Stillzeit als Vater

Meine Frau hat für das Stillen gekämpft

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Wie habe ich als frischgebackener Papa die erste Zeit mit unserem Kind und insbesondere das Stillen empfunden?
Ein Erlebnisbericht.

Unser Sohn ist inzwischen 9 Monate alt und nun sind wir drei schon eine gut eingespielte Familie. Der Anfang war jedoch sehr steinig und tränenreich.

Unser kleiner großer Schatz kam kurzfristig per Kaiserschnitt zu Welt. Ich war mit im OP-Saal, konnte unser Kind mit in Empfang nehmen und war danach zum Glück auch mit im Familienzimmer im Krankenhaus.

So konnten wir die ersten Stunden und Tage schon zusammen verbringen und vor allem konnte ich die Versorgung unseres Sohnes in den ersten Tagen übernehmen, denn nach der Operation war meine Frau erst mal komplett außer Gefecht gesetzt.

Auch das Stillen klappte am Anfang eher gar nicht. Jede Krankenschwester hatte wieder neue, andere Hinweise, wie es meine Frau denn machen sollte und wie es bestimmt klappt, so dass wir nach fünf Tagen zwar endlich Zuhause, aber völlig verwirrt und verunsichert waren, wie das mit dem Stillen jemals entspannt funktionieren sollte.

Aus dem Krankenhaus hatten wir auch straffe Vorgaben mit nach Hause bekommen, wie wir unseren Sohn zu versorgen hätten: Wiege-Kontrolle zu jeder Stillmahlzeit (vorher/hinterher) um die getrunkene Menge zu kontrollieren, außerdem mit Pre-Nahrung zufüttern, am besten nach der Uhr Stillen, usw.

Zum Glück hatte meine Frau eine wunderbare Hebamme für die Nachsorge, die uns gut zugeredet hat, den ganzen Quatsch mit Zufüttern und Wiegen sein zu lassen und uns stattdessen aufs Stillen zu konzentrieren.

Das war wirklich Gold wert! Denn unser Sohn, der im Krankenhaus in den ersten Tagen so stark abgenommen hatte, dass dieser ganze Zufütter-/Wiege-Zirkus erst in Gang gekommen war, nahm nun Zuhause allein durch Stillen stetig zu und entwickelt sich bis heute prächtig.

Allerdings war das Stillen für meine Frau über Monate eine Tortur. Denn unser Sohn war sehr unruhig an der Brust und trotz diverser Beratungen, hatte meine Frau über Monate starke Schmerzen beim Stillen, selbst wenn unser Sohn mal nicht ständig ab- und andockte und einfach nur trank.

Glücklicherweise hatte ich mir sofort ab Geburt einen Monat Elternzeit und danach noch Urlaub genommen, so dass ich meine Frau auch Zuhause bei Tag und Nacht unterstützen konnte.

Beim Stillen habe ich ihr bei Bedarf etwas zu Trinken oder zu Essen gebracht, ihr Kissen angereicht und ich habe mit ihr gelitten und sie getröstet, wenn zwar das Kind satt, sie aber vor Schmerzen in Tränen aufgelöst war.

In der Anfangszeit (unser Sohn war ein „ausgewachsenes“ Schreikind) wollte nicht nur unser wie am Spieß schreiender Sohn getragen und beruhigt werden, auch meine Frau brauchte viel Unterstützung, um die starken Schmerzen beim Stillen, die damit einhergehenden Gefühle von Hilflosigkeit, Unfähigkeit und die totale Erschöpfung zu ertragen und die ersten Monate zu überstehen.

Beim Stillen selbst konnte ich natürlich nicht helfen, aber ich konnte meiner Frau zeigen, dass ich für sie da bin und sie nach Kräften durch Hilfsarbeiten sowie durch meine Anwesenheit und mein Mitfühlen unterstützen.

Ich bewundere meine Frau sehr dafür, dass sie das Stillen trotz der über Monate dauernden starken Schmerzen und der unglaublichen Erschöpfung der Anfangszeit durchgehalten hat und einen eisernen Willen bewiesen hat, unserem Kind das Beste zu geben, was es in den ersten Monaten braucht: körperliche Nähe und Muttermilch.

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hat meine Frau von der soundsovielten Stillberaterin (das war nun Regine Gresens) die entscheidenden Hinweise bekommen und einen Stillmodus gefunden, der für sie zunächst erträglich und dann sogar angenehm wurde.

Dadurch entspannte sich nach und nach die gesamte Situation und meine Frau stillt heute noch, wenn auch nun durch das Füttern von Brei wesentlich weniger häufig als am Anfang.

Es ist wunderbar, dass sich meine Frau eine entspannte Stillbeziehung erkämpft hat. Das macht sie selbst glücklich und gibt ihr ein gutes „Mutter-Gefühl“.

Unserem Sohn tut es offensichtlich sehr gut und dadurch bin auch ich glücklich über unsere tolle kleine Familie und unser sich so prächtig entwickelndes Kind.

Was mir sehr geholfen hat, waren die Bücher von Herbert Renz-Polster („Kinder verstehen„* und „Menschenkinder„*) und von Jesper Juul („Dein kompetentes Kind„* und „Nein aus Liebe„*). Sie haben mir den Druck genommen, der durch die in der Gesellschaft verbreiteten Ansichten entstanden war.

Typische Themen, wie z.B. „bloß nicht gleich hochnehmen, wenn es schreit“ oder „es muss im eigenen Bett schlafen“ (aus unterschiedlichsten Gründen) oder Schlimmeres, wie einschlägige Schlaflernprogramme, hatten mir den Blick verkleistert.

Diese Bücher haben mir geholfen, einen entspannten Blick auf mein Kind und einen Fokus auf seine Bedürfnisse zu finden und mich gegen all die zumeist von der älteren Generation vertretenen Meinungen zu emanzipieren.

