Erfolgreich stillen – Was brauchen Mütter heute (1)

1 Kommentar

Warum ist es überhaupt erforderlich darüber zu schreiben, was Mütter heute brauchen um erfolgreich zu stillen?
Nun, weil es heute eben nicht (mehr) selbstverständlich ist, dass eine Mutter erfolgreich stillt.

Und dies liegt meines Erachtens daran, dass das Stillen Müttern heute auf vielerlei Weise schwer gemacht wird.

Welche Hürden es gibt und wie diese beseitigt werden sollten, werde ich in dieser Artikel-Serie betrachten.

Zunächst aber erst noch einmal zu der Frage: Was bedeutet denn überhaupt, erfolgreich zu stillen?

Wie stellen wir uns eine erfolgreich stillende Mutter vor?

Ist es eine Mutter, die die WHO-Empfehlung erfüllt?

(Die WHO empfiehlt: 6 Monate ausschließliches Stillen, allmähliche Beikosteinführung, Weiterstillen für mindestens 2 Jahre oder länger.)

Eine, die niemals Zufütterung von Zusatznahrung benötigt?

Eine, die das Baby zum Stillen an ihre Brust anlegt, wenn beide nicht voneinander getrennt sind?

Eine, die kein Problem damit hat in der Öffentlichkeit zu stillen?

Ist all das nötig, um erfolgreich zu stillen?

NEIN – es gibt eine große Bandbreite an erfolgreichen Stillbeziehungen.

Viele Mütter machen die Erfahrung, dass ihre tatsächliche Stillsituation nicht so ist, wie sie es ursprünglich erwartet oder geplant hatten.

Ein paar Beispiele von erfolgreich stillenden Müttern und ihren Kindern

Dies ist ein erfolgreich gestilltes Kind, trotz oder dank Stillhütchen …

Lange Stillzeit trotz Stillhütchen

Die Mutter schreibt in ihrem Erfahrungsbericht:

„Jetzt ist er 17 Monate alt und stillt noch unheimlich gerne. Trotz normaler Nahrung will er 3- bis 5-mal am Tag die Brust.

Das Stillhütchen hat mir am Anfang noch Probleme bereitet, aber wenn man dranbleibt, legt sich alles mit der Zeit.

Natürlich wäre es mir ohne Stillhütchen lieber, aber unsere Kinder haben ihren eigenen Kopf.

Er spielt so gerne damit und hat es gerne in der Hand, um sich zu beruhigen, wenn er müde ist.“

Dies ist eine erfolgreiche stillende Mutter mit ihrem Baby, …

Zufüttern an der Brust

Auch wenn sie zusätzlich abgepumpte Muttermilch per Sonde an der Brust füttert, um das Baby zu motivieren, aktiver an der Brust zu saugen.

Selbst wenn sie dauerhaft künstliche Säuglingsnahrung mit einem Brusternährungsset* zufüttern müsste, weil ihre eigene Milchmenge nicht ausreicht, kann diese Mutter eine erfolgreiche Stillbeziehung führen.

Für sie und ihr Baby ist jeder Tropfen Muttermilch, den das Baby von ihr bekommt, und jede Minute, die es zufrieden an ihrer Brust verbringt, wertvoll und ein Gewinn.

Dies gilt auch für Mütter, die ein Adoptivkind mit künstlicher Säuglingsnahrung an ihrer Brust ernähren und keine oder fast keine eigene Milch bilden.

Und so können eine erfolgreich stillende Mutter und ihr Baby auch aussehen, …

Pumpstillen

Die Mutter hat eine erfolgreiche Stillbeziehung, obwohl sie ausschließlich pumpt und ihre abgepumpte Muttermilch mit der Flasche füttert – was oft auch Pumpstillen genannt.

Und selbst wenn ein Kind nur für kurze Zeit Muttermilch bekommt, sollte dies in gewissen Situationen als Erfolg gesehen werden, weil es vielleicht nicht anders möglich war.

