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Ein Baby ist kein Football

Babys sind keine Fußbälle

2 Kommentare

Sicher wurde Ihnen vor der Geburt oder zum Beginn der Stillzeit auch gesagt, dass und wie Sie Ihr Baby in dem sogenannten „Fußball-Griff“ stillen sollen oder können?

Wahrscheinlich haben Sie es auch versucht, aber es erging Ihnen damit, wie vielen anderen Müttern auch: Die Position kam Ihnen schwierig oder unbequem vor… und Sie haben sie schnell wieder aufgegeben.

Was schade ist, denn das Anlegen von der Außenseite der Brust ist in vielen Fällen durchaus zu empfehlen.

Warum ist die Position oft so schwierig, wenn sie doch so empfehlenswert ist?

Um es gleich noch einmal vorweg zu sagen, ich halte diese Position in vielen Situationen für sehr hilfreich und empfehle Sie daher gerne.
Mehr dazu erfahren Sie in dem Beitrag Anlegen in der Seitenhaltung.

Leider hat sich die Bezeichnung „Fußball-Griff“ oder „Fußball-Haltung“ für das Anlegen von der Seite in den letzten Jahren unter Fachleuten und auch bei stillenden Müttern immer mehr verbreitet. Ich finde sie jedoch äußerst unpassend und irreführend und verwende seit längerem stattdessen den treffenderen Begriff „Seitenhaltung“ dafür.

Der Bezeichnung „Fußball-Griff“ (engl.: Football-Hold) stammt ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, wo American Football seit den 70er-Jahren die beliebteste Sportart überhaupt ist. Zwei Mannschaften aus jeweils 11 Spielern kämpfen beim American Football um einen rotbraunen, elliptischen Ball. Der Football muss von den Spielern in Richtung auf das gegnerische Tor bewegt werden, indem er geworfen oder beim Laufen unter den Arm geklemmt wird.

Da es bei diesem Sport meist heftig zur Sache geht, müssen die Spieler Helme und Schutzpolster tragen, um sich vor gefährlichen Kopfstößen und anderen Verletzungen zu schützen. Daher wird dieser Sport fast ausschließlich von Männern ausgeübt. Zwar gibt es auch eine Handvoll Frauen-Footballmannschaften, dennoch sind Frauen beim American Football gewöhnlich nur als Cheerleader oder Zuschauerinnen zugegen.

Das Laufen mit einem unter den Arm geklemmten eiförmigen Ball wird also nur für ganz wenige amerikanische Frauen eine vertraute Handlung bzw. Haltung sein. Und für deutsche Frauen gilt dies mit Sicherheit noch viel mehr. Dennoch hat sich die Bezeichnung „Football-Hold“ für das Anlegen von der Seite in den USA leider ziemlich verbreitet.

Die deutsche Übersetzung in „Fußball-Griff“ oder „Fußball-Haltung“ ist sogar noch abwegiger. Denn das in Deutschland beliebte Fußballspiel ist ebenfalls (noch) kein besonders verbreiteter Frauensport und mit der Kugel unter den Arm betritt hierzulande allenfalls der Schiedsrichter vor Spielbeginn das Stadion. Ansonsten darf der Fußball ja nur mit den Füßen (oder mit dem Kopf) geschossen oder allenfalls wieder ins Spielfeld eingeworfen werden.

Aus all diesen Gründen löst ein Footballspiel und ein Football (und auch ein Fußball) bei mir überhaupt keinerlei Assoziationen mit dem liebevollen, zärtlichen Akt des Stillens und einem niedlichen Baby aus. Oder geht es Ihnen da anders?

Die Bezeichnung „Fußball-Griff“ für die Haltung beim Stillen von der Seite ist also nicht nur unpassend, sondern führt auch in vielen Fällen zu einem suboptimalen Anlegen.

Was passiert, wenn Sie sich Ihr Baby zum Anlegen wie einen Football unter den Arm klemmen?

Weibliche Brüste befinden sich normalerweise auf Höhe des Herzens am Brustkorb und zwar an der Vorderseite des Körpers. Die Brustwarzen liegen in der Mitte der Brüste und zeigen ebenfalls nach vorne bzw. nach vorne unten, allenfalls sind sie leicht nach vorne außen gerichtet.

Wenn Sie sich nun Ihr Baby neben Ihrem Brustkorb an der Körperaußenseite fest unter den Arm klemmen, so wie es in den meisten Anleitungen beschrieben wird, liegt es in der Regel nicht mit dem Gesicht vor der Brust, sondern eher mit dem Gesicht im rechten Winkel neben der Brust und der Brustwarze, und kann daher die Brust nicht ohne weiteres gut in den Mund bekommen.
Was also tun?

