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Die Nabelschnur sollte auspulsieren

Das Durchtrennen der Nabelschnur

6 Kommentare

Autorin: Diane Wiessinger, IBCLC, 2008
Es ist schon eine schwierige Aufgabe diese Unterwasserwelt zu verlassen, in der der Sauerstoff über die Nabelschnur kam, und in eine Welt einzutreten, in der wir unsere Lungen benötigen, um am Leben zu bleiben.

Aber alle Säugetiere sind dazu in der Lage. Denn der Wechsel von der Versorgung über die Plazenta zur Versorgung über die Lunge wurde über Jahrtausende immer mehr perfektioniert.

So war es schon immer. Wenn ein Baby geboren wird, ändert sich seine Sauerstoffquelle nicht sofort. Es landet außerhalb des mütterlichen Körpers – schlapp, blau und nutzt noch immer seine Lebensader der letzten 9 Monate, um Sauerstoff zu erhalten. Es ist schlapp, weil es eine ziemlich anstrengende Reise hinter sich hat und noch nicht an die Schwerkraft gewöhnt ist. Und es ist blau, weil es 9 Monate lang blau war, nicht weil es reanimiert werden muss. Die Gebärmutter ist ein Ort mit einem relativ niedrigen Sauerstoffgehalt und ein Baby ist gut darauf vorbereitet, dort zu leben… blau.

Aber nach ein paar Sekunden oder einigen Minuten fängt es an, sich in den Armen seiner Mutter zu bewegen und seine ersten Atemzüge zu machen, während das sauerstoffhaltige Blut weiter von der Plazenta zu ihm fließt. Während seine Mutter es hält, massieren seine Knie und Füße ihren Bauch. Seine Atemzüge, die knetenden Bewegungen seiner Beine und der restliche Blutfluss über die Nabelschnur lösen gemeinsam weitere Kontraktionen der Gebärmutter aus und signalisieren der Plazenta, dass ihre Aufgabe nun erfüllt ist. Die Nabelschnur hört auf zu pulsieren, die Plazenta löst sich und das Baby atmet selbständig.

Es ist ein sanfter, glatter Übergang, der vom Zustand des Babys gesteuert wird. Bei manchen Babys verläuft er sehr schnell und bei anderen dauert er viele Minuten. Ein frühes Abklemmen der Nabelschnur nimmt dem Baby nicht nur die Sauerstoffzufuhr weg, sondern auch bis zu der Hälfte seiner normalen Blutmenge.

Ist es nicht seltsam?
„Verspätetes Abklemmen der Nabelschnur“ bedeutet in der modernen Medizin, das Abklemmen der Nabelschnur nach nur 30 – 120 Sekunden nach der Geburt!
Wozu diese Eile?
Schwer zu sagen.
Vielleicht das Bestreben, den Übertritt von Medikamenten aus dem mütterlichen Kreislauf in das kindliche System gering zu halten?
Gewohnheit?
Unterschiedliche Krankenhausteams für Mutter und Baby?

Der Preis ist jedenfalls erheblich:
Ein Baby, das vollständig von seiner Sauerstoffquelle getrennt ist, bevor seine neue Quelle über die Atmung richtig funktioniert.
Und ein Baby, das sein Leben mit viel weniger Blut in den Adern beginnen muss, als es normal wäre, was sein Risiko für Anämie, Hypothermie und andere Probleme erhöht.
Eine umsichtige Hebamme sagte einmal dazu: „Wir trennen die Nabelschnur durch, weil wir das Baby reanimieren müssen, und wir müssen das Baby reanimieren, weil wir seine Nabelschnur durchtrennt haben.“

Was machen andere Primaten mit der Nabelschnur? Nicht viel. Häufig fressen sie die Plazenta. Aber die Nabelschnur wird in Ruhe gelassen, bis lange nachdem sie aufgehört hat zu arbeiten. Menschliche Mütter scheinen oft ebenfalls instinktiv sehr ablehnend gegenüber jeder Art von Manipulation an der Nabelschnur zu sein.

Das Baby und die Plazenta haben während der Schwangerschaft eine ständige, stille Unterhaltung geführt, mit der Nabelschnur als „Telefonverbindung“. Es wird angenommen, dass das Baby der Plazenta signalisiert, wann es reif genug für die Geburt ist, indem es bestimmte chemische Stoffe ausschüttet. So gesehen, ist beispielsweise eine „vergebliche Geburtseinleitung“ oder ein „Geburtsstillstand“ überhaupt kein Scheitern oder Versagen, sondern eine Gebärmutter, die alles dafür tut, das Baby zu schützen, bis es reif genug für die Geburt ist und bis die Mutter an einem Ort ist, wo sie sich sicher genug fühlt, um es zur Welt zu bringen. „Vergebliche Geburtseinleitung“ und „Geburtsstillstand“ sind ein Sieg von Mutter Natur über den Druck der modernen Geburtshilfe.

Mutter Natur hat es schwer, sich gegen den Druck der Klemmen und Scheren zu behaupten und eine zu früh durchtrennte Nabelschnur ist einer jener Fehler, die nicht rückgängig gemacht werden können.

Bestehen Sie schon rechtzeitig vor der Geburt – bestimmt und wiederholt – darauf, dass die Nabelschnur in Ruhe gelassen wird, bis sie vollständig auspulsiert hat… oder dass Sie wissenschaftlich erforschte Belege für ein anderes Vorgehen erhalten.
Es scheint jedoch keine zu geben!

