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Schwanger - na und!

Text: Silke Pfersdorf
 
80 Prozent aller werdenden Mütter gelten heute als "Risiko-patientinnen". Werden wir nur verrückt gemacht? Und wo bleibt da die Vorfreude aufs Kind?
 
Ausgeklügelte Methoden der modernen Medizin

 
Ultraschallbild eines Feten
Zufrieden und mit rundem Sechsmo-natsbauch lag Sibyll Weiner beim Ult-raschall. Und dann plötzlich dieser ernste Blick des Arztes. "Das müssen wir im Auge behalten", sagte er, als er den Umfang des Brustkorbes in eine Kurve eintrug. Ein Satz, mit dem für Sibyll Weiner das Grauen begann. Nicht nur ihr Kind wuchs, auch die Angst, dass damit etwas nicht stimmte. Zu groß, sagte der Arzt und sah schon Probleme bei der Geburt auf die Homburgerin zukommen. Alle drei Wochen musste Sibyll Weiner von da an zum Ultraschall. Ihr Baby passte weiterhin in keine Kurve. "Sie essen heimlich Sahnetor-ten", vermutete der Frauenarzt. "Sie essen viel zu wenig", warnte dagegen ein Klinik-Diabetologe, der Sibylls Ernährungsplan kontrol-lierte, und: "Das kann zu Minderintelligenz des Kindes führen." Sibyll war verzweifelt: "Ich hatte Angst, mein Baby würde nicht nur dick, sondern auch noch geistig behindert!" Als das Kind zur Welt kam, stell-te sich heraus: alles in Ordnung. Auch mit großem Brustkorb. "Den hat das Kind nämlich von meinem Mann geerbt."
 
So geht es werdenden Müttern heutzutage oft. Die Ärzte sehen viel, können es aber nicht richtig deuten. Hauptsache, gesund. Früher war nicht nur der Wunsch da - auch das Vertrauen. Heute aber ist die Sor-ge Stammgast in den Frauenarztpraxen. Sie hat sich eingenistet zwi-schen den Monitoren, Reagenzgläsern und Ultraschallgeräten. Hat die pure Freude aufs Kind in die Flucht geschlagen. Seit die Liste der Risi-kofaktoren bei Schwangerschaften in den letzten 15 Jahren von 17 auf 52 aufgepumpt wurde, wird der Gynäkologe fast bei jeder fündig: Heu-schnupfen, Übergewicht oder eine krumme Wirbelsäule können schon fürs Prädikat "Risiko" ausreichen. Vier von fünf deutschen Schwange-ren haben diesen Eintrag im Mutterpass. Bekannte Nebenwirkungen: klamme Gedanken, Sorge ums Kind, Unsicherheiten. Oft neun Monate lang.
 
Die moderne Medizin - mit immer ausgeklügelteren Methoden versucht sie Krankheiten und Behinderungen zu erkennen: Sechs bis sieben statt der drei vorgeschriebenen Ultraschall-Checks sind inzwischen an der Tagesordnung, ein neues Verfahren einer US-Firma verspricht, neurologische Störungen des Fötus demnächst an seinem Kopfnicken, Strampeln und Drehen erkennen zu können. Und dann sind da noch die Amniozentese, Chorionzottenbiopsie, Alpha-Feto-Protein-Bestim-mung, Triple-Test, Fish-Technik, Nackenfalten-Untersuchung sowie die Vermessung des Nasenbeins beim Fötus. Entdecke die Möglichkeiten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten verfünffachte sich die Zahl der Vorsorge-Untersuchungen während der Schwangerschaft. Andere Um-stände sind heute umständlich geworden.

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Unnötige Zitterpartie

Menschlicher Embryo im Morulastadium (1. SSW)
Die Angst hat einen starken Partner - den Druck. Verzichtet eine Frau auf eine ihr ange-botene Testmethode, reagiert ein Arzt schon mal verschnupft. Wie bei Ulrike Streck-Plath, 38, aus Maintal. Beim dritten Kind legte ihr die Gynäkologin eine Fruchtwasseruntersuchung ans Herz, aber "ich habe ihr gesagt, ich will das nicht", erinnert sich Streck-Plath. "Da hat sie mir lauter Schauermärchen erzählt, wie viele Leute sie kennen würde, die behinderte Kinder haben. Sogar ein Gynäkologe sei dabei, der habe gleich drei davon. Ich hatte wirklich das Gefühl, mich gegen die Untersuchung zur Wehr setzen zu müssen." Streck-Plath blieb trotzdem beharrlich, ließ sich nicht verunsichern. Doch viele Mütter geben nach. Die Ärztin wird schon wissen, was sie tut.
 
