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Bakterien

Ein einziges Fläschchen schadet doch nichts – oder?

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Autorin: Marsha Walker, IBCLC, 2004

Zufütterung bei einem gestillten Baby

Grundlagen:
Der Verdauungstrakt eines normalen Feten ist keimfrei.
Die Art der Geburt hat Auswirkungen auf die Entwicklung der Dünndarmflora:

  • Vaginal geborene Säuglinge sind mit den Bakterien ihrer Mutter besiedelt.
  • Per Kaiserschnitt geborene Säuglinge werden wahrscheinlich zuerst den Mikroben der Luft oder anderer Säuglinge und des Pflegepersonals ausgesetzt, die als Überträger der Mikroben dienen.
  • Die Babys mit dem höchsten Risiko der Besiedelung mit unerwünschten Mikroben oder bei denen die Übertragung der mütterlichen Quellen nicht stattfinden kann, sind: durch Kaiserschnitt geborene Babys, Frühgeborene, reife Babys, die Intensivpflege benötigen, oder Babys, die von ihrer Mutter getrennt sind.

Gestillte und mit künstlicher Säuglingsnahrung (Formula) ernährte Säuglinge haben eine unterschiedliche Darmflora:

  • Gestillte Babys haben während der ersten sechs Wochen einen niedrigeren pH-Wert im Darm von etwa 5,1 – 5,4 (saures Milieu), dabei dominieren Bifidus-Bakterien und es gibt nur wenige krankmachende Mikroben, wie z.B. Escherichia coli, Bakteriodes, Clostridien und Streptokokken.
  • Mit Formula gefütterte Babys haben einen hohen pH-Wert von etwa 5,9 – 7,3 im Darm mit einer Vielzahl von Fäulnisbakterienarten.
  • Bei Säuglingen, die Muttermilch und zusätzlich Formula erhalten haben, liegt der durchschnittliche pH-Wert im Darm in den ersten vier Wochen etwa bei 5,7 – 6,0 und fällt dann bis zur sechsten Woche auf 5,45.
  • Wenn gestillten Babys während der ersten sieben Lebenstage Formula zugefüttert wird, erfolgt die Bildung des stark sauren Milieus verspätet und sein volles Potentials wird vielleicht niemals erreicht.
  • Gestillte Säuglinge, die Zufütterungen erhalten, entwickeln eine Darmflora und ein Darmverhalten wie formulaernährte Säuglinge.

Der Magen-Darm-Trakt des Neugeborenen verändert sich nach der Geburt durch schnelles Wachstum und Reifung:

  • Babys haben bei der Geburt einen Darm mit unreifen Funktionen und ohne “Immunerfahrungen”.
  • Es dauert viele Wochen bis die “Öffnungen” in der Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts reifen und den Darm vor ganzen Proteinen und Pathogenen verschließen.
  • Die Offenheit und Unreife des Darms spielen eine Rolle bei der Entstehung von NEC (Nekrotisierende Enterokolitis = Entzündung des Dünn- und Dickdarms), Durchfallerkrankungen und Allergien.
  • Sekretorische Immunglobuline (sIgA) aus Kolostrum und reifer Muttermilch kleiden den Darm aus und verleihen dem Neugeborenen so passive Immunität während der Phase der unvollständigen Immunfunktion des Darmes.
  • Mütterliche sIgA wirken spezifisch gegen Antigene. Diese Antikörper richten sich gegen Pathogene (=Krankheitserreger) in der unmittelbaren Umgebung des Babys.
  • Die Mutter entwickelt Antikörper, wenn sie Kontakt mit krankmachenden Mikroben hat, indem sie diese mit der Nahrung, der Atmung oder auf andere Art aufnimmt.
  • Diese Antikörper ignorieren nützliche Bakterien, die zur normalen Darmflora gehören und Krankheiten abwehren, ohne selbst Entzündungen zu verursachen.

