„Gut Anlegen“ – Der Video-Online-Kurs für stillende Mütter und für Schwangere, die sich auf das Stillen vorbereiten möchten

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Mehr Beikost durch weniger Stillen?

Frage:
Meine Tochter ist 10 Monate alt und wiegt fast 12 kg. Sie ist auch recht lang (95er Perzentile). Das war seit den ersten Monaten so.

Ich habe sie nach Kaiserschnitt gestillt und es gab nie Probleme.

Seit dem 6. LM habe ich ihr Brei usw. angeboten. Sie probiert und isst auch alles, nach wie vor aber keine ganzen Mahlzeiten. Sie fordert nachts drei- bis fünfmal die Brust, tagsüber zum Schlafen.

Jetzt sagen mir alle: Sie muss weniger Muttermilch trinken, damit sie tagsüber mehr isst.
Der Kinderarzt sagte bei der U-Untersuchung: Sie nimmt weniger Gewicht zu, wenn sie Gemüse isst, statt nahrhafte Milch zu trinken….

Ich mag das sehr mit dem Stillen und kann mir nicht recht vorstellen, nachts Wasser – statt Milch – anzubieten.

Ihr geht es super, sie fängt an zu laufen und zu quatschen. Meine Intuition sagt, ich mache alles richtig.

LG, Manja

 

Antwort:
Liebe Manja,

Deine Umwelt und der Kinderarzt machen sich vermutlich Sorgen, dass Deine Tochter später übergewichtig werden könnte, weil sie bereits jetzt groß und schwer ist.

Als Ursache für ihr „auffälliges“ Wachstum wird das Stillen bzw. die Muttermilch angesehen und daraus geschlossen, dass diese eingeschränkt und durch kalorienärmere Beikost ersetzt werden sollte.

Es ist nur allzu verständlich, dass Dich solche Aussagen verunsichern. Daher sind hier ein paar Gegenargumente:

1. Übergewicht hat verschiedene Ursachen, vor allem Fehlernährung und mangelnde Bewegung. Stillen gehört nicht dazu.

Im Gegenteil: Nicht gestillte Kinder neigen öfter zu Übergewicht als Stillkinder.

Kinder, die 6 Monate oder länger voll gestillt wurden, haben dagegen das geringste Risiko für Übergewicht. Das bestätigen sogar die Kinder- und Jugendärzte.

Denn Stillen reduziert das Risiko des Kindes für eine spätere Adipositas und zwar dosisabhängig, das heißt: der Schutzeffekt ist umso größer, je länger es ausschließlich wurde und je länger die Stillzeit insgesamt war.

2. Es gibt große, kleine, dicke und zarte Babys, sowie Kinder, Jugendliche und natürlich auch Erwachsene. Das sind schlicht und einfach alles normale Variationen, die, eine gesunde Ernährung vorausgesetzt, vor allem genetisch bedingt sind.

Die 50er Perzentile ist zudem nicht der „Normalverlauf“, sondern eben einfach nur der mittlere Verlauf des Wachstums. Auch Wachstumsverläufe auf allen anderen Perzentilen sind normal, nur eben höher oder niedriger als die Mitte.

Wichtig ist nur, dass gesunde Kinder sich in etwa um ihre Ausgangsperzentile herum weiterentwickeln. Einige Kinder müssen sich daher auch entlang der höchsten und entlang der niedrigsten Perzentile entwickeln.

3. Die Gewichtszunahme verlangsamt sich bereits im 2. Lebenshalbjahr und sobald die Kinder mobiler werden, weil sie krabbeln und später laufen können, verbrauchen sie auch mehr Kalorien und nehmen dementsprechend nicht mehr so viel zu. 

Viele pummelige Babys werden daher im 2. und 3. Lebensjahr zu ganz normal gewichtigen Kleinkindern. 

