Baby ist gut angelegt und es tut trotzdem weh

Baby ist gut angelegt und trotzdem tut es weh

1 Kommentar

Immer wieder berichten Mütter, dass sie beim Stillen lange unter starken Schmerzen gelitten haben, obwohl sie richtig angelegt hatten. Und dass die Schmerzen nach einigen Wochen oder Monaten nachgelassen haben oder ganz verschwunden sind.

Woran kann das liegen?

Nun ja, meisten wird davon ausgegangen, dass die Brustwarzen sich eben allmählich an das ungewohnte Saugen des Babys gewöhnt hätten.

Vielen – besonders den hellhäutigen – Müttern wird auch gesagt, sie hätten nun einmal empfindlichere Haut und bekämen deshalb schneller wunde Brustwarzen als andere.

Wie hier schon öfter erwähnt, sehe ich das anders.

Heftige Schmerzen beim Stillen sind nicht normal, dabei bleibe ich.

Damit meine ich jedoch nicht, diese Mütter seien nicht normal.

Stattdessen möchte ich sie bestärken, Schmerzen beim Stillen nicht als unabänderlich hinzunehmen.

Manchmal ist es einfach schwierig herauszufinden, was die Schmerzen verursacht.

Der häufigste Grund für schmerzende Brustwarzen ist, dass das Baby suboptimal angelegt ist. Daher rate ich bei Schmerzen immer dazu, als Erstes das Anlegen zu verbessern.

Ich erlebe in meinen Beratungen leider aber immer wieder, dass Müttern mit Schmerzen beim Stillen gesagt wurde, ihr Baby wäre „richtig“ angelegt und sie müssten sich eben an die Belastung des Saugens gewöhnen.

Diese Mütter sind oft sehr verzweifelt und fühlen sich zu recht allein gelassen.

Derartige Aussagen haben jedoch nicht immer Hand und Fuß!

Erstens ist nicht jedes dieser Kinder auch wirklich gut angelegt. Denn man sieht nur, was man kennt…

Ich gebe es an dieser Stelle offen zu, auch ich habe vor einigen Jahren noch manchen Müttern gesagt, ihr Baby sei gut angelegt, denen ich heute noch so einige Tipps geben würde, was sie ändern könnten. Das tut mir heute leid, aber damals wusste ich es leider einfach nicht besser. 🙁

Oft wird zum Beispiel nur darauf geachtet, ob das Baby ausgestülpte Lippen hat – nicht jedoch darauf, wie weit es den Mund geöffnet hat oder wie es seinen Kopf hält oder wie die bequem die Position der Mutter ist.

Es lohnt sich also in jedem Fall noch einmal die Stillposition und die Anlegetechnik zu überprüfen und ggf. zu verändern.

 
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Zweitens lässt es sich von außen überhaupt nicht beurteilen, ob wirklich ALLES in Ordnung ist.

Das Entscheidende ist und bleibt, wie es sich anfühlt.

Manchmal sieht es nämlich von außen nicht „richtig“ aus, aber es tut nicht weh und das Baby trinkt effektiv – also ist es okay!!

Und manchmal sieht es zwar äußerlich „perfekt“ aus und trotzdem geschieht im Inneren des Babymunds etwas, was Schmerzen verursacht und die Brustwarzen übermäßig belastet.

Zudem wird häufig nicht geschaut, wie die Brustwarze eigentlich nach dem Stillen aussieht, ob sie beispielsweise verformt ist, wenn sie aus dem Babymund herauskommt.

Was die Ursache der Schmerzen ist, lässt sich dann nur durch eine körperliche Untersuchung von Mutter und Baby sowie ein Beobachten des vollständigen Stillvorgangs herausfinden.

Und Drittens kommt es leider auch desöfteren vor, dass nicht nur eine Ursache vorliegt, sondern mehrere parallel, die vielleicht jeweils nur sehr geringfügig sind, aber sich in der Kombination gegenseitig verstärken.

Eine Verbesserung der Anlegetechnik oder eine andere einzelne Maßnahme reicht daher leider alleine nicht immer aus, um ein angenehmes Stillen zu erreichen.

Ursachen für Schmerzen trotz gutem Anlegen

Wenn das Baby also tatsächlich gut angelegt ist und es trotzdem weh tut, liegt dies häufig an körperlichen Besonderheiten des Babys, die öfter übersehen oder nicht mit den Schmerzen in Verbindung gebracht werden.

Dabei handelt es sich meist um ein verkürztes Zungen- oder Lippenbändchen, eine ungewöhnliche Gaumenform oder eine Blockade der Kiefergelenke oder der Wirbelsäule.

Verkürztes Zungenbändchen

Etwa 2 – 5 % aller reifen Neugeborenen haben ein verkürztes Zungenbändchen. Bei einem Viertel dieser Babys kommt es dadurch zu Stillproblemen, wie zum Beispiel schmerzenden Brustwarzen und ineffektivem Trinken.

