlaub wieder arbeiten musste, gestaltete es sich für mich schwieriger, Sophie war 3 Wochen alt, wurde unruhiger und jetzt war ich tagsüber allein, und es war für mich völlig neu, nicht alles unter Kontrolle zu haben.

Sophie trank zwar gut an der Brust, aber begann manchmal nachher oder zwischendurch zu weinen. Selbstverständlich hatte ich über Koliken und „Wachstumsschübe“ gelesen, völlig erfahrungslos mit einem Säugling, wurde ich immer unsicherer.

Nach mehreren solchen Tagen bzw. Phasen wurde ich sehr dünnhäutig und weinte oft.

Ich begann mich ständig zu fragen, „Trinkt mein Kind genug“, „Wird sie satt“ „Warum…“ „Warum…“ „Warum…“

Nach einigen Wochen erhielt ich Besuch von ein paar Freundinnen, zwei davon Mütter, und erhielt von ihnen die ersten Erfahrungsberichte, und bekam endlich das Gefühl, dass es offensichtlich allen mal so ergangen ist und fühlte mich nicht mehr so allein.

Auch auf der Internetseite „Stillkinder.de“ las ich, welche Probleme manche Mütter bewältigt hatten und zog Kraft daraus.

Leider hatte ich aber auch von Müttern aus dem Bekanntenkreis gehört, die nur wenige Wochen oder Monate stillen konnten, also achtete ich weiterhin penibel auf Sophies Stillmahlzeiten, bekam große Fragezeichen, wenn sie an einer Brust nur wenige Minuten trank und dann einschlief.

„Würde die Milch jetzt auch weggehen?“ Fragte ich mich und löcherte meine Hebamme. Die machte mir – Gott sie Dank – immer wieder Mut, mich zu entspannen und der „Natur ihren Lauf zu lassen“. Aber wie gesagt, stand mir mein Kopf dabei oft im Weg.

Auch Stillen in der Öffentlichkeit kam für mich nicht in Frage, vor Anderen, niemals.

Das änderte sich zum Glück als unser Rückbildungskurs anfing, nach dem ersten Kurstermin stürmte ich noch nach Hause um Sophie zu stillen, während die anderen Muttis die Kinder anlegten und gemütlich zum Plausch sitzen blieben.

Beim zweiten Mal nahm ich mir vor das auch zu tun, gegen Ende des Kurstermins wurde Sophie unruhig, ich setzte mich hin, öffnete meinen BH und sie trank. Ich fühlte mich beobachtet, ja sogar angestarrt.

Aber als ich hoch sah, interessierte sich keiner für mich, alle machten ihre Übungen weiter, eine Mutti stillte auch und machte einen Scherz. Da war das Eis gebrochen und die Rückbildungskursstunden wurden eine willkommene Abwechslung zu unserem kleinen gemütlichen Alltag.

Später haben wir sogar eine Krabbelgruppe aus diesem Kurs gemacht und uns noch ein halbes Jahr regelmäßig getroffen, natürlich bei Kaffee und Kuchen, aber vor allem mit regem Gedankenaustausch, Danke Mädels.

Den Vier-Stunden-Stillrhythmus hatte ich, Gott sei Dank, recht zeitig abgelegt, aber vom Stillprotokoll konnte ich mich nur schwer trennen, gab es mir doch ein Gefühl von Sicherheit und Konstanz.

Die letzte Hürde mussten wir kurz nach dem 4. Monat meistern. Sophie, eigentlich mit gutem Nachtschlaf gesegnet (sie kam 1 -2 mal die Nacht), schlief plötzlich nicht mehr gut.

Sie schlief wie immer beim Stillen ein, wachte aber meist schon nach einer Stunde – oder eher – wieder auf und weinte und das oft mehrmals pro Nacht.

Genau wie anfangs hielt ich durch, legte Sophie immer wieder an und glücklicherweise schlief sie auch jedesmal gleich ein.

Ich versuchte ruhig zu bleiben, aber bald waren die alten Fragen wieder da. „Reichte meine Milch nicht?“ „Was mache ich falsch“?

