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Intuitives Stillen – leicht gemacht

Medikamente in der Stillzeit

Einnahme von Medikamenten in der Stillzeit

11 Kommentare

Autorin: Diane Wiessinger, 2008
Müssen Sie deswegen abstillen?
Mit ziemlicher Sicherheit nicht!

In unserer Gesellschaft wird gemeinhin davon ausgegangen, dass Sie die Wahl haben zwischen:
1) einem bekannten Risiko für Ihr Baby, wenn Sie weiterstillen oder
2) keinem Risiko, wenn es sichere, künstliche Säuglingsnahrung erhält.

Das ist jedoch falsch! Es gibt keine sichere Säuglingsnahrung.

Eine einzige Flasche Säuglingsnahrung erhöht das Risiko für Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergien, steigert das Risiko für andere Erkrankungen für eine unbekannte Zeitdauer, erhöht das Risiko eines anfälligen Babys für Diabetes und verändert seine Darmfunktion für bis zu einen Monat.

Die tatsächlichen Wahlmöglichkeiten sind normalerweise:
1) ein geringes theoretisches Risiko von einer sehr kleinen Dosis des Medikaments oder
2) ein bekanntes Risiko durch künstliche Säuglingsnahrung.

In der großen Mehrzahl der Fälle heißt „auf Nummer sicher gehen“ weiterstillen und nicht abstillen.
Hier sind einige der Gründe dafür:

  • Selbst wenn die Menge eines bestimmten Wirkstoffs im Blut der Mutter hoch ist, ist es aus der Perspektive des gestillten Babys dennoch sehr verdünnt. Muttermilch wird aus mütterlichem Blut hergestellt.
    Versuchen Sie einmal, sich vorzustellen, Sie sollten Jemanden behandeln, indem Sie ihm nicht das Medikament selbst geben, sondern eine Dosis Blut von jemand anderem, der das Medikament eingenommen hat!
  • Jeder Wirkstoff in der Muttermilch wird vom Baby geschluckt und muss erst einmal sein Verdauungssystem passieren, bevor er in sein eigenes Blutplasma eintreten kann. Wirkstoffe, die im mütterlichen Blut und in der Milch gemessen werden können, sind oft nicht mehr oder kaum noch nachweisbar, wenn sie im Blut des Babys angekommen sind. Und Wirkstoffe, die per Spritze verabreicht werden, weil sie bei oraler Verabreichung nicht wirksam sind, sind üblicherweise genauso unwirksam, wenn das Baby sie mit der Milch geschluckt hat.
  • Alter spielt eine Rolle. Einige Wirkstoffe, die für Frühgeborene ein Problem darstellen können, sind kein Problem für reif geborene Babys. Manche sind problematisch für Neugeborene, aber kein Problem nach dem 1. Monat. Je älter das Baby ist, desto reifer sind seine Systeme. Und jedes Baby, das schon zusätzlich Beikost isst, erhält automatisch weniger über die Milch der Mutter.
  • Falls es Bedenken gibt, kann der Zustand des Babys überwacht werden, entweder durch Blutuntersuchungen oder einfach durch das Beobachten des Babys auf Durchfall oder andere Auffälligkeiten.
  • Eine vorübergehende Stillpause – und Pumpen und der Umgang mit Flaschenfütterungen und einem unglücklichen Baby – ist ein großer Stress für eine ohnehin schon gestresste, kranke Mutter und ihr Baby.
  • Eine vorübergehende Unterbrechung des Stillens kann zu vorzeitigem Abstillen führen. Stillen ist eine physiologische Beziehung, kein „Wasserhahn“. Ein abruptes Abschalten ist extrem verstörend für beide – Mutter und Baby.
  • Die Amerikanische Akademie der Kinderheilkunde (AAP) schrieb 2005 in ihrem Statement zu Stillen und der Verwendung von Frauenmilch, “Obgleich die meisten rezept- und apothekenpflichtigen Medikamente sicher für den gestillten Säugling sind, gibt es ein paar Medikamente, die Mütter vielleicht nehmen müssen, die es nötig machen, das Stillen vorübergehend zu unterbrechen. Dazu gehören radioaktive Isotope, Antimetaboliten, Krebs-Chemotherapeutika und eine kleine Zahl von anderen Medikamenten.“
    Das ist eine kurze Liste, und sogar diese Liste hat noch einige Ausnahmen.
  • Selbst bei den wenigen tatsächlich problematischen Medikamenten, gibt es gewöhnlich einen gewissen „Spielraum“ – nur zur Hälfte stillen, „um den Höhepunkt des Wirkstoffs herum“ stillen, fünf Halbwertzeiten abwarten, ein sichereres, alternatives Medikament finden, und weitere.