Erfolgreiches Stillen ist also keine Frage von Alles oder Nichts, sondern eher davon, ob eine Mutter für sich das Beste oder das Mögliche aus der Situation gemacht hat.

Kann jede Frau stillen, wenn sie es wirklich will?

Man hört zwar oft den Satz: Jede Frau kann stillen, wenn sie es wirklich will.

Aber ganz so einfach ist es eben nicht.

Aus biologischer Sicht sind 99 % aller Frauen körperlich in der Lage zu stillen.

Mütter mit Babys

Nur ca. 4 % aller Frauen (also nur wenige) können ihr Kind aus körperlichen Gründen (z.B. Brustoperationen, Hormonstörungen, starke Unterernährung) nicht ausschließlich stillen, sondern müssen künstliche Säuglingsnahrung oder falls erhältlich Spendermilch zufüttern.

Und nur in sehr wenigen Fällen ist es aus medizinischen Gründen besser, nicht zu stillen oder nur teilweise zu stillen.

Diese Gründe sind Alkoholsucht, Drogenkonsum oder exzessiver Tabakkonsum, HIV-, HTLV- oder Ebola-Infektionen, Herpes-Infektionen an der Brust, akute Krebserkrankungen oder der Einsatz von radioaktiven Diagnostika bei der Mutter sowie einige Stoffwechselerkrankungen des Säuglings (Galaktosämie, Phenylketonurie (hier ist aber ein teilweises Stillen möglich und empfehlenswert, ergänzt durch phenylalaninfreie Spezialnahrung)).

Wie schaut es hierzulande mit dem Stillen aus?

Ich habe dazu ein Diagramm erstellt:

Stillen in Deutschland

Etwa 90 % der Schwangeren wollen ihr Baby stillen und etwa 90 % der Mütter beginnen auch nach der Geburt zu stillen.

Nach 2 Monaten werden noch etwa 70 % der Babys überhaupt gestillt. Aber nur 44 % aller Babys werden auch ausschließlich gestillt, 26 % der Babys erhalten neben der Muttermilch auch künstliche Säuglingsnahrung.

Und 20 % der Mütter haben bereits abgestillt. Als häufigsten Grund für das vorzeitige Abstillen in diesem Zeitraum werden wunde Brustwarzen genannt.
(Dazu habe ich mich hier im Blog ja schon des öfteren geäußert.)

Nach 4 Monaten stillen noch 60 % der Mütter und nur noch 40 % ausschließlich.

Weitere 10 % haben abgestillt, der in diesem Zeitraum am häufigsten genannte Abstillgrund ist „Milchmangel„.

Nach 9 Monaten stillen noch ca. 21 % der Mütter, nach 12 Monaten 8 %, nach 18 Monaten 3 % und nach 24 Monaten noch 1 %.

Zusammengefasst:
In den ersten 4 Monaten beginnt über die Hälfte der stillwilligen Mütter zusätzlich Flaschennahrung zu füttern und 1/3 der Mütter stillt ab!!

Wir haben also einen dramatischer Abfall der Stillquoten in der ersten Wochen und Monaten.

Keine gute Bilanz für ein hoch entwickeltes Industrieland mit einem der besten Gesundheitssysteme weltweit.

Auf der Weltkarte der sechs Monate ausschließlich gestillten Kinder (basierend auf Zahlen der WHO aus verschiedenen Jahren), liegt Deutschland mit einem Anteil von 22 % (Angabe aus 2005 (KIGGs-Studie)) demzufolge nur im unteren Drittel (= hellrot).

Anteil der sechs Monate ausschließlich gestillten Kinder

Anders ausgedrückt erreichen in Deutschland 78 % der Mütter das von WHO/Unicef ausgegebene Ziel nicht – von ihren eigenen, persönlichen Zielen einmal ganz abgesehen.

