Ich mache nichts mehr, weil man es so macht

Ich mache nichts mehr, weil „man“ es so macht

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Unsere Tochter war ein absolutes Wunschkind und lange herbeigesehnt, da es auf natürlichem Wege nicht klappte, halfen wir mit der sogenannten assistierten Reproduktionsmedizin nach und endlich nach zwei Versuchen erhielten wir die frohe Kunde.

Meine Schwangerschaft verlief bis auf einen hormonell bedingten Schwangerschaftsdiabetes, den ich schnell durch Ernährungsumstellung im Griff hatte, gut und ich war sehr fröhlich.

Ich war aber leider viel im Außen und machte geschäftig viele (falsche) Besorgungen, die wir nie anrührten (Babyphone, Babywippe, Babyflaschen, Schnuller und alles, was die modernen Elternzeitschriften und Händler so empfehlen).

Leider kannte ich zu dem Zeitpunkt nicht die bindungs- und beziehungsorientierten Blogs wie Einfach Eltern, Stillkinder, Nora Imlau, Herbert-Renz-Polster, Susanne Mierau usw.

Meine Mutter berichtete mir, dass sie mich ein Jahr lang gestillt hatte und so nahm ich mir das ebenfalls vor, informierte mich aber zu meinem Bedauern nicht rechtzeitig bei den Stilltreffs in der Umgebung, von deren Existenz ich erst sehr spät erfuhr.

So endete mein geplanter Kaiserschnitt (wegen Steißlage und ihrer Kopfgröße) aufgrund der nicht tief genug wirkenden Anästhesie in einer Not-OP und ich ging angsterfüllt und besorgt in einen Dämmerzustand über.

Meine Tochter war und ist zum Glück kerngesund und wurde mir von der Hebamme ohne Vorwarnung einfach angedockt und so fing unsere problematische Stillgeschichte an.

Der Milcheinschuss war sehr extrem. Alles tat weh, meine Brüste waren über Nacht von einer 75 B in eine 75 DD angewachsen und meine Tochter schien zufrieden zu sein, auch wenn es sehr schmerzhaft war. Aber das „stillfreundliche“ Krankenhauspersonal versicherte mir, dass alles so richtig sei.

Meine Bindungsstörung (weiß ich heute erst) und meine traumatische Kindheit führte mich direkt in eine nicht erkannte postnatale Depression, die sich leider immer mehr verfestigte. Ich suchte nach Lösungen, dokterte an Symptomen und funktionierte irgendwie durch den Alltag.

Aber ich konnte und wollte, trotz zahlreicher Milchstaus und Brustentzündungen, die ich zum Glück mit viele Hausmittelchen (Weißkohl, Warmduschen, Homöopathie, Quarkwickel- welche eine Sauerei) immer in den Griff bekam, einfach nicht aufgeben.

Meine Hebamme war leider überhaupt keine Hilfe und machte vieles unwissend noch viel schlimmer. Also kämpfte ich gegen alle Widerstände für das Stillen, suchte online Infos und war froh Stillkinder.de gefunden zu haben.

Ich fing an nach Bedarf zu stillen, die Stillposition zu ändern, um gegen meinen sehr starken Milchspendereflex anzukommen, damit meine Tochter endlich in Ruhe trinken konnte.

Ich leerte auch immer wieder etwas die Brust, weil sie sich viel zu schnell so prall anfühlte und auch deutlich gefüllt war, so dass meine Tochter förmlich darunter „ertrank“.

Nach einer gefühlten Ewigkeit (genau genommen waren es nur 6 Monate) pendelte sich alles langsam ein, zumindest die Milchproduktion durch Angebot und Nachfrage.

Aber dann wurde wieder meine Depression immer stärker und ich bekam Herzrhythmusstörungen ohne ersichtlichen Grund (idiopathisch) und durch den Hinweis des Kardiologen, ob ich Stress hätte, bemerkte auch ich langsam, aber sicher meine Depression.

Mein Mann drängte mich immer wieder zum Abstillen (6 Monate seien schließlich genug) und vermutete darin den Grund allen Übels, aber ich hielt dagegen aus der Überzeugung meiner Tochter etwas Gutes zu tun.