In dieser Situation gibt es 3 Möglichkeiten, die allesamt Probleme beim Stillen verursachen können:

Fußballgriff

a) Sie können/müssen den Kopf des Babys stark nach vorne beugen, damit es mit dem Mund vor die Brust gelangt. Dadurch liegt allerdings sein Kinn direkt auf seiner Brust, so dass es seinen Mund nicht sehr weit öffnen kann und Sie ihm nicht viel Brust in den Mund geben können. Das bekommt Ihren Brustwarzen jedoch nicht gut, macht das Stillen schmerzhaft und die Brustwarzen wund und führt auch dazu, dass Ihr Baby die Brüste nicht effektiv leeren kann.

Darüberhinaus kann es mit nach vorne geneigtem Kopf nicht gut schlucken. Probieren Sie es selber einmal beim Trinken aus! Wir nehmen normalerweise zum Trinken den Kopf etwas in den Nacken, dann ist nämlich der Rachen geöffnet, die Speiseröhre gestreckt und das Schlucken ist wesentlich leichter.

Ist der Kopf des Babys beim Anlegen zu sehr nach vorne gebeugt, steckt anschließend oft seine Nase tief in der Brust, so dass es schlechter atmen kann und die Mutter meist mit einem Finger auf der Brust die Nase freihält, was wiederum im Brustdrüsengewebe hinter dem Finger den Milchfluss behindern kann.

Außerdem löst Druck auf den Hinterkopf bei dem Baby einen Kopfstreckreflex aus, so dass ihm die Brust beim Strecken des Kopfes leicht wieder aus dem Mund gezogen wird.

b) Sie können/müssen Ihre Brust nach außen zum Mund des Babys quasi „um die Ecke biegen“, damit es sie überhaupt erfassen kann, und müssen sie auch konstant in dieser Position halten. Da die Brust jedoch in ihre natürliche Position zurückkehren möchte, entsteht dabei meistens ein Zug auf die Brust und, über kurz oder lang, wird sie dem Baby immer mehr aus dem Mund gezogen, mit der gleichen Folge wie schon unter a) beschrieben.

c) Sie können/müssen beides aufeinander zu bewegen, sowohl den Kopf des Babys nach vorn beugen, als auch die Brust zum Mund des Babys „biegen“. Die Folgen können Sie sich jetzt schon denken: beide, Brust und Baby, versuchen wieder in eine bequeme, natürliche Position zu gelangen und es entsteht somit … Zug in beide Richtungen. Auch nicht gut!

Mütter mit großen, weichen Brüsten haben es dabei meist noch etwas einfacher als Mütter mit kleinen, festen Brüsten, da sich ihre Brüste leichter „biegen“ lassen. Trotzdem ist das Anlegen mit dem unter den Arm geklemmten Baby auf diese Art und Weise sehr ungünstig.

Ich hoffe, ich konnte Sie überzeugen, dass die Bezeichnungen „Football-Griff“, „Fußball-Griff“ und „Fußball-Haltung“ im Zusammenhang mit dem Stillen nicht länger benutzt werden sollten und stattdessen der Begriff „Seitenhaltung“ besser geeignet ist.

Warum ich das Anlegen in der Seitenhaltung dennoch gerne empfehle und was Sie dabei beachten sollten, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Autorin: Regine Gresens, IBCLC, Dezember 2013
Foto: Mothering Touch via photopin cc
Beitragsbild: University of Central Arkansas via photopin cc

Veröffentlicht von: Regine Gresens

Regine Gresens ist Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Sie hilft Müttern, sich selbst und ihrem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und ihren eigenen Weg mit dem Baby zu gehen, auch wenn die Welt es ihnen schwer macht. Folge ihr auf Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

2 Kommentare

  1. Hallo, liebe Regine!
    deine neue Seite ist toll (die alte war auch schön)
    Schmunzeln mußte ich, dass du dich über den Begriff „Fußballhaltung“ ereiferst 😉
    Meine Erklärung dazu war lange, dass die Schiris den Ball genau so trugen, wenn sie auf´s Spielfeld kommen.
    Inzwischen wird er bei internat. Spielen wg. des Logos vor dem Körper präsentiert; deshalb nenne ich die Stillpositon jetzt „Rückengriff“.
    Mir hat es gefallen, beim Üben der Positionen mit schweren Puppen in den Kursen über den o.g. Begriff vielleicht mehr Männer zu erreichen.

    herzlich
    Frauke

    • Liebe Frauke,
      ja, beim Thema Stillen ist es ganz wichtig auch die Männer zu erreichen, sind sie doch die wichtigsten Unterstützer des Stillpaares.
      Trotzdem stößt es mir halt auf, dass manche Begriffe einfach aus dem Englischen übernommen werden, ohne über die möglichen Folgen nachzudenken. Und in diesem Fall kann eben gerade die Assoziation mit einem Fußball dazu führen, dass die Position a) abgelehnt wird und b) auch nicht richtig funktioniert. Was beides schade ist, finde ich.
      Liebe Grüße,
      Regine

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