Ich wollte doch unbedingt wenigstens die empfohlenen 6 Monate schaffen.

Meine Mutti riet mir, obwohl sie vor Sophies Geburt auf Stillen gedrängt hatte, doch mal eine Flasche zu geben. Das lehnte ich aber ab.

Als sich nichts änderte, bat ich meine Hebamme um Rat, doch als diese mir ebenfalls schrieb, ich solle es mit einer Flasche versuchen, brach für mich eine Welt zusammen. Ich fühlte mich, als hätte ich versagt – klingt sehr melodramatisch, war aber tatsächlich so.

Ich wollte Sophie keine Flasche geben, ICH wollte sie ernähren.

Ich schrieb an eine Beraterin der „La Leche Liga“, die mir Mut machte und einige Erklärungen lieferte, aber das konnte meine Zweifel nicht ausräumen.

Mein letzter Strohhalm war eine gute Freundin, die ihre beiden Kinder je 8 Monate gestillt hatte und immer voller Stolz davon berichtet hatte. Ich schrieb ihr eine seitenlange Nachricht, sie rief sofort zurück. Machte mir Mut weiter zu stillen, noch abzuwarten mit Flaschennahrung. Ihre beiden Jungs hätten beide auch diese Phasen gehabt. Der wichtigste Rat war, „solange das Kind nach dem Trinken einschläft, ist es erst einmal satt“, bzw. „suchen die Kleinen auch einfach den Kontakt zur Mutter“, meinte sie noch.

Zum Glück stand auch mein Freund hinter mir und half mir Durchzuhalten.

Gestärkt mit diesem Rat stand ich die nächsten Wochen durch. Und tatsächlich, nach etwa 6 Wochen schlief Sophie wieder deutlich ruhiger und länger. Ich war unheimlich stolz auf mich, durchgehalten zu haben und es fühlte sich an wie ein kleiner Sieg. Auch von meiner Mutti erhielt ich ein Lob für meine Beharrlichkeit.

Das Erstaunliche war, kurze Zeit später schrieb mir eine Freundin eine lange Nachricht, ihr Junge war ein paar Wochen nach Sophie geboren, mit genau den gleichen Sorgen, als hätte ich meine Nachricht kopiert. Ich rief sofort an und gab meine erhaltenen Ratschläge weiter.

Seit dieser Zeit entspannte ich mich langsam, begann wieder aktiv Sport zu machen, da ich merkte, dass die Milch nicht „sauer“ wurde, wie ich in einem offensichtlichen Mythos gehört hatte.

Stillte mein Kind, wann und wo es Hunger oder Sehnsucht nach mir hatte.

Traf mich mit Gleichgesinnten, ging zu Krabbelgruppen und besuchte und empfing unsere eigene Krabbelgruppe, wie ich schon geschrieben hatte.

Natürlich war nicht alles eitel Sonnenschein, wie es jetzt klingt, aber ich wurde gelassen genug, um mit Problemen fertig zu werden.

Und so habe ich es geschafft, meine Tochter 18 Monate zu stillen, natürlich neben normaler Beikost und zum Schluss nur noch zum Einschlafen als Kuscheleffekt.

Aber es erfüllt mich mit großem Stolz, an dieser Aufgabe gewachsen zu sein – auch Dank vieler lieber Wegbegleiter – und dass ich diese unglaubliche Intimität mit meiner kleinen Sophie erleben durfte.
sw

Originalbericht einer Mutter, Januar 2019
Foto: Chickpea Mama’s milk via photopin (license)

 

Vielen Dank für das Teilen Deiner Stillgeschichte, in der sich ganz bestimmt seeeehr viele Mütter wiederfinden können.
So schön, dass Du Dir für die Fragen und die schwierigen Zeiten schnell Rat und Unterstützung geholt hast und nun mit Stolz auf eine gute Stillerfahrung zurückblicken kannst.
~ R. Gresens

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Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Berufspädagogin, Still- & Laktationsberaterin IBCLC und Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG). Ich helfe Dir dabei, Deinem Baby und Dir selbst zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen.

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