Ich verteidigte das Stillen und das Familienbett, das er bis heute liebt, gegen meine Mutter, gegen meine Freunde, die meinten, die Kinder gewöhnten sich an alles (ja, aber macht es die auch zufrieden und glücklich?), in der Kita und und und…

Ich ging zum Stilltreffen der La Leche Liga und las sehr viele Bücher, unter anderem von Herbert-Renz-Polster*, von der La Leche Liga empfohlene Werke, z.B. von William Sears*, dem amerikanischen Begründer bzw. Auslöser der „Attachment Parenting“-Bewegung, von Dr. Carlos Gonzalez*, dem spanischen Kinderarzt.

Ich gewann immer mehr Selbstsicherheit und erweiterte mir das fehlende Wissen durch etliche weitere kinds-, beziehungs- und bedürfnisorientierte Bücher* und wurde langsam zum „Laienexperten“. Ich kannte alle Quellen und wissenschaftlichen Untersuchungen und hielt gegen die veralteten Ansichten (Füttern nach einem Stundenplan!).

Ich war 1,5 Jahre seit dem letzten schlimmen Burnout (mit Symptomen wie Tinnitus, Depressionen und Gewichtsverlust) endlich in einer Therapie und habe meine Themen, Entwicklungs- und Schocktraumata zum Glück aufgearbeitet.

Ich behaupte und glaube, dass wir heute endlich eine enge und gute Bindung, trotz unserer katastrophalen Anfangsbedingungen, geschafft haben, was sicher auch das Stillen nach Bedarf, das Familienbett, das ausschließliche Tragen in den ersten 2 Jahren (da sie ein sogenanntes High Need Baby* war bzw. ich nicht mit meinem Baby kommunizieren konnte) und meine lange Therapiesitzungen und harte Eigenarbeit unterstützt haben.

Sonst wäre sie vielleicht, ebenso wie ich, eine unsicher-ambivalent gebundene Person geworden. Wobei ich, laut meiner Therapeutin, meine Bindungsstörung überwunden habe.

Ich hoffe wirklich sehr, dass ich den Teufelskreis für immer unterbrochen habe und in einen Glückskreis, nicht nur für uns, sondern auch für die nachfolgenden Generationen, verwandelt habe.

Nun wird meine Tochter im Frühsommer 4 und sie stillt nur noch sporadisch alle paar Tage. Es war nun auch mein Wunsch, dass es nicht mehr ganz lange dauert – da ich erneuten Kinderwunsch habe und es nicht so recht klappen will – und sie akzeptiert es relativ gut.

Ich entscheide je nach Gemüts- und Gesundheitszustand, ob das Stillen für den Augenblick, wo sie fragt, unersetzlich ist, was selten der Fall ist. Wir reden sehr gut und offen darüber und sie kann mir das gut alles mitteilen, z.B. wie lecker und süß die Milch sei und reibt sich danach den Bauch, was ich sehr süß finde.

Sie hat auch trotz vieler Befürchtungen von Freunden und Bekannten (zum Teil Zahnärzte) wunderbare Zähne, super entwickelte Kieferknochen und ist eine Nasenatmerin.

Sie hat freien Zugang zu Süßigkeiten und wurde vor kurzen von unserem Kinderarzt für ihre tollen Zähne gelobt. Da musste ich natürlich als Zahnärztin besonders schmunzeln. Sie weiß nicht, dass wir noch stillen.

Das Geheimnis ist eben die Zahnhygiene, die durch die Eltern, in diesem Falle also mir und meinem Mann, verantwortet und nachgehalten werden sollte. Und ich kläre auf, wo und wann immer ich kann.

Infos zu dem hier angesprochenen Thema „Langes Stillen und Karies“ gibt es in dem Beitrag Karies durch langes Stillen?. ~ R. Gresens

Sollte uns noch ein Kind vergönnt sein, so werde ich es wieder haargenau so machen bzw. gleich kommunizieren und präsent sein und auf mein Kind hören. Und die Anderen einfach überhören.

Denn aus heutiger Sicht weiß ich, dass ein Krieg und ein totalitäres Regime mit einschlägigen Erziehungsbüchern (Johanna Haarer)* auch die folgenden Generationen noch stark beeinflussen kann (Epigenetik und transgenerationale Traumata)*.