Eigentlich sollte man meinen, dass sich dieses Ziel in einem westlichen Industrieland wie dem unseren locker erreichen ließe.

Denn über 18 % der Neugeborenen kommen in den mehr als 100 babyfreundlichen Kliniken zur Welt, die es inzwischen in Deutschland gibt.

Zudem haben wir mit 1375 Still- und Laktationsberaterinnen die höchste Zahl an IBCLCs in Europa und liegen damit sogar weltweit nach den USA, Australien und Kanada an 4. Stelle.

Um das Stillen und die Entwicklung einer neuen Stillkultur zu fördern und dazu beizutragen, dass Stillen zur normalen Ernährung für Säuglinge wird, wurde 1994 von der Bundesregierung eigens eine Nationale Stillkommission (NSK) eingesetzt.

Im Jahr 2015 hat die NSK anlässlich ihres 20jährigen Bestehens sämtliche Studien zur „Stillhäufigkeit und Stilldauer in Deutschland – eine systematische Übersicht“ ausgewertet und eine Übersicht erstellt.

Darin stellt sie fest:
„Zusammenfassend deuten die verfügbaren Daten darauf hin, dass seit Beginn der 1990er Jahre relativ konstant zwischen 70 und etwa 90 % der Mütter in Deutschland zu stillen beginnen, aber nach wie vor ein rapider Abfall der Stillraten innerhalb der ersten zwei Monate zu verzeichnen ist, so dass nur etwa 50 % der Säuglinge mit 6 Monaten noch gestillt werden. In lokalen Längsschnittdaten deutet sich allerdings eine Stagnation oder sogar ein abnehmender Trend beim vollen Stillen in den letzten 10 Jahren an.
Die bisherige Arbeit der NSK und die Stillförderung durch einschlägige (Berufs-)Gruppen in Deutschland scheinen (somit) keinen messbaren Effekt auf das Stillverhalten gehabt zu haben. Daher sind in Deutschland künftig verstärkt Stillfördermaßnahmen, auch unter Berücksichtigung von besonders bedürftigen Gruppen, notwendig.“

Die spannende Frage, die sich für mich aus diesem Fazit ergibt, lautet: Woran liegt das? Und wie könnte/sollte das Stillen nachhaltig gefördert werden?

Denn eins ist sicher:
(Erfolgreiches) Stillen ist keine Frage der Willenskraft oder einer mangelnden Stillfähigkeit der Mütter, sondern eine komplexe, kulturell eingebettete Verhaltensweise, die durch viele miteinander zusammenhängende Faktoren beeinflusst wird.

Im nächsten Teil dieser Serie werden wir uns diese auf verschiedenen Ebenen liegenden Faktoren genauer anschauen.

Autorin: Regine Gresens IBCLC, Dezember 2018

* = Affiliate-Link: Wenn du darauf klickst und dann etwas kaufst, erhalte ich vom Händler eine kleine Vergütung – ohne höhere Kosten für Dich. Danke dafür! 🙂
Ich empfehle hier nur, was ich kenne und für gut und sinnvoll halte.

Findest Du diesen Beitrag interessant? Wenn ja, bitte teile, kommentiere und like ihn auf Facebook. Oder nimm ihn mit auf Pinterest, hier ist Dein Pin:

Stillende Mütter

Fürs Teilen, Liken und Pinnen sage ich herzlich Danke!

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Berufspädagogin, Still- & Laktationsberaterin IBCLC und Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG). Ich helfe Dir dabei, Deinem Baby und Dir selbst zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen.

Ein Kommentar

  1. Interessanterweise sind drei der vier Länder mit den meisten Beraterinnen bei unter 24 % ausschließlichem Stillen bis 6 Monate.
    Und über Australien gibt es keine Daten 🤔
    Also kann man vielleicht schlussfolgern, dass wir so viele Beraterinnen haben, weil wir so „schlechte“ Stillquoten haben.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.