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Intuitives Stillen – leicht gemacht

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Es geht immer weiter

Es geht immer weiter

2 Kommentare

Das Krankenhaus, in dem ich zur Geburt war, ist als stillfreundlich ausgezeichnet und ich fühlte mich wirklich gut aufgehoben.

Trotzdem war der Start der Stillbeziehung zwischen meinem Sohn und mir, nach einer schnellen, stressigen Geburt (grünes Fruchtwasser, Saugglocke), nicht der einfachste.

Der Kleine zeigte nicht viel Enthusiasmus beim Trinken, und es wurde zunächst vermutet, er müsse sich erst einmal vom Stress der Geburt erholen.

Trotzdem wurde mir ziemlich schnell als Hilfestellung zu Stillhütchen geraten. Mit diesen Dingern schien der Kleine auch wirklich besser zu trinken, zumindest waren sie immer weißlich eingefärbt, wenn er mit seiner Mahlzeit „fertig“ war.

Der große Schock dann 3 Tage nach der Geburt, ca. 2 h vor der bereits mehrmals besprochenen Entlassung. Einer Schwester fiel in letzter Minute auf, dass der Kleine mittlerweile die 10% Gewichtsverlust, die einem Baby nach der Geburt zugestanden werden, erreicht hatte.

D.h. trotz Stillhütchen trank er offensichtlich immer noch nicht genug. Mir wurde nachdrücklich angeraten, die Entlassung zu unser allen Besten zu verschieben.

Meine Freude auf Zuhause wich einer Mischung aus Angst und Selbstvorwürfen („Habe ich meinem Baby geschadet? Bin ich eine schlechte Mutter, weil ich offensichtlich nicht stillen kann bzw. mich wohl vorher nicht ausreichend auf die Stillzeit vorbereitet habe?“).

Hinzu gesellte sich eine gewisse Scham, da ich ab diesem Zeitpunkt meinen noch nicht optimalen Milchfluss durch eine elektrische Milchpumpe weiter anregen sollte. Die Prozedur empfand ich als sehr unangenehm und die Mengen, die wir zu Tage förderten, erschienen mir mikroskopisch gering.

Rettung nahte schließlich von 2 Seiten: zunächst von meiner Nachsorge-Hebamme, die mir riet, nicht länger als max. 1 Tag mehr als geplant im Krankenhaus zu bleiben. Ihr unerschütterliches Motto lautete „Zuhause wird alles gut!“, was sich später auch als wahr herausstellen sollte.

Zum anderen wurde mir eine andere, sehr pragmatische Krankenschwester zur Betreuung zugeteilt. Sie ließ sich meine Brustwarzen zeigen und meinte dann kopfschüttelnd: „Die sind doch super! Da brauchen wir doch kein Stillhütchen!“

Schwupps, nahm das Kind, „drückte“ es mir an die Brust und der Zwerg, der wohl genau erschrocken war wie ich, fing prompt an, gierig zu trinken.

Dies übten wir ein paar Mal und ich war stolz, dass es nun besser klappte und froh, nicht mehr mit diesen Plastik-Hütchen hantieren zu müssen.

Die letzte Talfahrt im Krankenhaus bescherte mir die Nachtschwester, die beschloss, mein Baby in der Nacht zuzufüttern. Ich saß weinend daneben und fühlte mich wie die schlechteste Mutter der Welt. Diese Nacht und dieses Gefühl der Hilflosigkeit werde ich nie vergessen.

Die ersten Tage Zuhause fühlten sich total falsch an. Ich sollte auch Zuhause die Milchpumpe noch weiterbenutzen, hatte aber das Gefühl, zwischen Stillen, der Sterilisation von Pumpenteilen und ein bisschen Schlafen mein Leben verloren zu haben. Dabei hatte ich mich doch eigentlich so auf den Zwerg gefreut!

Die Stunden und Tage gingen ins Land.

Unsere Nachsorge-Hebamme brachte täglich die Baby-Waage mit und siehe da – der kleine Wicht nahm von Tag zu Tag zu und hatte bald sein Geburtsgewicht wieder erreicht!

Und noch wichtiger – endlich hatte ich genug Milch! Ab sofort sogar oft zu viel!

Zugefüttert haben wir Zuhause überhaupt nicht mehr. Und die Milchpumpe wurde zum Staubfänger in der Ecke.

Ab da begann die schöne Zeit. Mein Sohn liebte das Stillen und verweigerte in seinen ersten Lebensmonate resolut, mit einer Flasche (egal mit welchem Inhalt und Sauger) gefüttert zu werden.

Da er ein sehr braver Säugling war, der verlässlich zwischen 18 und 24 Uhr schlief, konnte ich schon bald wieder abends ab und zu etwas unternehmen, während mein Mann den Schlaf des Kleinen bewachte.

Ich habe so früh wie möglich angefangen, den Zwerg an die Breikost heranzuführen, da ich eigentlich nach spätestens 6 Monaten abgestillt haben wollte. Zu diesem Zeitpunkt sollte nämlich mein Mann die Elternzeit übernehmen und ich wieder arbeiten.

Eigentlich ja alles kein Problem… wie man sich das eben so toll als unerfahrene Erstlings-Mutter vorstellt.