Säuglingsnahrung sollte einem gestillten Baby nicht verabreicht werden, bevor die Darmschleimhaut sich verschlossen hat.

  • Sobald mit der Zufütterung begonnen wird, gleicht das Bakterienprofil von gestillten Säuglingen dem von formulaernährten, indem die Bifidus-Bakterien nicht länger dominieren und sich obligate, anaerobe Bakterienstämme entwickeln. [1]
  • Selbst die Zufütterung von relativ kleinen Mengen von Formula bei gestillten Säuglingen (einmal in 24 Stunden) verändert das Muster der Darmflora in das eines Flaschenkindes. [2]
  • Die Einführung von fester Kost bei einem gestillten Säugling verursacht eine große Störung im Ökosystems des Darms, mit einem schnellen Anstieg der Anzahl der Enterobakterien und Enterokokken, gefolgt von einer fortschreitenden Besiedelung durch Bakteroides, Clostridien und anaerobe Streptokokken. [3]
  • Mit der Einführung von zusätzlicher Flaschennahrung lässt sich die Darmflora eines gestillten Babys innerhalb von 24 Stunden kaum noch von normaler Darmflora eines Erwachsenen unterscheiden. [4]
  • Falls danach wieder ausschließlich Muttermilch gegeben wird, würde es 2 – 4 Wochen dauern, bis die Besiedelung des Darms wieder aus einer überwiegend gram-positiven Flora bestehen würde. [5,4]

In Allergie gefährdeten Familien kann ein gestilltes Baby durch die Gabe einer einzigen Flasche Formula auf Kuhmilchprotein sensibilisiert werden, z.B. durch versehentliche Zufütterung, unnötige Zufütterung oder routinemäßige Zufütterung im Neugeborenenzimmer während der ersten drei Lebenstage. [6,7]

  • Säuglinge mit einem hohen Risiko für die Entwicklung von atopischen Erkrankungen (=Allergien) werden rechnerisch bestimmt. Sie haben eine Erkrankungswahrscheinlichkeit von 37 %, wenn ein Elternteil eine atopische Erkrankung hat und eine Wahrscheinlichkeit von 62 – 85 %, wenn beide Eltern erkrankt sind, gleichgültig, ob die Eltern die gleichen oder unterschiedliche klinische Symptome haben. Unabhängig von der Familienanamnese haben alle Säuglinge mit erhöhten IgE-Werten im Nabelschnurblut ein erhöhtes Risiko. [8]
  • Bei gestillten Säuglingen mit erhöhtem Allergierisiko kann hypoallergene Formula gegeben werden, um das Stillen zu ergänzen; feste Kost sollte nicht eingeführt werden, bevor der Säugling 6 Monate alt ist; Milchprodukte sollten nicht vor dem 1. Geburtstag gegeben werden. Außerdem sollte die Mutter sich überlegen bei ihrer eigenen Ernährung auf Erdnüsse, Nüsse, Kuhmilch, Eier und Fisch zu verzichten. [9]

In gefährdeten Familien kann der frühzeitige Kontakt des Säuglings mit Kuhmilchproteinen sein Risiko für die Entwicklung eines insulinpflichtigen Diabetes Mellitus (IDDM) erhöhen. [10,11]

  • Die Vermeidung von Kuhmilchproteinen in den ersten Lebensmonaten könnte bei gefährdeten Personen die spätere Entwicklung von IDDM reduzieren oder seinen Ausbruch verzögern. [12]
  • Sensibilisierung und Entwicklung eines Immungedächtnisses auf Kuhmilch ist der initiale Schritt bei der Entstehung von IDDM. [13]
    • Sensibilisierung kann durch sehr frühe Exposition zu Kuhmilch vor dem Verschließen der zellulären engen Öffnungen des Darms erfolgen.
    • Sensibilisierung kann durch Exposition zu Kuhmilch während einer durch Infektion verursachten, gastrointestinalen Veränderung erfolgen, bei der die Schleimhautbarriere beeinträchtigt ist, so dass sie die Passage von Antigenen erlaubt und damit Immunreaktionen ausgelöst werden.
    • Sensibilisierung kann erfolgen, wenn die Anwesenheit von Kuhmilchproteinen im Darm die Schleimhautbarriere schädigt, den Darm entzündet, Bindungskomponenten der zellulären Verbindungen zerstört oder andere frühe Verletzungen mit Kuhmilchprotein zur Sensibilisierung führen. [14]