Weiß sie auch. Aber sagt sie es auch? "Ganz wichtig ist, dass Frauen die richtigen Informationen bekommen", glaubt der Göttinger Human-genetiker Ulrich Sancken. "Doch viele Frauenärzte haben die Zeit für diese Aufklärung nicht." Ein paar Stichworte, ein paar Zahlen werden den Schwangeren vielleicht vor die Füße geworfen. Zusammen mit dem Appell an ihre Verantwortung für das Kind. Und dann: Die Näch-ste, bitte. Auch untereinander sind sich Schwangere oft keine große Hilfe; Halbwahrheiten, Gerüchte und Scharfmacherei gedeihen prächtig auf dem Nährboden der Verunsicherung. "Aus der Geburtsvorbereitung bin ich jedes Mal völlig geplättet rausgekommen", erinnert sich Tanja Steffels, 25. "Immer diese Fragen: Hast du diesen oder jenen Test schon gemacht? Das macht doch jede fertig."
 
96 von 100 Kindern kommen völlig gesund zur Welt

Dabei ist die Zitterpartie meist völlig unnötig. 96 Prozent aller Kinder kommen völlig gesund zur Welt, 90 Prozent aller Behinderungen sind Folgen von Fehlern bei der Geburt, späteren Krankheiten und Unfällen. Nur ein halbes Prozent Fehlbildungen und Störungen können die Tests überhaupt aufdecken. Am sichersten noch das so genannte Down-Syn-drom: "Da wird oft regelrechtes Down-Hunting betrieben", beobachtete Ulrich Sancken. Die Wahrscheinlichkeit für eine 37-Jährige, ein Down-Kind in sich zu tragen, liegt zwar bei 0,5 Prozent; aber die Wahrschein-lichkeit, dass sie ihr Kind bei einer Fruchtwasseruntersuchung durch den dafür nötigen Nadelstich in die Gebärmutterhöhle verliert, ist ge-nauso bis doppelt so hoch.

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Auch die Ärzte haben Angst

Erkannt wird in deutschen Arztpraxen freilich viel mehr als die wenigen tatsächlichen Behinderungen. Denn auch der Arzt hat Angst. Entgeht ihm nämlich ein sichtbarer Defekt beim Kind, muss er im Zweifel Un-terhalt zahlen. Auch, wenn er zum Beispiel versäumt, eine 38-jährige Schwangere darüber zu informieren, dass sie eine Fruchtwasserana-lyse machen lassen könnte. So kommt es, dass sich Mediziner an ihre Tabellen und Statistiken klammern und bei Abweichungen von Norm-kind und Normschwangerschaft sofort Alarm schlagen.
 
Ein Test - das Ende aller Unsicherheit?

Menschlicher Embryo (6. SSW)
"Durch den verfeinerten Ultraschall findet sich inzwischen fast bei jeder Schwangeren etwas, das nicht normgerecht ist", weiß Sancken. "Die so genannten weißen Flecken auf dem Herzen zum Beispiel. Bei Kindern mit Chromosomen-Störungen kommen die etwas häufiger vor als bei anderen, man findet die aber bei vielen Kindern. Früher hat man so was gar nicht erst gesehen." Auch Sibyll Weiner wurde durch den großen Brustkorb ihres Babys zum Tabellen-opfer. Früher fand die Zellbiologin die Tests, die sie selbst im human-genetischen Institut auswertete, stets famos. Nach drei Schwanger-schaften hat sie da ihre Zweifel. Schon der genaue und frühe Blick per Ultraschall hat ihr viele schlaflose Nächte beschert: "Irgendwas finden sie immer. Der Arzt stellt etwas fest, während er untersucht, und dann ist es deine Kiste, wie du darauf reagierst."
 
Ein Test - das Ende aller Unsicherheit? Mitnichten. Die Methoden der pränatalen Diagnostik sind nicht unfehlbar. Beinahe jeder zweite Trip-le-Test etwa, ein Bluttest zwischen der 15. und 18. Woche, der außer dem Down-Syndrom noch den offenen Rücken dingfest machen soll, schlägt falschen Alarm.
 