Da ein verkürztes Zungenbändchen, vor allem im hinteren Zungenbereich, heute nicht immer erkannt wird oder seine Bedeutung für das Stillen nicht bekannt ist, ist es bei Schmerzen beim Stillen trotz gut angelegtem Baby wichtig, Zungen- und Lippenbändchen von einer fachkundigen Person untersuchen zu lassen.

Besondere Gaumenformen

Gaumen gibt es uns Menschen von Beginn an in verschiedenen Variationen, wie zum Beispiel einen hohen, spitzen oder flachen Gaumen. Das ist ganz normal und muss auch nicht unbedingt zu Problemen führen.

Bei manchen Gaumenformen ist es jedoch schwieriger das Baby gut anzulegen, vor allem dann, wenn die mütterliche Brust auch noch eher straff ist.

Wird das Baby älter und damit auch sein Mund größer, kann es nach einigen Wochen mehr Brust in den Mund nehmen, so dass die Brustwarze tiefer in seinen Mund gelangt – nämlich endlich bis in die Komfortzone.

Die größere Mundöffnung und der größer werdende Mundraum des älteren Babys ist aus meiner Sicht auch der Grund, warum die Schmerzen beim Stillen oft nach einiger Zeit von selbst nachlassen.

Bis es soweit ist, ist es wichtig, möglichst so anzulegen, dass die Brustwarze möglichst tief im Mund liegt.

Blockaden

Wenn das Stillen schmerzt, obwohl das Baby gut angelegt ist und Zungen- und Lippenbändchen sowie Gaumenform unauffällig sind, liegt es häufig an Einschränkungen der Beweglichkeit eines oder mehrerer Gelenke des Kopfes oder der Wirbelsäule, die bereits vor oder bei der Geburt entstanden sind.

Geburtshilfliche Eingriffe, wie etwa eine Geburt mit Hilfe des Kristeller-Handgriffs, durch Saugglocke, Zange oder einen Kaiserschnitt gehören zu den häufigsten Ursachen für Blockaden.

Da dies mittlerweile in der Geburtshilfe bekannt ist, werden heute Neugeborene nach schwierigen Geburtsverläufen in einigen Kliniken in den ersten Lebenstagen vorsorglich von einem Spezialisten, zum Beispiel einem Osteopathen oder Cranio-Sakral-Therapeuten, auf Blockaden untersucht und ggf. sofort behandelt.

Aber auch nach einer Geburt ohne Interventionen kann ein Baby eine Blockade haben, die durch seine ehemalige Lage in der Gebärmutter entstanden ist.

Blockaden können die Funktion von Hirnnerven irritieren, die für die Bewegungen der Gesichtsmuskulatur und der Zunge sowie für die Sinneswahrnehmungen zuständig sind.

Durch diese Irritationen kann sich das Saugmuster des Babys verändern, was zu Schmerzen beim Stillen und/oder ineffektivem Milchtransfer führen kann.

Betroffene Babys neigen oft den Kopf nur zu einer Seite und reagieren auf manche Berührungen sehr empfindlich. Häufig haben sie auch eine hohe Kieferspannung und öffnen ihren Mund nicht sehr weit.

Meist haben sie auch insgesamt eine höhere Körperspannung, tendieren dazu sich zu überstrecken und sind oft unruhig und schwer zu beruhigen.

Leider wird dieses Verhalten von Babys in unserer Gesellschaft sehr schnell als Anpassungsstörung oder als „Säuglings- oder Dreimonatskoliken“ bezeichnet und meist ohne großen Erfolg mit allerlei entschäumenden Medikamenten, Zäpfchen, Globuli usw. und überlieferten Ernährungsplänen für die stillende Mutter „behandelt“.

Manche Blockaden lösen sich tatsächlich irgendwann von alleine oder das Baby lernt die Einschränkungen zu kompensieren. Auch dies kann ein Grund sein, warum viele Mütter nach einer gewissen Zeit keine Schmerzen mehr beim Stillen haben.

Aber viele Blockaden wachsen sich auch nicht aus und können auch nach der Stillzeit weiterhin Probleme bereiten.

Bei Verdacht auf eine Blockade sollte daher frühzeitig ein Spezialist aufgesucht werden. Je früher eine Behandlung beginnt, desto schneller verschwinden die Symptome und Eltern und Kind können die ersten Lebensmonate und das Stillen genießen.

Saugverwirrung

Neugeborene, die als erstes das Saugen an einem Flaschensauger oder mit Stillhütchen gelernt haben, öffnen häufig ihren Mund nicht mehr weit genug. Dadurch nehmen sie oft nicht mehr genug Brustgewebe in den Mund.

Die Brustwarze landet so nicht im hinteren Mundraum und wird durch das höhere Vakuum und die Reibung am harten Gaumen zu stark belastet, schmerzt und wird wund.