4. Die Aussage des Kinderarztes, dass die Muttermilch zu nahrhaft sei, finde ich geradezu grotesk oder einfach lustig.

Üblicherweise wird doch genau das Gegenteil behauptet, nämlich, dass Muttermilch ab 6 (oder ?) Monaten nicht mehr nahrhaft genug sei (was allerdings nicht stimmt) und deshalb Beikost eingeführt werden müsste…

5. Für die ersten 6 Monate wird zudem ausschließliches Stillen nach Bedarf empfohlen und dem Baby vertraut, dass es seinen Bedarf selbst regulieren kann. 

Nach 6 Monaten soll es allerdings plötzlich nicht mehr nach Bedarf ernährt werden können, weil es nun nicht mehr in der Lage sein soll, seinen Bedarf selber zu regulieren. Stattdessen gibt es nun Tabellen und Vorschriften, was, wann, in welcher Menge und Reihenfolge von ihnen gegessen werden soll.

Wenn sich Kinder nicht an diese vorgegebenen Mengen halten, wird dies dann oft als falsch angesehen und das Stillen dafür verantwortlich gemacht. 

Viele gestillte Kinder essen aber im 1. Lebensjahr tatsächlich nicht die nach Schema F vorgegebenen Beikostmengen. Sie erhalten ja noch die nahrhafte (!) Muttermilch und benötigen daher viel weniger Beikost.

6. Muttermilch sollte nach den Empfehlungen der WHO bis zum ersten Geburtstag die Hauptnahrung des Babys bleiben und die altersgemäße Beikost wird langsam beigegeben. Deshalb heißt es ja auch Beikost und nicht „Anstatt-Kost“.

Die üblichen Ernährungsfahrpläne für das erste Jahr sehen jedoch vor, dass Mütter Monat für Monat eine Brustmahlzeit durch Brei ersetzen und das Kleinkind somit etwa bis zum ersten Geburtstag abgestillt ist. 

Hierbei wird allerdings auch völlig außer acht gelassen, dass Stillen nicht nur Ernährung ist, sondern dabei auch emotionale Bedürfnisse erfüllt werden.

7. Und last but not least, ist es auch längst nicht immer so, dass Babys mehr Beikost essen, wenn sie weniger gestillt werden. 

Ihr Interesse an Beikost entsteht nämlich weniger durch Hunger, sondern vielmehr durch Neugier und Nachahmungstrieb und der Entwicklung der dafür notwendigen fein- und oralmotorischen Fähigkeiten (Beikostreife).

Stillen – und ganz besonders langes Stillen – wird leider sehr schnell für alles verantwortlich gemacht, was irgendwie vermeintlich nicht der geltenden Norm entspricht.

Ein 10 Monate altes Kind, das tagsüber noch zum Einschlafen und drei- bis fünfmal in der Nacht an die Brust möchte, stillt auch noch nicht einmal übermäßig häufig. Das werden die meisten lang stillenden Mütter bestätigen.

Und wenn es zudem alles probiert und sich ansonsten normal entwickelt, besteht kein Grund zur Sorge.

Ich hoffe, dies gibt Dir etwas mehr Sicherheit darin, weiter Deinem Baby und Deinem Gefühl zu vertrauen.

Autorin: Regine Gresens IBCLC, Mai 2020
Foto: Al van Akker

 

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Ältere Stillbabys lassen sich beim Stillen leicht ablenken

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Regine Gresens

Regine Gresens

Hebamme, Berufspädagogin, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG), Autorin und Mutter. Ich helfe Dir dabei, Deinem Baby und Dir selbst zu vertrauen und Euren eigenen Weg zu gehen.
Regine Gresens