Wenn jemand zu Ihnen sagt, Sie müssten wegen einer Medikamenteneinnahme abstillen, auch nur vorübergehend, sprechen Sie mit einer Still- und Laktationsberaterin IBCLC oder informieren Sie sich auf der Website www.embryotox.de über die Sicherheit von einzelnen Arzneimitteln in Schwangerschaft und Stillzeit. (Dort gibt es übrigens auch eine kostenfreie App über Medikamente in der Stillzeit.)

Es wird Ihnen gefallen, was Sie dabei erfahren.

Original: Medications and Breastfeeding von Diane Wiessinger, IBCLC, 2008
Übersetzung: Regine Gresens, IBCLC, Juli 2014
Foto: Auntie P via photopin cc

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Ich helfe Müttern, sich selbst und ihrem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und ihren eigenen Weg mit dem Baby zu gehen, auch wenn die Welt es ihnen schwer macht. Wenn Dir dieser Beitrag gefallen hat, dann kannst Du mir über Facebook, Twitter, Pinterest, Youtube, Google+ und natürlich hier auf dem Blog folgen.

11 Kommentare

  1. Liebe Frau Gresens,

    ich habe einen 13 Monate alten Sohn. Wir stillen beide noch sehr gern und viel. 🙂
    Nun muss ich aufgrund einer Weisheitszahn OP und darauffolgender Entzündung der Nebenhöhlen das Antibiotikum Amoxicillin 500 einnehmen.

    Dies mache ich nur sehr ungern, es scheint aber aus medinzinischer Sicht erforderlich zu sein.

    Meine Frage ist nun, ob Sie noch genauer erläutern könnten, was „um den Höhepunkt des Wirkstoffs herum stillen“ & „fünf Halbwertzeiten abwarten“ bedeutet?

    Und wie kann ich reagieren, falls mein Kleiner doch Durchfall bekommt? Einmal angefangen, muss ich das Antibiotikum ja auch zu Ende nehmen.

    Vielen Dank im Voraus und herzliche Grüße
    Jessie

    • Liebe Jessie,
      „um den Höhepunkt des Wirkstoffs herum stillen“ heißt, nicht gerade dann zu stillen, wenn der Arzneistoff im Blutplasma seinen Höhepunkt erreicht hat, sondern ggf. vorher oder erst wieder nach einer gewissen Zeit, z.B. einer Halbwertzeit (HWZ).
      Die Halbwertzeit ist die Zeit nach der die Hälfte des Arzneistoffes aus dem Plasma eliminiert ist. Mit jeder weiteren Halbwertszeit sinkt die verbleibende Plasmakonzentration weiter, so dass nach fünf Halbwertszeiten nahezu die gesamte Substanz eliminiert wird.
      Dies beides sind Möglichkeiten, um bei den im Text genannten wenigen tatsächlich problematischen Medikamenten ein Weiterstillen zu ermöglichen.
      Amoxicillin gehört nicht zu den problematischen Medikamenten, sondern ist das Antibiotikum der Wahl in der Stillzeit!!
      Bei Embryotox steht dazu auch „Die meisten gestillten Kinder haben keine Symptome. Im Einzelfall kann es zu dünnerem Stuhlgang, selten zu Durchfall kommen.“
      Da Dein Kind mit seinen 13 Monaten wesentlich älter und reifer als ein kleines Neugeborenes ist, und vermutlich auch nicht mehr ausschließlich gestillt wird, würde ich davon ausgehen, dass es keine Probleme geben wird.
      Falls Dein Kind also starken Durchfall bekäme, was nicht sehr wahrscheinlich ist, solltest Du mit dem Kinderarzt und mit deinem behandelnden Arzt über das weitere Vorgehen sprechen.
      Jetzt wünsche ich Dir aber vor allem gute Besserung und herzliche Grüße,
      Regine Gresens