Das Gleiche gilt übrigens auch für die „alternative“ Zufütterungsmethode der Fingerfütterung, die vor einiger Zeit noch als unproblematischer als das Zufüttern mit einem Flaschensauger angesehen wurde.

Manche dieser Babys haben sich auch angewöhnt, ihre Zunge im hinteren Mundraum hochzuziehen, um sich vor einem zu starken Milchfluss aus einer Flasche zu schützen, und führen dieses Verhalten an der Brust fort, so dass die Brustwarze nach vorn geschoben und gegen den harten Gaumen gedrückt wird.

Eine Saugverwirrung kann nur durch eine orale Untersuchung des saugenden Babys festgestellt werden und mit einem Saugtraining korrigiert werden.

Vasospasmen

Gerne werden seit einigen Jahren auch Vasospasmen (krampfartige Verengungen der Blutgefäße) als Ursache für schmerzende Brustwarzen diagnostiziert.

Vasospasmen sind tatsächlich sehr schmerzhaft. Sie treten meist schubweise wenige Minuten nach dem Stillen auf und können verschiedene Gründe haben.

Gehen sie mit Schmerzen beim Stillen sowie mit Verletzungen und Verformungen der Brustwarzen nach dem Stillen einher, sind sie meiner Erfahrung nach eher als weiteres Symptom, denn als Ursache zu sehen.

Am häufigsten entstehen sie durch suboptimales Anlegen und hören nach einer Korrektur des Anlegens üblicherweise auf.

Ist jedoch eine Blockade oder eine Saugverwirrung die Ursache für die übermäßige Belastung der Brustwarzen, reicht das Verändern der Anlegetechnik alleine natürlich nicht aus.

Magnesiummangel, der oft etwa 14 Tage nach Absetzen einer hochdosierten Magnesiumgabe wegen vorzeitiger Wehen in der Schwangerschaft auftritt, ist eine weitere mögliche Ursache. Die Therapie besteht in diesem Fall aus hochdosiertem Magnesium und Calcium und führt innerhalb kurzer Zeit zur Besserung der Symptome.

Auch verschiedene Medikamente, wie zum Beispiel Betablocker, Migränemittel sowie manche Antidepressiva, können Gefäßkrämpfe hervorrufen oder verstärken.

Eine weitere Ursache kann ein primäres Raynaud-Phänomen sein. Darunter leiden etwa 7–12 Prozent der Bevölkerung, überwiegend Frauen. Die Beschwerden treten oft familiär gehäuft auf, zum Beispiel in Form von Migräne, und beginnen bereits in der Pubertät.

Bei Kälte kommt es zu einer symmetrisch auftretenden, plötzlichen Verfärbung der Finger, die meist von weiß über blau zu rot reicht und mit Taubheitsgefühl und Schmerzen einhergeht – daher wird dieses Syndrom umgangssprachlich auch Weißfingerkrankheit genannt.

Die Diagnose und Behandlung des Raynaud-Syndroms sollte durch einen Arzt erfolgen.

Weitere Therapiemaßnahmen sind: Wärme vor dem Stillen, Meiden von gefäßverengenden Substanzen (z.B. Koffein, Nikotin, Medikamente), Fördern der Durchblutung (z.B. Weglassen des Still-BHs, Massagen), Vitamin B6 sowie Steigerung der Zufuhr essenzieller, ungesättigter, langkettiger Fettsäuren.

Wenn Du also beim Stillen Schmerzen hast, die sich durch besseres Anlegen nicht reduzieren lassen, such Dir fachkundige Unterstützung bei einem Spezialisten. Vielleicht ist einfach nur noch nicht an den richtigen Stellen nach der Ursache geschaut worden.

Autorin: Regine Gresens, IBCLC, März 2018
Foto: Tomsickova Tatyana


Veröffentlicht von: Regine Gresens

Hallo, ich bin Regine - Mutter, Hebamme, Still- & Laktationsberaterin IBCLC, Heilpraktikerin für Psychotherapie (HeilprG) und Autorin. Ich helfe Dir, als Mutter Dir selbst und Deinem Baby zu vertrauen, entspannt und erfolgreich zu stillen und Euren eigenen Weg zu gehen. Du findest mich auch auf Pinterest, Facebook, Twitter, Youtube und Google+.

Ein Kommentar

  1. JAAAA!! Volle Zustimmung!!!

    Meine Hebamme zuhause, zwei weitere im Krankenhaus sowie 2 Stillberaterinnen sagten stets „korrekt angelegt“ und das trotz Höllenqualen und tiefen entzündeten Wunden rechts.

    Wenn ich nicht „asymmetrisch anlegen“ von Frau Gresens gefunden hätte, es wäre im Dunkeln geblieben, dass der Nippel einfach tatsächlich NICHT tief genug kam-
    von wegen richtig angelegt! Pech, wenn man ungleiche Brüste hat…

    Doch seitdem wirklich tief genug angelegt wird, stillt es sich (nun schon 10 Monate) wunderbar…

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