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6 Kommentare

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  1. Ich finde es toll von einem solchen Kind zu lesen, das ganz genau weiß, was es will und braucht, und sich nicht „reinquatschen“ lässt :-). So eine Kleine habe ich auch daheim, und ich freue mich jeden Tag riesig über dieses so fröhliche Menschlein.
    Von fast allen Menschen um mich herum muss ich mir anhören, ich würde meine Tochter „verwöhnen“, weil ich sie (die ersten Monate) immer herum getragen und nicht abgelegt habe, weil ich sie immer (noch) an der Brust (ein-)schlafen lasse, statt ihr einen Beruhigungssauger zu geben, weil sie mit uns im (2×2 Meter) großen Bett schläft und nicht ihr eigenes hat (womöglich sogar in ihrem eigenen Zimmer), weil ich keinen Kinderwagen habe, sondern sie (immer noch) trage, ja, einfach weil, weil, weil … ich eben so vieles anders mache. Und das irritiert die Leute. Und dann, im nächsten Augenblick stellen sie fest, was für ein außergewöhnlich fröhliches Mädchen sie doch ist und so gar nicht „verwöhnt“ daher kommt *lach*.
    Ich will damit nicht sagen, dass man alles genau so machen muss, wie ich es mache. Im Gegenteil. Ich will damit sagen, dass man alles so machen oder es zumindest versuchen sollte so zu machen, wie es einem das eigene Kind zeigt. Denn jeder weiß für sich selbst am besten, was er wann und wie braucht, auch ein Baby/Kind.
    Liebe Grüße

  2. Ha, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Nur , dass ich einen Sohn habe (10,5 Monate, Größe 90er und Gewicht 97er Perzentile). Mein Sohn verweigert Brei seit dem 9. Monat komplett, war aber auch vorher immer ein schlechter Breiesser. Jetzt bekommt er (angepasste) Familienkost, isst immer noch keine Riesenmengen, ist aber rundum zufrieden – er genießt das Essen sichtlich.
    Er entwickelt sich super und stillt sich fröhlich durch Tage und Nächte (auch so 4 oder 5x pro Nacht).
    Kinder sind eben keine Maschinen und ich habe sowieso nicht verstanden, wie man denn „die Breimenge langsam steigern“ soll, wenn das Kind nun einmal nicht will.
    Er braucht seine Milch noch und fordert sie klar ein (er weiß, dass die Brüste sich im BH verstecken 😉 ). Ich würde manchmal gern etwas weniger stillen und unabhängiger sein, aber das ist etwas, was Mama und Baby zusammen entscheiden und so gebe ich ihm die Zeit noch. Und er wird auch ab 01.08. in die Kita gehen, das wird schon alles irgendwie 🙂

    Stillen ist großartig und das muss bei den Kinderärzten und sowieso allen mal ankommen…

    1. Ach Quatsch Gewichts und Größen Perzentile vertauscht. Er ist ein Riese 😀

  3. Mir wurde bei meinem letzten Besuch beim Kinderarzt genau das Gegenteil erzählt. Mein Sohn ist mit seinen 10 Monaten recht „zart“ und im unteren Bereich der Perzentile. Als meine Kinderärztin nun erfuhr, dass ich noch stille, meinte sie, ich solle lieber erst Brei geben, dann stillen, da man ja nicht wisse, wieviele Kalorien und Nährstoffe meine Milch jetzt noch habe. Zudem mache es eigentlich keinen Sinn, jetzt noch zu stillen, der positive Effekt des Stillens bestünde nur in den ersten 4 bis 6 Monaten. Danach ist es quasi „just for fun“. Ich bin ja gerade durch die „Stillkinder“ Seite gut aufgeklärt, sonst hätten mich diese Behauptungen sehr verunsichert. Und doch bin ich manchmal unsicher, wie ich den Übergang von den jetzigen Still- Breimahlzeiten zu den Feste-Kost Mahlzeiten in 2 Monaten in der Kita hinbekommen soll…

    1. Liebe Anja,
      ja, diese Argumentation ist auch viel häufiger anzutreffen. Aber letztlich ist es nur die andere Seite der Medaille: (Langes) Stillen ist schuld…
      Mach Dir jetzt noch nicht so viele Gedanken, was die Kita in zwei Monaten angeht. In zwei Monaten passiert bei Babys ja unglaublich viel und in einer anderen Umgebung essen Kinder oft besser oder anders als Zuhause.
      Liebe Grüße,
      Regine Gresens

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