  2. Hallo!
    Ich muss einen Monat lang die Pille Bella Hexal 35 nehmen (zur Vorbereitung auf eine Hormontherapie wegen erneutem Kinderwunsch). Mein Sohn ist 3 Jahre alt und wird noch abends zum Einschlafen gestillt, bin mir aber nicht sicher, ob er wirklich noch Milch trinkt oder nur nuckelt. Muss ich da nun wirklich abstillen?

  3. Hallo Frau Gresens

    Ihre Seite hat mir in den letzten 2, fast 3 Jahren seit Geburt meiner Kinder, sehr geholfen.
    Ich wende mich hier nun an Sie, jedoch nicht für mich, sondern für meine Schwester.

    Sie hat einen Nabelbruch, der demnächst operiert werden soll.
    Nun wurde ihr angeraten abzustillen, wohl wegen der Vollnarkose.
    Ich habe diesbezüglich leider nichts gefunden, was mir helfen könnte.. Darum meine Frage an Sie:
    Ich habe große Bedenken, dass Abstillen nötig ist.. Wie sehen Sie das?

    Viele liebe Grüße,
    Denise

  4. Sehr geehrte Frau Gresens,

    sie gehören anscheinend auch zu den Stillberaterinnen, welche glauben, Stillen muss über alles stehen.

    Sie würden wahrscheinlich meiner Frau auch empfehlen, trotz Marcumar Einnahme zu stillen. Mehrer Ärzte haben meiner Frau vom Stillen abgeraten. Nur mussten sich die Hebamme, eine LLL Stillberaterin sowie sehr fragwürdige bzw. selbsternannte „Stillberaterinnen“ auf Seiten wie Stillen und Tragen einmischen und meiner Frau das Hirngespinnst auftischen doch Stillen zu können.

    Ich musste meiner Frau verbieten (was ich sonst nie machen würde) mit den Stillen anzufangen. Gott sei Dank konnte ich mich im Wohle der Gesundheit unserer Tochter durchsetzen!!!

    Solche Beiträge von können Gefährlich sein!

    Viele Grüße

    Maximilian O.

    • Sehr geehrter Herr O.,
      wenn es um die Einnahme von Medikamenten in der Stillzeit geht, konsultiere und zitiere ich die neueste Auflage des Standardwerks „Arzneimittel in Schwangerschaft und Stillzeit“, das von C. Schaefer, H. Spielmann, K. Vetter und C. Weber-Schöndorfer herausgegeben wird (allesamt keineswegs fragwürdige „Stillberaterinnen“, sondern angesehene und hochkarätige Mediziner und Professoren, die zum Beispiel die Beratungsstelle für Embryonaltoxikologie (www.embryotox.de) betreiben oder der Nationalen Stillkommission angehören).