Original: Cutting the Cord von Diane Wiessinger, IBCLC, 2008
Übersetzung: Regine Gresens, IBCLC, Juli 2013
Foto: bbaltimore via photopin cc

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Regine Gresens ist Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Sie hilft Müttern, sich selbst und ihrem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und ihren eigenen Weg mit dem Baby zu gehen, auch wenn die Welt es ihnen schwer macht. Folge ihr auf Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

6 Kommentare

  1. Ich habe beim Hebammengespräch nach dem Auspulsieren gefragt und sie meinte, es gäbe Studien, die belegen, das Kind müsste auf Höhe der Plazenta liegen, damit das Blut ins Kind kommt. Es dürfte also nicht auf die Brust der Mutter. Habt ihr das schon mal gehört? Stimmt das? Danke!

  2. Hach, das ist natürlich super!

    Ich habe jedoch einen negativen Rhesusfaktor, und sämtliche Ärzte sagten, dass man dann sofort die Nabelschnur kappen muss.
    Dies geschah dann auch, obwohl ich sehr gerne die Nabelschnur auspulsieren gelassen hätte.

    Nun hörte ich, dass der negative Rhesusfaktor kein Grund ist, um das Auspulsieren der Nabelschnur zu verhindern. Weiss jemand dazu mehr?

    Beim zweiten Kind würde ich soo gerne die Nabelschnur auspulsieren lassen.

    Achja, unsere Tochter, nun 1 Jahr alt, stillt natürlich noch, schläft glücklich im Familienbett und wird getragen. Wir machen breifrei, schnullerfrei und schreifrei 🙂 Happy life!

    Liebe Grüße aus Frankfurt,
    Petra

    • Liebe Petra,
      darüber gibt es durch unterschiedliche Ansichten.
      Dr. Sven Hildebrandt, ein bekannter Gynäkologe aus Dresden, schreibt zur Diskussion über das „Spät Abnabeln“ in der Deutschen Hebammenzeitschrift (8/2008):
      „Ein anderes Argument ist die Gefahr der Rhesus-Sensibilisierung. Diese Hypothese setzt eine erhöhte Rate fetomaternaler Blutkontakte in der Plazentarperdiode voraus, die bei einer korrekten Geburtsbegleitung definitiv nicht gegeben ist. Natürlich kann ein unsachgemäßer Umgang mit der
      noch nicht gelösten Plazenta zu Beschädigungen des intervillösen Raumes führen. Bei Beachtung der Grundregeln für die Begleitung der Plazentarperiode, die jede taktile Reizung des Myometriums streng verbieten, darf man auf die strikte Kreislauftrennung von Mutter und Kind
      vertrauen. Somit ist die Gefahr der mütterlichen Sensibilisierung in dieser Phase der Geburt nicht größer als bei oder vor der Geburt des kindlichen Körpers. Das gleiche gilt für die Gefahr des Übertritts von Rhesus-Antikörpern aus dem mütterlichen Kreislauf ins kindliche Blut. Unter Einhaltung der Prinzipien einer zurückhaltenden Geburtshilfe – zum Beispiel konsequenter Verzicht auf jedes Cristellern – gelten die oben genannten Überlegungen auch für den gesamten Geburtsverlauf. Die Wahrscheinlichkeit einer Sensibilisierung der Mutter mit massiver Antikörperbildung ist angesichts der hier betrachteten Zeitfenster klinisch bedeutungslos: Die Minuten, die bis zur Lösung der Plazenta vergehen, werden sich nicht auf den kindlichen Antikörperstatus auswirken.“
      (Quelle: https://www.happybirthday-deutschland.de/wp-content/uploads/2013/06/spaet_abnabeln.pdf).
      Durch die heute übliche Verabreichung von Anti-D-Immunglobulinen innerhalb von 72 Stunden nach der Geburt eines rhesuspositiven Babys kann das Risiko der Antikörperbildung bei der Mutter auf 0,2 % gesenkt – also fast vollständig verhindert – werden.

  3. Ich hatte zur Geburt in einem als ‚babyfreundlich‘ geltenden Krankenhaus eine schriftliche Erklärung mit (und habe es auch mündlich erklärt), dass die Nabelschnur bis zum Auspulsieren in Ruhe gelassen werden soll (u.a). Die KH-Hebamme hat sich rundheraus geweigert, das zu tun und extra schnell geklemmt (genau wie bei den meisten meiner anderen Wünsche, wie z.B. nach der Geburtsposition – ‚ich mache nur im Bett auf dem Rücken‘, dem Nicht-Ziehen an der Nabelschnur usw. usf).
    Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte darauf bestanden, eine andere Hebamme zu bekommen oder in ein anderes KH verlegt zu werden, nachdem ich wusste, wer mich bei der Geburt begleiten würde. Oder einfach wieder nach Hause zu gehen… Ich hatte diese schreckliche Frau nämlich schon zur Anmeldung, wo ich bereits gemerkt hatte, dass meine Vorstellungen auf sehr taube Ohren stoßen.
    Wenn frau in einem Krankenhaus gebären möchte, sollte sie schon vorher mit ihren Wünschen dort hin gehen und abklären, wie weit das Krankenhaus (das gesamte Personal!!!) diese mit macht. Und sich ansonsten eine Alternative suchen. Leider verringert die aktuelle Entwicklung bei den Versicherungen der Hebammen die Möglichkeiten, eine Alternative zu finden.

  4. Ein sehr guter Artikel. Von einem indischen Arzt habe ich gelesen, der meint die zu frühe Durchtrennung der Nabelschnur sei die Ursache für eine lebenslängliche falsche Atmung des Kindes!
    lg

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