Aber der Kleine hatte sich ja mittlerweile schon ein gewisses „Mitspracherecht“ erarbeitet und dachte überhaupt nicht dran, auf das Stillen zu verzichten.

Für Brei interessierte er sich herzlich wenig. Aber immerhin begann er langsam, Muttermilch aus der Flasche und auch Flaschenmilch zu akzeptieren.

Mein Mann machte als Vollzeit-Vater einen tollen Job und ich war in der Arbeit stets auf der Suche nach den raren, abschließbaren Besprechungsräumen, in denen ich zwischendurch mal Milch abpumpen konnte.

Abends (stets mit einer Kühltasche abgepumpter Milch im Gepäck) wurde ich von meinen zwei Männern mit Freude empfangen und abends, nachts und morgens wurde weiter direkt gestillt. So hat sich auch die neue Situation eingespielt.

Tja, und was soll ich sagen… bis heute haben wir nicht abgestillt und es ist auch kein Ende abzusehen.

Ich bin gerührt, wie das quirlige kleine Kind abschalten und seine aufregende Umwelt vergessen kann, sobald es an der Brust hängt. Wie er sich Trost und Antigene holt, wenn ihn einmal wieder Husten und Schnupfen plagen. Wie könnte ich ihm das verwehren?!

Und „trotzdem“ ist er auch zu einem guten Esser geworden, der sich für viele Gemüsesorten und punktuell auch Fleisch begeistern kann. Auch Süßes (z.B. Kuchen oder Eis) darf er ab und zu probieren, ist aber zu meiner Überraschung oft gar nicht sehr begeistert davon. Da sieht man wirklich, dass kleine Kinder noch die richtige, unverfälschte Intuition besitzen.

Alle Mütter, die ich kenne, und die im Jahr nach mir ein Baby bekommen haben, haben mittlerweile bereits abgestillt. Die meisten auf ihren eigenen Wunsch hin. Ich könnte es nicht.

Trotzdem war und bin auch ich mir oft unsicher, ob ich das richtige tue. Vor allem, wenn die Nächte kurz und schwer waren, und die Müdigkeit einen besonders quält.

Mittlerweile gehe ich dann oft einfach ein bisschen auf diese Seite, stöbere in den Artikeln und fühle mich dann wieder gestärkt und weiß, dass ich das Richtige tue.

Ausschlafen werde ich noch jahrelang können, aber meinen Sohn mit dem Besten versorgen, das ist mir nur in den Anfangsjahren möglich.

Ich stelle auch insgesamt fest, dass ich immer weniger auf die Meinungen und (ungebetenen) Ratschläge anderer höre, und merke, wie gut mir das tut. Nicht nur im Bezug aufs Stillen – und als Langzeitstillende ist man einfach noch ein Exot –, auch in anderen Erziehungsfragen.

Ich kann jeder Mutter nur raten, ihren Instinkten zu vertrauen und sich von Außenstehenden nicht verunsichern zu lassen. Es geht immer weiter und auf jede schwierige Phase folgt auch wieder eine einfache.

Uta

Originalbericht einer Mutter, April 2016
Foto: Uta

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Veröffentlicht von: Regine Gresens

Regine Gresens ist Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Sie hilft Müttern, sich selbst und ihrem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und ihren eigenen Weg mit dem Baby zu gehen, auch wenn die Welt es ihnen schwer macht. Folge ihr auf Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

2 Kommentare

  1. Liebe Uta,

    danke für Deinen schönen Bericht. Er wird sicher auch anderen Müttern Mut machen, länger zu stillen, als es mit den 6 Monaten landläufig üblich ist. Natürlich auch nur, wenn sie es wirklich möchten. Eine durch’s Stillen völlig gestresste Mutter ist sicher auch nicht das Gelbe vom Ei für das Kind…

    Ich habe meinen Sohn knapp 3 1/2 Jahre gestillt – trotz ständiger Kritik deswegen von aussen – und bin froh darüber. Gesundheitlich wie seelisch kam ihm das sehr zugute. Und nach dieser Zeit fiel uns beiden der „Entwöhnungsprozess“ relativ leicht.
    Allerdings hatten wir vorher (nach 2 1/2 Jahren) schon die nächtlichen Stillzeiten deutlich reduziert: auf 1x VOR der Hauptschlafzeit (20.00 Uhr) und 1x NACH der Hauptschlafzeit (4.00 Uhr), woran er sich schnell gewöhnte und was uns etwas (!) ruhigere Nächte bescherte 😉

    Und wie Du schon geschrieben hast: auf die eigene innere Stimme /die Instinkte zu vertrauen, ist das A und O. Wenn sich etwas richtig anfühlt, dann stimmt es auch und sobald sich etwas schwer oder sich irgendwie anders nicht stimmig anfühlt, sollte man sofort innehalten und die Sache überdenken. Ein Richtig oder Falsch aus Lehrbüchern gibt es nicht. Jeder Mensch ist individuell und dementsprechend auch das Familiendasein mit allem Drumunddran 🙂

  2. Respekt!!

    Danke für Deinen tollen, ergreifenden Bericht!

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