      In dem Buch (8., vollständig überarbeitete Aufl., 2012) heißt es auf Seite 660/661 zu Vitamin-K-Antagonisten, zu denen auch Phenprocoumon (Marcumar) zählt:
      „Empfehlung für die Praxis
      Während einer Behandlung mit den oralen Antikoagulanzien Acenocoumarol, Phenprocoumon und Warfarin darf weiter gestillt werden. Eine zuverlässige Vitamin-K-Prophylaxe sollte in den ersten Lebenswochen gewährleistet sein. Hierzu zählen die parenterale Gabe nach der Geburt und orale Gaben zu den Vorsorgeuntersuchungen. Zumindest bei Frühgeborenen sollte nach einigen Tagen der Gerinnungsstatus bestimmt werden, um Komplikationen auszuschließen. Die Vitamin-K-Antagonisten Fluindion und Phenindion sind in der Stillzeit kontraindiziert.“

      Die Beratungsstelle für Embryonaltoxikologie in Berlin steht im übrigen auch behandelnden Ärzten bei Fragen oder Unsicherheit zur Arzneiverordnung in Schwangerschaft und Stillzeit zur Verfügung, damit Müttern nicht unnötigerweise vom Stillen abgeraten oder das Abstillen empfohlen wird.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Regine Gresens

      • Sehr geehrte Frau Gresens,

        natürlich habe ich auch Ihre Fachquelle schon gelesen. Aber für mich als promovierten Akademiker gehört es zum wissentschaftlichen Arbeiten dazu, verschiedene Fachmeinungen einzuholen. Was ich auch bereits gemacht habe.

        Gegen die Empfehlung Ihrer genannten Quelle spricht, dass

        1) ein Teil der Autoren der „Nationalen Stillkommission“ anghört und somit die Neutralität in Frage zu stellen ist. Eine Voreingenommenheit zum „Pro-Stillen“ kann nicht ausgeschlossen werden und

        2) die Qualität der Forschung der Charite Berlin zu hinterfragen ist. Unbestritten liegt die Reputation der Humanmedizin in Berlin eher im Mittelmaß und liegt im Vergleich zu den Universitäten aus München (LMU), Heidelberg, Tübingen und Freiburg doch weit zurück!

        Ich bleibe dabei:

        Während der Stillzeit sollte das Arzneimittel Marcumar nicht eingenommen werden. Phenprocoumon geht in die Muttermilch über, eine Verstärkung der Blutungsneigung beim Säugling ist in Einzelfällen nicht auszuschließen.

        Viele Grüße
        Maximilian O.

  5. Hy, bedeutet es auch, wenn ich nun in einer Fabrik arbeite (Vollzeit), dass ich weiter stillen könnte? Da ich mir Sorgen mache, wir erwärmen Schaumstoff und dies riecht schon sehr intensiv. Also Filtert mein Körper doch einige Schadstoffe aus meinem Blut?

    LG

    • Liebe Nina,
      es kommt darauf an, so allgemein kann man das jedenfalls nicht sagen.
      Sondern es müsste zunächst einmal mit dem Arbeitgeber geklärt werden, welche Stoffe dort in der Produktion freigesetzt werden und in welcher Höhe.
      Dann müsste geschaut werden, ob diese Stoffe im Mutterschutzgesetz als Gefahrstoffe für Schwangere bzw. Stillende eingestuft werden.
      Wenn sich aus der Gefährdungsermittlung ergibt, dass die Sicherheit und Gesundheit einer stillenden Mutter in Gefahr ist, muss der Arbeitgeber die erforderlichen Maßnahmen zu ihrem Schutz ergreifen. Dies kann z.B. eine Umgestaltung der Arbeitsbedingungen, der Arbeitszeiten oder auch ein Arbeitsplatzwechsel innerhalb des Betriebs sein.
      Jedenfalls würde ich, bevor Sie wegen dem intensiven Geruch abstillen, obwohl Sie gerne weiterstillen würden, erst einmal klären, ob dies tatsächlich erforderlich ist.
      Hier finden Sie dazu das Mutterschutzgesetz: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/muscharbv/gesamt.pdf
      Ggf. könnte Ihr Arzt einmal mit den genauen Werten bei Embryotox https://www.embryotox.de/ oder bei der Nationalen Stillkommission http://www.bfr.bund.de/de/nationale_stillkommission-2404.html nachfragen.
      Herzliche Grüße,
      Regine Gresens

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