Foto: dullhunk via photopin cc
Original: “Supplementation of the Breastfed Baby Just One Bottle Won’t Hurt” – or Will it?
von Marsha Walker, RN, IBCLC, 2004
Übersetzung: Regine Gresens, IBCLC, Januar 2005

Referenzen:

  1. Mackie, RI; Sghir, A; Gaskins, HR: Developmental microbial ecology of the neonatal gastrointestinal tract. Am J Clin Nutr 1999; 69(Suppl) :1035S-1045S
  2. Bullen, CL; Tearle, PV; Stewart, MG: The effect of humanized milks and supplemented breast feeding on the faecal flora of infants. J Med Microbiol 1977; 10:403-13
  3. Stark, PL; Lee, A: The microbial ecology of the large bowel of breastfed and formula-fed infants during the first year of life. J Med Microbiol 1982; 15:189-203
  4. Gerstley, JR; Howell, KM; Nagel, BR: Some factors influencing the fecal flora of infants. Am J Dis Child 1932; 43:555
  5. Brown, EW; Bosworth, AW: Studies of infant feeding VI. A bacteriological study of the feces and the food of normal babies receiving breast milk. Am J Dis Child 1922; 23:243
  6. Host, A: Husby, S; Osterballe, O: A prospective study of cow’s milk allergy in exclusively breastfed infants. Acta Paediatr Scand 1988; 77:663-70
  7. Host, A: Importance of the first meal on the development of cow’s allergy and intolerance. Allergy Proc 1991; 10:227-32
  8. Chandra, RK: Food allergy and nutrition in early life: implications for later health. Proc Nutr Soc 2000; 59:273-77
  9. American Academy of Pediatrics, Committee on Nutrition: Hypoallergenic infant formulas. Pediatrics 2000; 106:346-49
  10. Mayer, EJ; Hamman, RF; Gay, EC; et al: Reduced Risk of IDDM among breastfed children. The Colorado IDDM Registry. Diabetes 1988; 37:1625-32
  11. Karjalainen, J; Martin, JM; Knip, M; et al: A bovine albumin peptide as a possible trigger of insulin-dependent diabetes mellitus. N Engl J Med 1992; 327:302-07
  12. American Academy of Pediatrics, Work Group on Cow’s Milk Protein and Diabetes Mellitus: Infant feeding practices and their possible relationship to the etiology of diabetes mellitus. Pediatrics 1994; 94:752-54
  13. Kostraba, JN; Cruickshanks, KJ; Lawler-Heavner, J; et al: Early exposure to cow’s milk and solid foods in infancy, genetic predisposition, and risk of IDDM. Diabetes 1993; 42:288-95
  14. Savilahti; E; Tuomilehto, J; Saukkonen, TT; et al: Increased levels of cow’s milk and b-lactoglobulin antibodies in young children with newly diagnosed IDDM. Diabetes Care 1993; 16:984-89.

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Veröffentlicht von: Regine Gresens

Ich bin Hebamme, Stillberaterin IBCLC (Laktationsberaterin) sowie Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ich berate Sie bei Stillproblemen jeder Art und zu allen Fragen rund um das Leben mit Babys und Kleinkindern. Wenn Sie einen Beratungstermin wünschen, rufen Sie mich an unter +49 (0)40 - 64 08 92 77 oder senden Sie mir eine Email. Sie finden mich auch auf Facebook, Twitter, Youtube und Google+. Hier können Sie mehr über mich erfahren.

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