Manchmal sind aber auch Ultraschall-Vorhersagen mit Vorsicht zu ge-nießen: Christiane Gerecke aus Lautzkirchen lag schon zur Ausscha-bung bereit, weil die Ärzte bei ihrem ungeborenen Kind keine Herztöne mehr erkennen konnten. "Ich war total am Ende", erinnert sie sich. Doch die Mediziner schauten noch mal genauer hin. Heute ist Lars 13 Jahre alt.
 
Zwei bis drei Prozent der werdenden Eltern bekommen durch pränatale Tests die Bestätigung, dass ihr Kind krank oder behindert ist. Ein Schock - und nicht selten der Anfang vom Ende der Mutter-Baby-Be-ziehung. Probleme wie Blutgruppen-Unverträglichkeiten oder Flüssig-keitsansammlungen in Nieren und Gehirn, denen man durch Frühdiag-nostik auf die Schliche kommt, kann man heilen - Behinderungen nicht. Die sind da. Und dann?

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Bange Zeit statt guter Hoffnung

Eine Frage, die sich die 26-jährige Jenny Ast-Noack aus Berlin durch-aus stellte. Ihr Frauenarzt vermutete nach einem Ultraschall in der 27. Woche bei ihrem Kind einen Wasserkopf und wollte sie sofort zur Fruchtwasseranalyse schicken. Doch Ast-Noack lehnte ab: "Wir wollten unsere Kleine nicht dadurch in Gefahr bringen, denn das Ergebnis, ob nun wirklich Wasserkopf oder nicht, hätte für uns nichts geändert. Bis drei Tage vor der Geburt deuteten die Ärzte bei jeder Kontrolle an, dass sie mein Kind noch wegmachen würden, wenn ich das wollte." Heute ist Lea elf Monate alt, ihr Kopf ist ein bisschen größer als bei gleichaltrigen Kindern, und motorisch muss sie noch etwas aufholen. Ansonsten ist sie vor allem eins: ein fröhliches Kind.
 
Menschlicher Fetus (18. SSW)
"Jede Frau sollte sich fragen: Was will ich ei-gentlich mit dem Test? Und was mache ich, wenn dadurch eine Krankheit oder Behinderung bestätigt wird?", rät Humangenetiker Sancken. Was viele Frauen nicht wissen: Weil die Ergeb-nisse meistens erst im fünften oder sechsten Schwangerschaftsmonat vorliegen, ist ein Ab-bruch per Ausschabung nicht mehr möglich. Es muss eine richtige Geburt eingeleitet werden. "Das sollten sich Schwangere klarmachen, be-vor sie sich für einen Test entscheiden", rät Ebba Kirchner-Asbrock von "Cara", einer Beratungsstelle zur vorgeburtlichen Diagnostik aus Bre-men. "Viele sagen dann nämlich, dass sie sich einen so späten Abbruch nicht vorstellen können." Das macht eine Entscheidung schon klarer. Die Schwangeren sollten sich nicht drängen lassen und nicht eher aus der Praxis gehen, bevor nicht alle ihre Fragen beantwortet sind. "Wich-tig ist für Schwangere natürlich auch ein unterstützendes Umfeld, das ihnen signalisiert, dass es jede Entscheidung mitträgt", sagt die Exper-tin.
 
Manche Frauen schweigen über ihre Schwangerschaft, bis sie in der 11. bis 14. Woche die Messung der Nackenfaltentransparenz (zum Aus-schließen schwerer Behinderungen) hinter sich haben. Die erste Hoch-rechnung für das Endergebnis Kind sozusagen. Der Startschuss für die Vorfreude.
 
Ein Zeitphänomen, vielleicht. Der Versuch, sich im unberechenbaren Alltag ein paar Sicherheiten zu schaffen. Die vermeintliche Sicherheit, ein gesundes Kind zu bekommen, zum Beispiel. Unser Hab und Gut, sogar das Risiko unseres Daseins haben wir versichert. Und jetzt wol-len wir auch kein Risiko für das Leben unseres Kindes eingehen. Per-fektion, ein Grundrecht. Defekte Ware kann man umtauschen, zurück-geben. Auch Babys, irgendwie.
 
Quelle: Brigitte 6/2004
 

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