Ich habe so meinen Weg gefunden, bei dem ich mich gut fühle und spüren kann, dass es auch meinem Kind dabei gut geht.

Ich habe keine Angst mehr, dass mein Kind nicht selbständig werden könnte, nur weil ich es tröste, wenn es schreit, und weil ich es in den Schlaf wiege, statt es zu zwingen alleine einzuschlafen.

Das Stillen hat keinesfalls behindert, dass ich eine Beziehung zu meinem Sohn aufbauen konnte.

Irgendwie haben diese beiden Sachen, gestillt werden und seine Beziehung zu mir, für mich nichts miteinander zu tun.

Die Beziehung konnte ich aufbauen, weil ich mich mit meinem Sohn intensiv beschäftigt habe, weil ich ihn versorgt und viel Zeit in die Beziehung zu ihm investiert habe (im 6. und 7. Lebensmonat hatte ich nochmals Elternzeit).

Ich habe ihn viel getragen und gewiegt, am Anfang bis er endlich vor Erschöpfung Ruhe und Schlaf gefunden hat. Ich habe ihn auf seinem Weg, die Welt zu erkunden, begleitet.

Ich habe versucht und versuche weiter, ihm ein liebevoller, einfühlsamer Papa zu sein.

Ich habe versucht, ihn willkommen zu heißen bei uns und ihn aufzunehmen in unsere Paarbeziehung, aus der nun eine Familie geworden ist.

Die Beziehung zu meiner Frau hat sich natürlich insofern verändert, als das wir nicht mehr nur die Rolle „Ehepartner“ füreinander, sondern nun auch noch die Rollen „Mama“ und „Papa“ für unseren Sohn haben und diese neuen Rollen naturgemäß einen Großteil unserer Zeit und unserer Kraft in Anspruch nehmen. Hier sehe ich das Stillen als einen Baustein, der letztlich mit zu einer innigen Familienbeziehung beigetragen hat.

Am wichtigsten aber war und ist, dass wir die sehr harte Anfangszeit als Team durchgestanden haben und auch weiter alle Herausforderungen gemeinsam angehen.

Ulf

Originalbericht eines Vaters, August 2014
Foto: Ulf

 

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Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Ich helfe Dir, als Mutter Dir selbst und Deinem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen. Du findest mich auch auf Pinterest, Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

4 Kommentare

  1. Wunderschön zu lesen, wie ihr drei das bewältigt habt. Man wächst echt mit jeder neuen Herausforderung über sich hinaus.
    Mir ging es genauso mit den Schmerzen beim Stillen und offenen Brustwarzen. Eine Hebammenschülerin gab mir dann den Tip mit dieser Seite und endlich hatten die Schmerzen ein Ende.

    Liebe Grüße

  2. Sehr schöner Artikel! Toll, wie du deine Frau unterstützt und dich von veralteten Ansichten nicht beirren lässt!
    Bei uns war es am Anfang ähnlich (Schreibaby nach Saugglockengeburt, Geburtstrauma bei Mutter und Kind, Stillen schmerzhaft und schwierig).
    Ich hatte keine Hebamme, war tagsüber ganz allein mit dem Baby und meinem Mutterinstinkt. Das war eine unglaubliche Erfahrung. Hunger, Durst und unfassbare Müdigkeit auf der einen Seite, auf der anderen Seite dieses plötzliche tiefe Wissen um die Bedürfnisse meines Kindes, das wir wohl in den Genen gespeichert haben. Niemand hat mir reingeredet, ich konnte ganz auf meine Intuition hören. Das war sehr hilfreich.
    Ein Youtube-Video über intuitives Stillen brachte dann auch den Durchbruch zu schmerzfreiem angenehmem Stillen in einer in Deutschland unüblichen, aber für uns bequemen Stillposition. Heute, nach zwei Monaten, genieße ich diese Innigkeit beim Stillen unendlich. Meine Kleine schaut mir beim Stillen oft ganz lange in die Augen. Oder wird ganz schläfrig. Nichts ist kuschliger. Der Vater, der am Anfang bedingt durch seine Arbeit erst abends nach Hause kam, wenn ihre Schreiphase begann, hat jetzt einen Monat frei genommen und lernt nun endlich seine Tochter richtig kennen und lieben. Mittlerweile ist unsere Kleine „im Leben angekommen“ und schreit viel weniger und nicht mehr so verzweifelt. Sie hat anscheinend schon Vertrauen aufgebaut, dass ihre Bedürfnisse ernst genommen werden. Das ist so schön!
    Ich kann nur allen Eltern raten, sich diese Zeit füreinander zu nehmen. Und, am allerwichtigsten, auf ihr Herz zu hören und nicht auf die Meinungen und Ratschläge von außen.

  3. Danke für diesen Bericht aus Sicht des Vaters… seufz… wenn doch nur mein Partner und Papa unseres 4 Monate alten Sohnes diese Sicht hätte. Nur leider lässt sich das auch nicht durch die Bücher beseitigen, denn er ist ein ausgesprochener Lesemuffel.

    Ich habe die Befürchtung, dass er auch so in seinem Papawesen von der Gesellschaft verkleistert ist….
    Zumindest muss(!) ich ihn immer explizit bitten, mir ein Kissen oder Getränke oder sonstwas zu reichen, weil ich mal wieder selbst vergessen hab… und selbst das Darumbitten vergess ich häufig… so dass ich abends oft müde und ausgelaugt bin, weil ich vergesse, mich um mich selbst zu kümmern….
    (Ja ich trink jetzt was) zum Glück steht der Tee in meiner Reichweite, denn mein Sohn schläft seinen verspäteten Mittagsschlaf auf meinem Bauch 🙂

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