Unsere Aufgabe als Eltern sehe ich darin, diese veralteten Ansichten zu hinterfragen und Muster zu durchschauen.

Unsere Intuition ist leider häufig belastet durch unsere Erziehung und da gilt es immer für mich zu fragen und zu reflektieren:
Will ich das jetzt wirklich und wenn ja warum?
Welche Werte sind wichtig für mich als Mutter und für uns als Eltern?

Ich mache nichts mehr, weil „man“ es so macht.
Ich schwimme sicher mit vielen meiner Ansichten gegen den Strom.

Aber wir vermehren uns und wer weiß, vielleicht verändert sich ja bald der „Flusslauf“, weil es schon viele von uns „Gegen-den-Strom-Schwimmer“ gibt und wir eher die Masse werden und keine Minderheit mehr sind.

Löwenmama

Originalbericht einer Mutter, Mai 2018
Foto: SELS

 

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Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Ich helfe Dir, als Mutter Dir selbst und Deinem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen. Du findest mich auch auf Pinterest, Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

4 Kommentare

  1. Danke fürs teilen deiner Erfahrung. Bei uns war und ist es ähnlich.
    Vor allem die gut gemeinten Ratschläge und Einmischungen von anderen bringen unser fragiles system immer mal wieder ins wanken. Doch wir stillen noch tags und nachts und es tut so gut. Ich habe auch das Gefühl, dass es mir hilft, über das eigene fehlende gestillt worden ein wenig hinweg zukommen. Denn eines ist sicher, es ist so so wichtig und schön.

    Liebe grüße @}->—

    Kathrin mit Janosch (13 Monate)

  2. Hallo Löwenmama,

    welch toller Artikel! Ich schwimme hier ebenfalls gegen den Strom, habe anfangs nicht mir und meiner Intuition vertraut und mich verunsichern lassen…
    Mittlerweile weiß ich, was mein Baby und ich wollen und lasse mich nicht mehr beirren. Seitdem läuft alles besser und wir sind sehr glücklich! !!
    LG Tatiana

  3. Liebe Löwenmama,
    welch ein Kampf. Ein erfolgreicher! Ich drücke dir die Daumen für dein zweites Kind, es wird glücklich sein mit dir als Mutter.

    „Hör auf dein Herz“ ist der wichtigste, wenn auch ungefragte Ratschlag, den ich schwangeren oder frisch gebackenen Eltern gebe. Egal was die eigene Mutter, Ärztin, Hebeamme sagt, wenn man selbst ein gutes Gefühl hat bzw. sich woanders informiert, wenn man bei einem Vorhaben kein gutes Gefühl hat, dann tut man das richtige für sein Kind und seine Familie.
    Und wenn der andere gleichberechtigte Elternteil anderer Meinung ist, dann muss man reden.
    Dein Mann hat offenbar auch irgendwann eingesehen, dass das Stillen euch gut tut, oder?

    Alles Liebe,
    Claudia <3

  4. Ganz toll geschrieben und zusammengefasst. In vielem habe ich mich wiedererkannt. Auch ich habe angefangen zu lesen, um meine Unsicherheit abzufangen. Und so konnte ich auch gegen manchen ärztlichen Rat guten Gewissens handeln. Wie etwa meinem acht Monate alten Sohn keinen Gemüsebrei aufzuzwängen. Er mochte sehr lange nur probieren und keine größeren Mengen Nahrung zu sich nehmen. Gerade bei einem ehemaligen Frühchen fühlte ich mich sehr unter Druck gesetzt und habe trotzdem irgendwann Kind und Muttermilch vertraut. Die beiden sind schließlich ein jahrtausendelang eingespieltes Team.

    Viele der heutigen Ratschläge sind tatsächlich Überbleibsel aus einer Zeit, in der kaum jemand der heutigen Bevölkerung noch gelebt hat. Und trotzdem hat sie sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Ich war sehr überrascht, als mir bewusst wurde, wie groß die Bedeutung und der Einfluss unseres kulturellen Erbes auf unsere heutige Kindererziehung ist.

    Und ich bin froh, dass wir begonnen haben etwas zu ändern. In diesem Sinne auch ein riesengroßes Dankeschön für diese wunderbare Internetseite.

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